Denkt Walter Schellenbaum an den Abend, vergeht seine gute Laune. «Schrecklich», sagt er, «ich muss bereits um 20.30 Uhr ins Bett.»

Der 25-jährige Elektromonteur aus St. Gallen leidet an Muskelschwund. Seit der Kindheit ist er auf den Rollstuhl angewiesen. Er kann zwar allein den Haushalt machen, auf die Toilette gehen und Ausflüge unternehmen. Aber er kommt nicht allein ins Bett – und von dort wieder heraus. Dabei möchte Schellenbaum «um 24 Uhr ins Bett wie alle andern auch».

Der aktive junge Mann hat viele nicht behinderte Kollegen, doch der Kontakt ist schwierig. «Viele meiner Freunde rufen gar nicht mehr an. Sie sagen, man könne ja doch nichts mit mir abmachen.»

Schellenbaums Pech: Fast überall bieten die Spitex-Organisationen ihre Dienste höchstens bis 21 Uhr an. Danach gibts allenfalls noch einen Pikettdienst für Notfälle. Anfänglich musste Schellenbaum sogar schon um 20 Uhr unter die Decke. Am Morgen kam dann die Spitex-Betreuerin erst um neun Uhr. Schellenbaum war also über zwölf Stunden ans Bett gefesselt.

Invalidenverband macht Druck
Gemäss einer Statistik des Bundesamts für Sozialversicherung sind rund ein Viertel aller Spitex-Bezügerinnen und -Bezüger noch nicht im AHV-Alter. Im Kanton Luzern etwa waren 1998 rund vier Prozent der Spitex-Kundschaft behindert und von Dritthilfe abhängig.

Für den Schweizerischen Invalidenverband steht die Forderung nach Spitex-Diensten zu Randzeiten deshalb ganz oben auf der Traktandenliste. «Häufig geht es nicht allein um pflegerische Hilfe. Es sind die kleinen Handreichungen zwischendurch, die ein soziales und autonomes Leben gewährleisten», sagt Zentralsekretär Hannes Steiger. «Heute geht die Betreuung Behinderter sehr oft zu Lasten der Familie, und der Staat nimmt das einfach hin», beklagt sich Steiger. «Abgesehen davon, dass flexible Spitex-Lösungen im Vergleich zum Heimaufenthalt auch kostenmässig nur Vorteile haben.»

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Nachtdienst hat keine Priorität
Die Spitex-Verbände verneinen den Handlungsbedarf nicht. Doch bevor sie aktiv werden wollen, fordern sie detaillierte Bedarfsabklärungen. Sehr ernst scheint es ihnen damit jedoch nicht zu sein. Zwar erstellt der Spitex-Verband Schweiz derzeit Qualitätsnormen. Spitex-Dienste zu Randzeiten figurieren aber nicht unter den wichtigen Kriterien.

Spitex-Organisationen werden zu einem grossen Teil von der AHV subventioniert. Zudem vergüten die Krankenkassen den Versicherten die Kosten für Grund-Krankenpflege-Leistungen. Bei einem Leistungsausbau müssten also die Benutzer ins Portemonnaie greifen, wenn das nicht der Kanton oder die Gemeinden tun – wie etwa in Luzern, neben Bern der einzige Ort mit 24-Stunden-Spitex-Service. In Luzern decken Bundessubventionen, Zahlungen der Nutzer – die teilweise von den Krankenkassen vergütet werden – sowie städtische Beiträge je einen Drittel der Kosten.

Die Tarife der Spitex Luzern entsprechen jenen anderer Städte. Geschäftsleiter Paul Bürkler hält den Aufwand für den Nachtdienst für durchaus tragbar. Von 130 Mitarbeitenden seien nachts zwei im Einsatz. «Das ergibt keine gigantischen Kosten. Es wäre überall machbar.»

Davon kann Walter Schellenbaum nur träumen. Er hat in der Zwischenzeit für sich selbst gesorgt. Er fand einen Helfer, der im gleichen Haus wohnt. «Ich rief ihn einfach an und fragte, ob er mal essen kommen wolle. Ich kochte eine Suppe, und er brachte etwas mit.»

Schellenbaums Helfer kommt an vier Wochentagen gegen 23 Uhr vorbei. Damit er bezahlt werden kann, hat er sich bei den freiwilligen Spitex-Helferinnen der St. Galler Frauenzentrale anstellen lassen.

Nur: Eine definitive Lösung ist das nicht. Zieht der Nachbar weg oder geht er in die Ferien, muss Schellenbaum wieder für sich selber sorgen. Dann heisst es wieder: Gute Nacht – abends um acht.

Revision des UV-Gesetzes: Leichte Besserung in Sicht
Walter Schellenbaum ist mit seinem Problem nicht allein. Wie er möchten Tausende von behinderten Menschen ein möglichst normales Leben führen können. Die vielen alltäglichen Hürden liessen sich beseitigen, wenn den Betroffenen Geld zur Verfügung stünde, um Hilfsdienste einzukaufen.

Behindertenorganisationen und die Behindertenhilfe fordern deshalb seit Jahren so genannte Assistenzentschädigungen der Invalidenversicherung. Der Bundesrat nahm die Idee für die Revision des IV-Gesetzes auf. Eine entsprechende Entschädigung ist jedenfalls in Sichtweite.