Wie war das doch gleich? Wenn man jemanden «zum Fressen» gern hat, wird das dann gross- oder kleingeschrieben? Antwort: gross. Und wie lässt man seine Geliebte wissen, dass sie das «Einundalles» ist? Zusammen und gross, mit Bindestrichen (Ein-und-Alles) oder lieber getrennt? Antwort: «Ein und Alles» ist die korrekte Version. Kleine Rechtschreibfehler in Liebesbriefen mögen ja noch herzig wirken – in Geschäftsbriefen, Projektbeschrieben und anderen Texten jedoch hinterlassen solche Patzer keinen guten Eindruck. Leider wimmelt es in der deutschen Sprache von Wendungen, die immer wieder falsch geschrieben werden, und von Regeln, die kaum jemand so richtig kennt.

Davon kann Karin Müller ein Lied singen. Die Germanistin und ehemalige Zeitschriftenredaktorin erhält täglich Anrufe, Faxe und E-Mails von ratlosen Schreiberinnen und Schreibern, die sich über knifflige Rechtschreibfälle den Kopf zerbrechen und nicht mehr weiterwissen. Da sind sie in Müllers Büro am Petersgraben 35 in Basel an der richtigen Adresse: Seit fünf Jahren befindet sich hier die Sprachauskunft des Schweizerischen Vereins für die deutsche Sprache (SVDS). Sie ist sozusagen die kleine Schwester der Duden-Sprachberatung in Mannheim, wo sich täglich über 100 von Rechtschreibsorgen geplagte Bürger ans Germanistenteam wenden.

Ganz so hektisch geht es bei Karin Müller mit fünf bis sechs Anfragen pro Tag nicht zu und her. Die Expertin arbeitet im 40-Prozent-Verhältnis für die Sprachauskunft, jeweils am Vormittag von Montag bis Donnerstag. Bis 1997 war diese Dienstleistung des SVDS 93 Jahre lang auf privater, ehrenamtlicher Basis von einzelnen Vereinsmitgliedern angeboten worden. Jetzt unterstützt die Universität Basel die Sprachauskunft mit Infrastruktur und in der Personalrekrutierung. Zum Angebot der Beratungsstelle gehören der telefonische Auskunftsdienst sowie – gegen Honorar – die schriftliche Bearbeitung von Manuskripten aller Art. «Ich habe es meist mit einer kleinen, sprachgewandten Stammkundschaft zu tun», sagt Karin Müller.

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«Es wäre jedoch schön, wenn die Sprachauskunft auch weniger Schreibgeübten die Angst vor Fehlern nehmen könnte. Leider melden sich diese Leute nur ganz selten.»

Manchmal tritt die Sprachauskunft auch als Schlichtungsinstanz in Aktion, wenn zum Beispiel Uneinigkeit über die Rechtschreibung zu hitzigen Diskussionen unter Bürokollegen führt. «Oft geht es dabei um Formulierungs- und Stilunsicherheiten oder um den Gebrauch von Helvetismen und deutschem Standard. Diese Fälle lassen sich meist nicht einfach mit richtig oder falsch beantworten», so Müller.

Ein typischer Fall eines schweizerischen Extrazügleins ist das Wort «Bahnhofvorstand»: Während dieser in der Schweiz oft ohne Fugen-s geschrieben wird, kommt er im Hochdeutschen als «Bahnhofsvorstand» daher. Als rechtschreiberische Sorgenkinder der deutschen Sprache gelten jedoch Anglizismen. So tauche immer wieder die Frage nach dem grammatischen Geschlecht des mittlerweile eingedeutschten Begriffs «E-Mail» auf – «die weibliche wie auch die neutrale Variante sind hier richtig».

Regelmässig erkundigen sich Anruferinnen und Anrufer nach der Herkunft von Redewendungen wie «der springende Punkt». «Der Ausdruck stammt von Aristoteles. In seiner ‹Geschichte der Tierwelt› spricht der griechische Philosoph davon, dass sich im Weissen des Eis das Herz des werdenden Vogels als ‹Blutfleck› anzeige. Das Zeichen hüpfe wie ein Lebewesen. Die Humanisten übersetzten den Ausdruck mit ‹punctum saliens› und nannten ihn ‹Kernpunkt des Lebens›. Dies führte zur heutigen Bedeutung: der Punkt, auf den alles ankommt», sagt Müller.

Eine andere Anruferin wollte kürzlich von der Germanistin wissen, wie der Begriff «Grittibänz» entstanden ist. Müllers Erklärung: Früher wurden alte Männer, die breitbeinig liefen, offenbar «Gritti» genannt. Und «Benz» steht für einen einst geläufigen Vornamen. Daraus entstand der Grittibänz als Name für die traditionelle Teigfigur.

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Nicht minder interessant ist die Geschichte hinter der Bezeichnung «nullachtfünfzehn»: Müller: «Das Wort stammt aus der Soldatensprache und bezieht sich auf das 1908 im deutschen Heer eingeführte und 1915 veränderte Maschinengewehr. Der sich ständig wiederholende und langweilige Unterricht an dieser Waffe führte zu dieser Wortkreation, die heute noch verwendet wird.»