Beobachter: Herr de Weck, wie waren Sie ­zufrieden mit dem Schweizer «Tatort»?
Roger de Weck: Roger de Weck: Welch überraschende Frage! Mit dem «Tatort» verhält es sich wie mit Fussball: Jeder ist ein Experte. Die Schar der Experten will ich nicht vergrössern.

Beobachter: Wir möchten es trotzdem etwas genauer wissen. Zum ersten Mal seit zehn Jahren gibt es einen Schweizer «Tatort», und prompt erhält er etwa vom «Spiegel» eine miserable Kritik…
de Weck: …und die «Frankfurter Allgemeine» zollt hymnisches Lob. Nein, ich beteilige mich nicht an der ausufernden Debatte über ­eine Folge aus einer Krimireihe, so wie ich mich nie zu Sendungen äussere. Ohnehin leiste ich mir manchmal den Luxus, keine Meinung zu haben.

Beobachter: Aber Sie haben sich den «Tatort» angeschaut?
de Weck: Das will ich doch hoffen.

Beobachter: Ist denn ein Engagement des Schweizer Fern­sehens beim «Tatort» überhaupt sinnvoll? Sie sind ja angetreten mit dem Anspruch, mehr ­Relevanz ins Programm zu bringen.
de Weck: Unsere Programme sind auch dazu da, zu unterhalten. Gute Unterhaltung ist eine wesentliche Aufgabe der SRG und darüber hinaus sogar ein Verfassungsauftrag. Wir bieten Qualité populaire, sind volksnah. Deshalb ist die SRG eine Erfolgsgeschichte.

Beobachter: Dennoch sinken die Quoten.
de Weck: Seit ich im Amt bin, gab ich eine Reihe von Interviews. Auffällig ist, dass sozusagen alle Kolleginnen und Kollegen nach den Quoten fragen und wenige nach der Qualität. Das ist ein Hinweis auf die derzeitige Verfassung der Medienbranche.

Beobachter: Was also heisst für Sie Qualität?
de Weck: Qualité populaire bedeutet, das breite Pu­blikum mit der immer komplexer werdenden Welt vertraut zu machen. Nicht nur das Interessante zu bieten, wie es Boulevardmedien tun, sondern neben dem Interessanten das Relevante so interessant und verständlich aufzubereiten, dass es das Publikum anspricht.

Beobachter: Sind in diesem Fall die Quotenverluste nicht umso gravierender?
de Weck: Ernsthaft haben wir kein Quotenproblem, aber ein Messproblem. Das Haupttor zu unseren Sendungen sind die Kanäle. Hier gibt es tendenziell einen Rückgang. Hingegen nehmen das Radiohören und Fernsehen via Internet – das Seitentor zu unseren Sendungen – merklich zu; und das ist noch nicht auf vergleichbare Weise messbar.

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Beobachter: Gehören auch die Miss-Schweiz-Wahlen zum Service public? Könnte man die nicht den ­Privaten überlassen?
de Weck: Vieles mag die SRG privaten Anbietern überlassen oder auch nicht. Aber auf keinen Fall sollte sie dem Beispiel des US-amerikanischen Service public folgen, der von früh bis spät anspruchsvolle Sendungen für die Elite ausstrahlt – und deshalb weniger als zwei Prozent Marktanteil hat. Wir wollen wahrlich keine elektronische «Neue Zürcher Zeitung» sein.

Beobachter: Wo aber verläuft die Grenze?
de Weck: Unlängst war ich bei «SF bi de Lüt» in Wil. Das ist Service public «at its best»! Da kommt eine Schweizer Stadt nach der anderen zur Geltung, die im Privatfernsehen keine Chance hätte. Ein Riesenerfolg. Weil wir volksnahes Fernsehen machen.

Beobachter: Wer definiert den Service-public-Auftrag im Detail? Sind Sie das alleine?
de Weck: Gesetz und Konzession setzen uns den Rahmen. Innerhalb dieses Rahmens treffen wir die Entscheidungen. Wer denn sonst? Es gilt die journalistische Freiheit.

Beobachter: Wie stark greifen Sie selber in redaktionelle Entscheidungen ein? Kommt das überhaupt vor?
de Weck: Ich greife weder in Programme noch in Sendungen ein. Wichtig ist aber der Austausch über journalistische Massstäbe. Wenn mich Redaktionen zu einer Sendekritik oder zum Fachgespräch laden, bringe ich mich ein.

Beobachter: Das Vorstossen der SRG ins Internet wird von den Verlegern als Bedrohung wahrgenommen. Sie fürchten, dass das SRG-Portal ihnen Nutzer und Werbeeinnahmen wegnimmt. Haben Sie Verständnis für diese Befürchtungen?
de Weck: Die Strategie der SRG ist einfach: Eine attraktive Programmierung lockt die Mehrzahl der Zuschauer und Hörer, die unsere Sendungen via Kanal verfolgen. Und attraktive Internetportale locken die stark wachsende Minderheit von Zuschauern und Hörern, die unsere Sendungen lieber via Internet verfolgen. Wie jedes Medienhaus hat auch die SRG dem geänderten Verhalten der Mediennutzer und Gebührenzahler Rechnung zu tragen.

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Beobachter: Einverstanden. Aber es ist doch etwas anderes, wenn Sie ein eigenständiges Nachrichtenportal betreiben.
de Weck: Es kommt auf die Art des Nachrichten­portals an: Unsere Kernkompetenz, unser Wettbewerbsvorteil und unsere Raison d’être ist das Audiovisuelle, darauf setzen wir auch bei den Nachrichten – heute und in Zukunft.

Beobachter: Sie machen damit aber trotz 1,2 Milliarden Franken Gebührengeldern den Zeitungen und Zeitschriften Konkurrenz, die sich selber finanzieren müssen. Fehlt es Ihnen nicht an der nötigen Sensibilität für die Ängste der Verleger?
de Weck: 35 Jahre habe ich für Zeitungen geschrieben, ich weiss um ihre Sorgen. Aber ich weiss auch: In den USA, wo der Service public keine Rolle spielt, geht es den Zeitungen weit schlechter als in der Schweiz. Die SRG ist nicht das Problem. Sie macht im Internet keine Zeitung mit Kommentaren, Glossen, geschriebenen Reportagen und all dem, was zu einem guten Blatt gehört. Umgekehrt machen private Verleger immer öfter das, was die SRG tut: Sie bringen Videos, da das Internet audiovisuell ist. Im Rahmen einer umfassenden Partnerschaft ist die SRG gern bereit, ihr Videomaterial den Verlegern zur Verfügung zu stellen.

Beobachter: Im Gegenzug wollen Sie im Internet auch ­Werbung schalten.
de Weck: Die Schweiz ist viersprachig, und konkurrenzfähige Programme in vier Sprachen sind teuer. Um die Gebührenzahler zu entlasten, hat der Gesetzgeber Werbeeinnahmen für die SRG vorgesehen. Die Werbung aber verlagert sich ins Internet, dieser Markt verdoppelt sich alle zwei, drei Jahre. Noch bescheren uns herkömmliche Werbespots am Fernsehen gute Einnahmen. Doch mittelfristig wird jeder, der im Internet nicht werben darf, auf dem Werbemarkt marginalisiert. Am Schluss wäre die SRG nur noch gebührenfinanziert. Das wäre ein schleichender Systemwechsel, gegen den Willen des Gesetzgebers.

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Beobachter: Sie könnten ja auch auf der Ausgabenseite schrauben. Wollte der Gesetzgeber wirklich ­eine SRG mit 8 Fernseh-, 18 Radiokanälen und prächtigen Gebäuden wie dem nobel renovierten Hauptsitz hier in Bern, wo wir gerade sind?
de Weck: Das Gebäude war komplett verrottet, die Sicherheitsbestimmungen erfüllte es nicht mehr: Die SRG hatte in den sechziger Jahren an der falschen Stelle gespart und zu billig gebaut. Bauherren sollten auf Nachhaltigkeit achten. Mit den vorhandenen Mitteln schaffen wir beim TV bloss 16 Prozent Eigenproduktion: Wollen Sie noch weniger? Wir sind stolz darauf, das Land der vier Sprachen zu sein. Das Gesetz hält fest, Deutschschweizer, Romands und Italienischschweizer hätten Anspruch auf gleichwertige TV- und Radioangebote, denn es widerspricht dem eidgenössischen Gedanken, die lateinischen Minderheiten schlechter zu stellen als die Deutschschweizer Mehrheit. Die SRG betreibt in jeder Sprache zwei TV-Kanäle, nur so kann sie ausreichend Sport bieten – also sechs Kanäle plus den Wiederholungskanal SF info. Der experimentelle Kanal HD Suisse, um Erfahrungen beim hochauflösenden TV zu sammeln, wird 2012 eingestellt. Beim Radio weiss jeder Profi, dass es pro Altersklasse – Junge, Mittelalte, Alte – einen Sender braucht, also bei drei Sprachen neun Radiosender. Plus pro Sprache ein Kulturradio gemäss Kulturauftrag – macht zwölf Sender. Plus das rätoromanische Radio und das äusserst beliebte Nachrichtenradio DRS 4 News, Service public pur – macht 14 Sender. Die übrigen vier Digitalradios kosten wenig.

Beobachter: Trotzdem haben mehr als 140'000 Personen die Online-Petition der SVP-Nationalrätin Natalie Rickli unterzeichnet. Sie verlangt die Senkung der Gebühren von 462 auf 200 Franken.
de Weck: 140'000, das ist weniger als die Hälfte der Abonnenten des Beobachters. Wäre die Schweiz ein einsprachiges Land, würde eine Gebühr von rund 240 Franken reichen. 20 Franken gehen an private Sender, 27 sind Administrativgebühren. Gut 170 Franken sind ein Beitrag zur eidgenössischen Solidarität: damit auch die kleineren Sprach­gruppen gutes Radio und Fernsehen haben. Das ist gut investiertes Geld. Wehe der Eidgenossenschaft und ihrer Stabilität, wenn sie eines Tages anfängt, Romands und Ita­lie­nischschweizer zu benachteiligen.

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Beobachter: 140'000 Leute unterzeichnen eine Petition, und das beeindruckt Sie gar nicht?
de Weck: Ich nehme das ernst. Gleichzeitig sehe ich, dass die Zahlungsmoral der Gebührenzahler trotz Umstellung auf jährliche Rechnung besser ist denn je. Und dass in einer repräsentativen Umfrage der Credit Suisse mehr als drei Viertel das Radio und Fernsehen als die glaubwürdigsten Institutionen der Schweiz bezeichnen. Auch das nehme ich ernst. Normal ist, dass es in Sachen Gebühren immer Kritiker gibt.

Beobachter: Natalie Rickli kämpft für tiefere Gebühren. Sie arbeitet bei der Werbevermarkterin Goldbach Media. Ricklis Chef behauptet, er sei von Ihnen unter Druck gesetzt worden, sich von Rickli zu distanzieren. Stimmt das?
de Weck: Mein hier anwesender Kollege, Mediensprecher Daniel Steiner, hat dazu das Nötige gesagt.

Beobachter: Er sagte, die Aussagen des Goldbach-Chefs seien absurd. Offenbar sagt jemand nicht die Wahrheit. Wer?
de Weck: Nächste Frage, bitte.

Beobachter: Trügt der Eindruck Aussenstehender, man gebe das Geld bei der SRG leichtfertiger aus als in privaten Unternehmen? Viele Verlags­häuser mussten in den letzten Jahren bei gleichem Personalbestand das Internetangebot aus­bauen, ohne dabei im gedruckten Bereich an Qualität zu verlieren. Beim SF reisen die Redakteure für einen Dokfilm, den man auch ein­kaufen könnte, in der halben Welt herum.
de Weck: Schön, dass Sie mit diesem Klischee aufwarten; mit der Wirklichkeit hat es wenig zu tun. Die SRG ist einer der leistungs­fähigsten Radio- und TV-Anbieter Europas. Ausländische Kollegen staunen, wie wir mit so wenig Mitteln so viel Radio und TV machen. Trotzdem läuft ein Sparprogramm, es geht um jede achte Stelle in der Verwaltung. Wir steigern unsere Effizienz, um mehr Geld ins Programm zu investieren. Wenn ein begabter Kollege wie Reto Brennwald als Videojournalist eine Reportage über die Panamericana dreht, haben wir beim Schweizer Zuschauer mehr Erfolg, als wenn wir eine ausländische Produktion einkaufen.

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Beobachter: Sparen heisst ja eigentlich, dass weniger Geld ausgegeben wird. Bei der SRG aber werden die eingesparten Gelder in andere Projekte gesteckt. Ein eigentlicher Spareffekt bleibt aus.
de Weck: Ein Journalist sollte sich freuen, dass ein Medienhaus so viel wie möglich in den Journalismus investieren will. Sparen bedeutet zunächst, dass wir eisern zu den schwarzen Zahlen zurückkehren; bleibt ein grosser Konjunktureinbruch aus, schaffen wir das 2011. Unser Auftrag ist es aber nicht, Gewinn zu machen, sondern zugunsten der Hörer und Zuschauer möglichst viel Gebührengeld in Schweizer Sendungen zu stecken, denn diese kommen am besten an. Wir sind dem Volk verpflichtet, das uns finanziert.

Beobachter: Wenn Sie auf Kurs bleiben, dann braucht es also keine Gebührenerhöhung?
de Weck: Dem ist so.

Beobachter: Sie sprechen oft von einer Klammerfunktion für die Schweiz, die die SRG wahrnehme. Überschät­zen Sie da nicht die Bedeutung der SRG? Wäre die Schweiz ohne SRG nicht genauso stabil?
de Weck: Das ist die Frage eines Deutschschweizers. Wer zur Mehrheit gehört, vergisst, dass er zur Mehrheit gehört. Wer zur Minderheit zählt, wird auf Schritt und Tritt daran erinnert.

Beobachter: Mit Verlaub, ich gehöre zur rätoromanischen Minderheit und habe über zehn Jahre in der Romandie gewohnt. Die Klammerfunktion der SRG ist mir deswegen nicht deutlicher geworden.
de Weck: Sowohl der Romand als auch der Räto­romane wissen, dass sie ohne die SRG massive Abstriche an ihrem Radio- und Fernseh­angebot erleiden würden. Der Deutschschweizer übrigens auch. Die kleineren Sprachgruppen zu benachteiligen widerspricht dem eidgenössischen Ge­danken. Der Wille zum Ausgleich ist der Schlüssel zum Erfolg und zur Stabilität der Eidgenossenschaft. Die nationale Institution SRG hat einen Verfassungsauftrag und ist Teil dieses Ausgleichs.

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Beobachter: Sie hatten schon einige Jobs in verantwortungsvollen journalistischen Positionen. Was ist das Besondere an der aktuellen?
de Weck: Wir erleben einen Umbruch der Medienwelt, der einschneidender ist als einst die Erfindung der Druckerpresse. Mit dem Internet wandelt sich die Informations- zur Interaktionsgesellschaft. Kein Medienhaus weiss genau, wo es in zehn Jahren stehen wird. Aber die SRG ist im audiovisuellen Zeitalter bestens gewappnet, und wir arbeiten intensiv an einer zukunftsträchtigen Angebotsstrategie. Ich bin zuversichtlich und im Element.

Beobachter: Wie sieht das Schweizer Fernsehen in fünf ­Jahren aus?
de Weck: Die herkömmlichen Kanäle werden nach wie vor wichtig sein. Zugleich dürfte die Zahl der Menschen, die via Internet auf dem Smartphone, Tablet oder Laptop fernsehen und Radio hören, enorm steigen. Das sogenannte Hybrid-TV, bei dem Sie per Fern­bedienung und via Internet zusätzliche Informationen auf den Fernsehbildschirm holen, wird 2016 gang und gäbe sein.