Ununterbrochen schrillt das Telefon. Es klingelt nicht, es drängt sich auf. Die Leitungen im Büro des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) Zürich, Abteilung Flüchtlingshilfe, sind permanent überlastet. 7. April, der 15. Kriegstag. Krieg in Europa. Eine halbe Million Menschen sind aus dem Kosovo vertrieben worden. In der Schweiz leben rund 190'000 Kosovo-Albaner, die Mehrheit Gastarbeiterfamilien, aber auch 42'000 Asylsuchende. Sie bangen um ihre Angehörigen im Kriegsgebiet.

Das Bedürfnis nach Informationen, nach Rat ist gross. Die meisten rufen an, weil sie möchten, dass ihre Angehörigen zu ihnen in die Schweiz kommen können: Frauen und Kinder, Geschwister, Eltern und Schwiegereltern, Schwägerinnen und Schwager, Nichten und Neffen, Tanten und Onkel. Vertrieben aus dem Kosovo, befinden sie sich nun in Albanien, Mazedonien, Montenegro. Keine langen Geschichten, nur zwei quälende Fragen: Können sie kommen? Und wie müssen wir vorgehen?

Doch Rat zu geben ist schwierig. Die Idee, eine telefonische Anlaufstelle einzurichten, ist über die Ostertage aus der Not heraus entstanden – bevor überhaupt konkret geholfen werden kann: «Wir mussten etwas tun – sofort», erklärt Geschäftsleiter Thomas Peter das Zustandekommen der «Drehscheibe Kosovo». «Es ist wichtig, dass wir den Anrufenden zuhören, ihre Anliegen und Angebote aufnehmen und sie nach Möglichkeit weitervermitteln.» Etwas tun gegen die Ohnmacht.

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Ein selbst kreiertes Formular
300 Anrufe kommen allein am Mittwochvormittag, dem ersten Tag der Aktion. Eine Frau möchte ihren Schwager, dessen Frau und die zwei Kinder hierherholen. Doch Albanien lässt zurzeit keine Flüchtlinge hinaus, und die Schweiz hat noch nicht entschieden, wen sie aufnimmt. «Das einzige, was ich Ihnen anbieten kann», erklärt SRK-Mitarbeiterin Nadia Bär der Hilfesuchenden, «ist ein Einreisegesuchsformular.»

Eine andere Frau möchte ihre Eltern, den Bruder und die Grossmutter aus dem Camp in Mazedonien zu sich kommen lassen. Sie habe Platz für alle, versichert sie: «Ich habe extra eine Vierzimmerwohnung gemietet.»

Konfrontiert mit der innenpolitischen Dimension der Kosovo-Krise, versucht das Rote Kreuz zu vermitteln. Die Anrufenden erhalten Formulare für ein Einreisegesuch, die das SRK als präventive Massnahme selber kreiert hat. Zudem werden sie aufgefordert, ein persönliches Begleitschreiben zu verfassen, mit dem Angebot, die Verwandten, wenns irgendwie geht, zunächst bei sich aufzunehmen.

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Das SRK leitet die Gesuche dann ans Bundesamt für Flüchtlinge (BFF) weiter. «Ich kann Ihnen keine Garantie geben, dass Ihre Verwandten aufgenommen werden», erklärt Nadia Bär den Anrufenden immer wieder. Aber, sagt Gertraude Jenny, Leiterin des Bereichs Migration beim SRK: «Man kann es ja mindestens probieren.» Dann habe man «wenigstens etwas versucht». Im Sitzungs- und Kaffeeraum des Roten Kreuzes hängt ein Spruch von Che Guevara an der Wand: «Seien wir realistisch, fordern wir das Unmögliche.»

«Die Anrufenden wirken dankbar, auch wenn wir ihnen nicht wirklich helfen können», sagt Bär. Auch wenn es kein Rat ist, den die SRK-Leute ihnen geben können, sondern eher ein Trost. Und selbst wenn die Auskunft lautet: «Nein, ihr müsst noch warten; es ist noch nichts entschieden», wirken die meisten gefasst.

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Verzweifelter sind diejenigen, die ihre Angehörigen vermissen, nicht wissen, ob sie sich bereits in Sicherheit oder noch immer im Kosovo befinden. Wer deshalb anruft, dem können die Mitarbeiterinnen des SRK im Moment noch weniger helfen. Der Suchdienst des IKRK funktioniert noch nicht.

«Vorläufig geht es ums Uberleben», erklärt Bär den Anrufenden. Essen, Trinken und Unterkunft für die Vertriebenen sind dringender als ihre Registrierung. In Mazedonien und Albanien werden die Deportierten demnächst Botschaften an ihre Angehörigen ins Ausland schicken können, aber umgekehrt funktioniert es noch nicht. Den Verwandten in der Schweiz wird geraten, sich in zwei, drei Wochen wieder zu melden. «Sie müssen Geduld haben. Und hoffen», rät Jenny.

Hilfsangebote und Spenden
Auch Schweizerinnen und Schweizer rufen an. Nachbarinnen, Arbeitskollegen, Arbeitgeber von Kosovo-Albanern erkundigen sich. Und Hauseigentümer fragen in deren Namen nach Einreisemöglichkeiten und dem Verbleib von Angehörigen. Andere möchten Geld spenden, haben Kleider oder Schuhe abzugeben. Eine Lehrerin möchte in ihrem Schulhaus eine Sammlung durchführen und erkundigt sich, was am dringendsten benötigt werde. «Seife und andere Toilettenartikel», schlägt Jenny ihr vor. Mehrere Frauen bieten an, unentgeltlich Büroarbeit zu leisten beim SRK.

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Eine Psychologin, die auch Albanisch spricht, würde ein paar Menschen psychologisch betreuen. Und eine sechsköpfige Bauernfamilie meldet: «Wir haben noch Platz für fünf Menschen.» Die «Drehscheibe» gerät in Fahrt. Für jeden Anruf wird ein Formular ausgefüllt und, nach Angebot oder Anliegen sortiert, in grüne Sichtmäppchen gepackt. Jenes mit den Einreisegesuchen ist mit Abstand das dickste.