Der Jahrgang 2011 ist «rekordverdächtig», vermeldet die Staats­kanzlei zur Qualität des neusten Freiburger Staatsweins überschwänglich. Der Chasselas entwickle «florale Bouquets mit angenehm mineralischen Noten, die sich im Gaumen mit wuchtiger Frucht und eleganter ­Frische fortsetzen».

An dieser Stelle könnte man sich mit gutem Grund über die blumige Sprache der amtlichen Pressemitteilung mokieren. Doch die Lobhudelei wiederholt sich Jahr für Jahr fast wortgleich, zeigt ein Blick ins Archiv. Der Jahrgang 2011 ist also «rekordverdächtig», der Jahrgang 2010 hat «von ­einem vorteilhaften Klima profitiert», der Jahrgang 2009 war «aussergewöhnlich», und so geht es weiter. Auch anno 2007, 2001 und 2000 waren die Weine «hervorragend», 2005 waren sie «aussergewöhnlich».

Aussergewöhnlich an dieser Häufung von Superweinjahren ist vor allem eines: Die Bewertung wird nicht von einem önologischen Fachmann verkündet, sondern vom jeweils amtierenden Freiburger Landwirtschaftsminister. Zweifelsohne handelt es sich dabei um eine der vergnüglicheren Aufgaben eines Politikers. Nicht nur weil die staatlich besoldeten Winzer – Regen­perioden hin, Schädlingsbefall her – offenbar aus jeder Traube einen «eleganten und fruchtigen» Tropfen erster Güte keltern.

Vor allem aber lässt die Degustation lästige Pflichten vergessen. Vorbei die mühsame Suche nach neuen Sparmöglichkeiten, die ungeliebte Schliessung von Spitälern oder Schulen, das Feilschen um verschärfte Anforderungen an Holzschnitzelheizungen mittlerer Grösse – endlich ist er da, der neue Chasselas! Santé, à la vôtre!

Es geht auch ohne eigene Rebberge

Wohl auch deshalb ist der «Staatswein» keine Freiburger Eigenheit. Selbst Kantone wie Aargau oder Bern, die gar keine eigenen Rebgüter besitzen, haben einen «Staatswein»: Sie küren ihn einfach aus dem Angebot der einheimischen Winzer. In Bern hat sich der zuständige Regierungsrat gleich selbst zum Präsidenten der Jury gemacht. Neben ihm besteht das Gremium noch aus einem Ständerat, einer Chefredaktorin, einer Tourismusdirektorin, einem Wirt und einer Weinjournalistin. Ach ja, ein Winzer ist auch noch dabei.

Sogar Basel-Stadt hat einen Staatswein, lässt ihn sich allerdings mangels eigener Rebberge von einer südbadischen Kellerei schenken. 500 Flaschen pro Jahr gibts ­gratis, dafür macht die Regierung an Staatsbanketten Werbung für eine private deutsche Weinherstellerin. Ohnehin spielt Herkunft bei «Staatswein» keine Rolle. 21 Hektaren Rebberge besitzt der Kanton Freiburg – aber drei Viertel davon liegen ausserhalb des Kantons: am Genfersee.

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Lauter Absurditäten also. So reagiert Freiburgs Staatskanzlei auch mit Unverständnis auf die Frage des Beobachters, ob folgender Brauch nicht doch etwas deplatziert sei: Jeder Einwohner, der 100 Jahre alt wird, darf wählen, ob er vom Kanton einen Lehnstuhl geschenkt erhalten will – oder 100 Flaschen Staatswein. Prost!