Der britische IT-Spezialist kehrt wohl mit zwiespältigen Eindrücken von Zürich in seine Heimat zurück. Die Stadtpolizei verhaftete ihn, durchsuchte ihn, karrte ihn zur Hauptwache, wo er sich nackt ausziehen musste. Sein Vergehen: Er benutzte das Tram ohne Ticket, trug kein Geld auf sich, um Fahrkarte und Busse zu bezahlen, und konnte sich nicht ausweisen. Nach eigener Aussage verhielt er sich korrekt, nach Angaben der Polizei renitent.

Nicht besser erging es einem 64-jährigen Velofahrer, der durch eine mit Fahrverbot belegte Strasse radelte. Die Polizei habe ihn brutal vom Fahrrad gerissen, nach Waffen durchsucht und in Handschellen zum Polizeiposten geführt - der Rest ist gleich wie beim Briten. Nach Angaben der Polizei hatte sich der Radfahrer geweigert, seine Identität preiszugeben, und sei total ausgerastet.

Bastien Girod, Vertreter der Jungen Grünen im Zürcher Gemeinderat, und 30 Mitunterzeichner verlangen nun von der Stadtregierung Aufschluss über die Verhaftungen. Marco Cortesi, Sprecher der Stadtpolizei, sagt: «Die Beamten handelten nach Vorschrift.» Diese bestimmt, dass jeder Verhaftete gefesselt wird und sich in Polizeigewahrsam ausziehen muss. «Wir müssen absolut sicher sein, dass ein Verhafteter keine Waffen, Drogen oder andere gefährliche Gegenstände auf sich trägt.»

Die Weisung der Stadtpolizei Zürich hat Seltenheitswert. Ausziehen müssten sich Festgenommene dann, wenn ein Verdacht auf Drogen oder gefährliche Gegenstände bestehe, sagt Thomas Jauch, Sprecher der Stadtpolizei Bern. «Wir fesseln sie nur, wenn Anzeichen von Gewaltbereitschaft da sind.» In Baselland müssen sich Verhaftete lediglich dann bis auf die Unterhose entblössen, wenn sie während der Abklärungen in eine Zelle gesperrt und nicht konstant überwacht werden können. «Sie bleiben in der Regel aber nur kurze Zeit dort», so Rolf Wirz, Sprecher der Kantonspolizei. Weitere drei Polizeien - Stadtpolizei Luzern, Kantonspolizei St. Gallen und Kantonspolizei Graubünden - überlassen es den Beamten, vor Ort zu entscheiden, welche Massnahmen adäquat sind.

Helen Keller, Professorin für öffentliches Recht an der Uni Zürich, bezweifelt, dass die Zürcher Weisung haltbar ist. «In dieser undifferenzierten Form schiesst sie übers Ziel hinaus», erklärt sie gegenüber dem Beobachter. Um eine Waffe zu finden, genüge das Abtasten einer Person. Zudem sei es kaum wahrscheinlich, dass ein beliebiger Schwarzfahrer Drogen auf sich trage. Dass es in gewissen Fällen nicht ohne Ausziehen geht, ist ihr klar: «Aber es muss anständig durchgeführt werden und darf nicht entwürdigend sein.»

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