Wer Bahn fährt, spürt es täglich selbst: verstopfte Bahnhöfe, überfüllte Abteile, verspätete Züge. Über Jahre haben die SBB ihr Angebot verbessert und die Passagierzahlen auf Höchstwerte gesteigert. Dafür reizten sie jedoch das System völlig aus und vernachlässigten den Unterhalt. Kein anderes Bahnnetz weltweit wird intensiver befahren. Fahrpläne sind bis zur letzten Minute verdichtet, so dass sich Pannen wellenartig verbreiten. Züge, Gleise und Leitungen werden stark verschlissen. SBB-Chef Andreas Meyer bezifferte nur schon die aufgestauten Kosten zur Substanzerhaltung auf eine Milliarde Franken und sagt massiv höhere wiederkehrende Unterhaltskosten voraus, über 100 Millionen mehr pro Jahr. Geld, das die SBB kaum erwirtschaften können. Anders gesagt: Die SBB sind Opfer ihres Erfolgs geworden, fahren am Limit und leben von der Substanz.

Es geht nur ums eigene Portemonnaie

Doch dies ist erst der Anfang. Immer mehr Leute pendeln immer weiter. Bis 2030 rechnen die SBB mit 50 Prozent mehr Passagieren, zu Stosszeiten sollen es gar doppelt so viele sein wie heute. Für diese Massen reichen dann auch die Bahnhöfe, Unterführungen und Perrons nicht mehr. Den Planern von SBB und Bund ist längst klar, dass in den nächsten Jahrzehnten Dutzende von Milliarden nötig sind, um die Infrastruktur zukunftstauglich zu machen. 5,4 Milliarden Franken sind budgetiert, um die Kapazität im Fern- und im Güterverkehr zu steigern. Im Projekt «Bahn 2030» werden für 12 bis 21 Milliarden neue Bahnhöfe, Strecken und Tunnel geplant. Hinzu kommen 20 Milliarden für Rollmaterial.

Doch ausgerechnet jetzt will der Bundesrat sparen. Weil die Finanzkrise seine Rechnung ausdünnt, sollen von 2011 bis 2013 jährlich 1,5 Milliarden gestrichen werden. Dran glauben muss wohl der Ausbau der Infrastruktur, denn anders als andere Staatsaufgaben sind solche Investitionen nicht gesetzlich gebunden. So ist es für Politiker bequemer, sogar dringendste Projekte zu vertagen, als die laufenden Aufgaben zu überdenken und heute auf Leistungen zu verzichten. Das wird als seriöse Sparpolitik dargestellt – dabei geht es nur darum, unser Portemonnaie zu schonen, indem man späteren Generationen Leistungen vorenthält.

Anzeige

Zu Recht hat Verkehrsminister Moritz Leuenberger Alarm geschlagen. Ein Sparbefehl wäre fatal. Es gäbe kein Geld für den aufgestauten Unterhalt, Erweiterungen des Angebots könnte man vergessen. Das hiesse: noch öfter reisen wie Ölsardinen, noch mehr Verspätungen und in gewissen Randregionen gar keine Züge mehr. Schubladisiert würden der Ausbau der Zürcher S-Bahn, Doppelspurbauten der BLS und die Erweiterung der Strecke BernSolothurn. Wenn die Bahn den Rückstand beim Unterhalt nicht aufholen und nicht jetzt mit dem Ausbau starten kann, steuert sie auf den Kollaps zu.

Dabei ist eine gut funktionierende Infrastruktur zentral für die Standortqualität. Das Verkehrssystem ist das wirtschaftliche Rückgrat der Schweiz. Weil die Bauten lange Realisierungsfristen haben und oft erst den nächsten Generationen dienen, dürfen sie nicht von Konjunkturschwankungen und finanzpolitischen Launen abhängig gemacht werden. Sparen in Ehren, aber nicht zum Preis, dass wir die Grundlagen der nächsten Generation gefährden.

Anzeige

Die Nachkommen werden es danken

In Bern zerbricht man sich den Kopf darüber, wie der milliardenteure Ausbau finanziert werden kann. Die Rede ist davon, einen Zuschlag auf den Tickets zu erheben, Einnahmen der LSVA umzulenken oder gar die Mehrwertsteuer befristet anzuheben.

Da ist aber noch eine Möglichkeit, die bisher niemand vorzuschlagen wagte: Der Staat kann die Schulden erhöhen. Wie jede Firma und jeder Private langfristige Investitionen mit Fremdkapital finanziert, mit einem Kredit oder einer Hypothek, sollte sich auch der Staat nicht scheuen, Infrastruktur auf Pump zu erstellen. Daran ist nichts verwerflich. Verwerflich wäre es, laufende Aufgaben wie den Bahnunterhalt über Schulden zu decken und die Rechnung weiterzureichen. Aber bei neuen Infrastrukturbauten erhalten die Nachkommen einen bleibenden Gegenwert und ernten die Früchte. Natürlich sollten wir keine Schulden hinterlassen. Aber verlotterte und ungenügende Verkehrsbauten wären auch Schulden, denn die Nachkommen müssten für unsere Versäumnisse doppelt nachzahlen. Wenn wir ihnen hingegen beste Infrastrukturen übergeben, werden sie dankbar sein, auch wenn noch nicht alles abbezahlt ist.

Anzeige