In der Sterbehilfedebatte steckt der Wurm drin. Zwischen den Befürwortern einer liberalen Sterbehilfeverordnung und ihren Gegnern scheint der Graben unüberbrückbar. Beide Seiten nehmen für sich in Anspruch, nur edle Ziele zu verfolgen. Doch die Diskussion blendet das eigentliche Problem aus: Immer mehr Menschen haben Angst vor einer hilflosen Abhängigkeit im Alter.

Das zeigt sich exemplarisch in den zahllosen Zuschriften, die der Beobachter auf seine klare Stellungnahme für eine liberale Sterbehilfe erhalten hat. Viele Leserinnen und Leser wünschen sich die Möglichkeit einer vertrauenswürdigen Suizidbeihilfe als eine Art Notausgang. Sie wollen keinesfalls zum Pflegefall werden und dann niemanden haben, der für sie sorgt. Denn die Signale, die sie von Seiten der Politik erhalten, sind seit Jahren die gleichen, sie machen wenig Hoffnung:

  • Bis im Jahr 2020 fehlen nach offiziellen Schätzungen in der Schweiz mindestens 15'000 Fachkräfte allein in Alters- und Pflegeheimen.

  • Aufgrund der hohen Zuwanderung, wegen Spekulationen und Luxussanierungen wird günstiger Wohnraum für Rentenbezüger immer rarer.

  • Weil die Anforderungen und der Druck am Arbeitsplatz steigen, haben immer weniger Leute Zeit und die Möglichkeiten, sich selber um kranke Angehörige zu kümmern.

Welche Rezepte und Lösungen hat die Politik hier anzubieten? Im Bereich Pflegenotstand gibt es nur Absichtserklärungen. Wie günstiger Wohnraum für eine wachsende Zahl von Rentenbezügern garantiert werden kann, wird bisher nicht einmal andiskutiert. Und für viele Angestellte wird heute schon ein krankes Kind in der Familie zur Belastungsprobe am Arbeitsplatz: Soll man jetzt den Kollegen noch mehr Stress zumuten oder darf man zur Krankenpflege nach Hause?

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Ist es da ein Wunder, dass sich immer mehr Menschen für den schlimmstmöglichen Fall einen Fluchtweg offenhalten wollen? Ist es eine verantwortungsvolle Politik, einfach die Notausgänge zu schliessen, wenn Menschen Angst davor haben, dass ihr Lebensgebäude vor dem natürlichen Todeszeitpunkt zusammenstürzt?

Die steigenden Kosten in Pflegeheimen und ein seit Jahren ungelöstes Hickhack zwischen Heimen, Kantonen und Krankenkassen um die Übernahme dieser Kosten (siehe Artikel zum Thema: «Am Ende zahlt der Patient») sind Beleg dafür, wie berechtigt diese Ängste in der Bevölkerung sind.

Zwar ist das Konzept der Palliative Care ein guter Ansatz. Palliare bedeutet «ummanteln». Ziel der Palliative Care ist es, einer sterbenden Person umfassende Betreuung in einer team-orientierten Pflege mit Einbindung der Angehörigen zu garantieren, so dass der Patient sich bis zu seinem Tod aufgehoben fühlt.

Doch die geeigneten Strukturen dazu müssen vielerorts erst noch geschaffen werden. Und auch da streitet man sich in diversen Kantonen schon ums nötige Geld.

Es ist deshalb höchste Zeit, dass Regierungen und Parlamente diese wirklichen Probleme anpacken. Was wir brauchen, sind innovative Ideen für die tragfähige Finanzierung einer teurer werdenden Pflege und dem Markt entzogene, bezahlbare Alterswohnungen.

Scheinheilige Behauptungen

Eine moralisch verbrämte Alibidiskussion um die Sterbehilfe bringt uns nicht weiter. Ja, es ist sogar scheinheilig zu behaupten, die Suizidbeihilfe treibe behinderte, kranke und alte Menschen dazu, vorzeitig vom Leben Abschied zu nehmen. Nicht das Angebot von Sterbehilfeorganisationen weckt Suizidgedanken, sondern die Lebensumstände. Kein Mensch will ohne Not freiwillig aus dem Leben scheiden, niemand lässt sich dazu drängen, bloss weil es Dignitas und Exit gibt. Die Menschen wenden sich an diese Dienste, weil sie entweder in einer ausweglosen Lage sind oder weil sie Angst haben davor, dass sie sich im Krankheitsfall keine adäquate Betreuung leisten können.

Die Debatte muss sich deshalb um Lebenshilfe drehen und nicht um Sterbehilfe. Es ist nicht Aufgabe des Staates, sanfte Freitodlösungen zu verhindern. Das bleibt ein individualethischer Entscheid, den jeder für sich mit seinem Glauben vereinbaren und seinem Umfeld gegenüber verantworten muss.

Es ist hingegen die sozialethische Verantwortung des Staates, dafür zu sorgen, dass möglichst wenige Leute einen Suizid in Erwägung ziehen müssen, bloss weil sie Angst vor einem unwürdigen oder kaum mehr finanzierbaren Lebensabend haben.

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