Der Fall Lucie erschüttert die Schweiz: Der 25-jährige Daniel H. lockt ein junges Mädchen in seine Wohnung und bringt es grausam um. Er vollendet das, was er bereits sechs Jahre zuvor an einer andern Frau versucht hat. Damals haben ihn die Richter zu vier Jahren Freiheitsentzug verurteilt.

Weshalb hat man ihn nicht schon damals für immer verwahrt? Dann würde die 16-jährige Lucie Trezzini noch leben.

Ein Psychiater hatte Daniel H. nach dem ersten Tötungsversuch gute Chancen eingeräumt, seine Gewalttätigkeit in den Griff zu kriegen, wenn er eine Therapie macht. Denn gewalttätig werde der Mann nur unter Drogeneinfluss. Wegen dieses Gutachtens konnte ihn das Bezirksgericht Bremgarten gar nicht verwahren, denn das Bundesgericht untersagt die Verwahrung von therapiefähigen Ersttätern.

Deshalb verlangt nun SP-Nationalrat und Strafrechtsprofessor Daniel Jositsch ein radikales Umdenken: Bei Straftaten mit sexuellem Hintergrund solle man Täter konsequent verwahren, fordert er. Und eine Volksinitiative mit dem möglichen Wortlaut «Wer einen Tötungs- oder Vergewaltigungsversuch gemacht hat, wird auf unbestimmte Zeit verwahrt» hätte gute Chancen, angenommen zu werden. Eine erste Verwahrungsinitiative und die Unverjährbarkeitsinitiative haben den Unmut des Volkes über das Strafrecht bereits deutlich gemacht.

Mehr Verwahrte – viel höhere Kosten

Wollen wir Straftätern weiterhin die Chance geben, sich zu bessern? Wollen wir nach wie vor an die Veränderbarkeit des Menschen glauben? Oder ist es Zeit für eine neue Härte: Wer einmal eine brutale Tat begangen hat, hat seinen Kredit bis ans Lebensende verspielt?

Verwahrt man Ersttäter bei Sexual- und Gewaltdelikten konsequent, hätte dies grosse rechtsstaatliche und finanzielle Folgen: Die Zahl der verwahrten Personen würde innert weniger Jahre auf mehr als 1000 anschwellen. Denn bereits durch die verschärfte Praxis nach dem Mord an Pasquale Brumann 1993, verübt von einem vorbestraften Mörder auf Hafturlaub, stieg die Zahl der Verwahrten von 80 auf derzeit mehr als 200. Seither gilt: Wer einmal verwahrt ist, kommt nicht mehr raus. 1000 Verwahrte kosten den Staat jährlich rund 110 Millionen Franken. Bleiben die Verwahrten durchschnittlich 30 Jahre im Gefängnis, ergäbe dies eine Summe von mehr als drei Milliarden Franken. Bei so hohen Kosten würde wohl bald der Ruf nach der Todesstrafe laut.

Die Hälfte ist zu Unrecht eingesperrt

Mit der konsequenten Verwahrung von Ersttätern nähme man auch definitiv Abschied vom Verfassungsgebot der Verhältnismässigkeit. Vom Grundsatz also, dass der Staat nur angemessene Massnahmen ergreifen darf. Bereits heute ist laut renommierten Gerichtspsychiatern in der Schweiz rund die Hälfte der Verwahrten zu Unrecht eingesperrt. Das heisst: Etwa 100 Straftäter sind ein Leben lang weggeschlossen, obwohl sie nie rückfällig würden. Diese Zahl stiege massiv an, würde man Ersttäter konsequent verwahren.

Lehnt man diese harte Gangart ab, bleibt der anstrengende und schmerzhafte Weg von «Trial and Error»: der stete Versuch aller Straf- und Vollzugsbehörden, die Gefährlichkeit von Straftätern immer wieder zu überprüfen und möglichst angemessene Massnahmen zu treffen.

Auf diesem Weg hat man seit dem Fall Brumann Fortschritte gemacht – wie der Fall Lucie trotz allem zeigt. Bei Daniel H. hat der Psychiater erkannt, dass er unter Drogeneinfluss gewalttätig wird. Die Massnahmenanstalt hat ihn nur auf Bewährung entlassen, eindringlich auf seine Gefährlichkeit hingewiesen und zielgerichtete Auflagen gemacht. Die Bewährungshilfe hat intensiv betreut und Meldung gemacht, als das Rückfallmuster erkennbar war: Drogenkonsum, Jobverlust, Beziehungskrise.

Trotzdem haben die Vollzugsbehörden das Ausmass der Gefahr verkannt und zu zögerlich gehandelt. Noch kurz vor der Tat wollten sie den arbeitslosen Koch zum Drogenentzug in einer Klinik bewegen, die für gefährliche Straftäter ungeeignet ist. Allerspätestens als H. den Termin zum Eintrittsgespräch platzen liess, hätte man unverzüglich eingreifen müssen.

Dafür gibt es – entgegen den Behauptungen des Aargauer Regierungsrats Kurt Wernli – die gesetzlichen Grundlagen: Ein Antrag auf fürsorgerische Freiheitsentziehung beim Bezirksamtmann Baden hätte genügt. Dieser muss eine Internierung umgehend verfügen, wenn akute Selbst- und Fremdgefährdung besteht.

Der Fall Lucie zeigt: Es braucht keine konsequente Verwahrung von Ersttätern, sondern noch wachsamere und strengere Vollzugsbehörden.