Nach der Katastrophe in Japan waren die Plattitüden und Beteuerungen schnell zur Hand. «Bei den Schweizer Kernkraftwerken hat die Sicherheit oberste Priorität», verkündete Bundesrätin Doris Leuthard. Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) wiederum erklärte, es bestehe «selbst im schlimmsten anzunehmenden Fall für die Freisetzung von grossen Mengen an Radioaktivität keine Gefahr für die Bevölkerung der Schweiz». Und Axpo-Chef Heinz Karrer sagte, man überprüfe nun «selbstverständlich alles, was in Japan abgelaufen ist oder noch ablaufen könnte».

Allen drei Aussagen ist eines gemeinsam: Man kann nur hoffen, dass sie ernst gemeint und korrekt sind. Überprüfen nämlich lässt sich so gut wie nichts, wenn es um Atomkraft geht.

Beispiele dafür gibt es zuhauf. So ist selbst die – eigentlich öffentliche – Pendenzenliste, in der das Ensi die anstehenden Überprüfungen und Arbeiten innerhalb der Schweizer Atommeiler auflistet, auf der Website der Aufsichtsbehörde nur zu finden, wenn man ihren genauen Namen kennt. Die Angaben darin sind kryptisch. Für Laien ist nicht einmal erkenntlich, in welcher Anlage die aufgelisteten Arbeiten anstehen. Wer mehr wissen will über den Zustand der hiesigen Atomanlagen und ihre Sicherheit, beisst mit grosser Wahrscheinlichkeit auf Granit: Betreiber und Behörden schieben Geschäftsgeheimnisse und Bedenken wegen terroristischer Anschläge vor, wenn Medienschaffende oder atomkritische Organisationen Berichte über sicherheitsrelevante Fragen verlangen.

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AKW-Betreiber fürchten «unangenehme Fragen»

Genau für solche Berichte interessieren sich aber beispielsweise die Anwohnerinnen und Anwohner des AKWs Mühleberg, die sich gegen eine unbefristete Betriebsbewilligung wehren. Ihrer Ansicht nach ist es bei der Frage, ob der zweitälteste Atommeiler des Landes eine unbefristete Betriebsbewilligung erhalten soll, durchaus relevant, ob dieser gegen Naturgefahren und Flugzeugabstürze ausreichend gesichert ist. Im Einspracheverfahren wurde den Anwohnern jedoch die Einsicht in die entsprechenden Unterlagen verwehrt. Darunter befanden sich bezeichnenderweise auch Dokumente über die Erdbebensicherheit des AKWs.

Auch die AKW-Betreiber selber glänzen nicht mit übermässiger Transparenz – im Gegenteil. So machten Mühleberg-Gegner im Januar eine interne Mail der Bernischen Kraftwerke publik, die vor einer Infoveranstaltung anwies, Folien zur Überflutungsgefahr der bestehenden Anlage von Mühleberg zu überarbeiten. Originalton: «Es könnten unangenehme Fragen aufkommen, wenn wir die Resultate der Überflutungsberechnungen allzu transparent machen (die zeigen, dass das KKM je nach Szenario überflutet wird). Wir wollen da keine schlafenden Hunde wecken.»

Eines ist klar: Die Hunde sind seit der Katastrophe im AKW Fukushima hellwach. Die von der Schweizer Stromwirtschaft hochgejubelte «Renaissance der Kernenergie» ist wohl für längere Zeit aufgeschoben, Projekte für neue AKWs werden einen sehr schweren Stand haben.

Es braucht unabhängige Information

Dabei zielen jedoch diejenigen, die jetzt eine sofortige Abschaltung der Schweizer AKWs fordern, übers Ziel hinaus. Die Schweizer AKWs sind weder gefährlicher noch sicherer als vor dem 11. März 2011, eine Stilllegung ist demzufolge genau gleich dringlich oder – je nach Standpunkt – überflüssig wie vor diesem Datum.

So einfach wie in der Vergangenheit werden jedoch AKW-Betreiber und Behörden mit ihren Beteuerungen und ihrer Geheimniskrämerei in Zukunft nicht mehr durchkommen. Das Beispiel Japan zeigt, dass wir unseren Energieverbrauch und die Produktion dieser Energie gründlich überdenken müssen. Die Frage wird ganz einfach sein: Welches Risiko wollen wir auf uns nehmen, um unseren Komfort zu erhalten? Um in dieser Frage entscheiden zu können, brauchen die Bürgerinnen und Bürger vor allem eines: ehrliche, ungeschminkte Informationen von einer unabhängigen Stelle.

Dass Energieministerin Leuthard die Gesuche für neue AKWs sistiert hat und die bestehenden ausserplanmässig auf ihre Sicherheit überprüfen lässt, ist ein erster, kleiner Schritt. Danach aber muss der weitaus grössere folgen: Was immer bei den Überprüfungen herauskommt, muss offengelegt werden, Seite für Seite, Fakt für Fakt. Sollten dann auch nur die geringsten Zweifel an der Sicherheit der Anlagen aufkommen, sind die Forderungen nach einer Stilllegung aktuell – und gerechtfertigt.

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