An den Briefträgern kann es nicht liegen, dass die Post in der Bevölkerung so viel Goodwill verspielt hat. Denn die Pöstler bekamen gute Noten in einer repräsentativen Umfrage des Beobachters Anfang Jahr. Gar nicht gut schnitt die Brief- und Paketpost aber beim Preis-Leistungs-Verhältnis ab. Kein Wunder, sorgt die Post doch mit konstantem Serviceabbau für Schlagzeilen: hier ein Briefkastenweniger, dort eine Poststelle geschlossen.

Wie selbstgerecht sich die Post mitunter gebärdet, zeigt sich, wenn eingeschriebene Briefe verschwinden: Übersteigt deren Wert nämlich eine bestimmte Limite, stiehlt sich der gelbe Riese komplett aus der Haftung. Dies kann sich die Post nur leisten, weil wir ihr ausgeliefert sind. Wir können es uns bis heute nicht aussuchen, von wem wir unsere Briefe spedieren lassen. Der Wettbewerb spielt erst ab einem Gewicht von 50 Gramm pro Sendung – auf allem, was leichter ist, hat die Post das Monopol.

Das will der Bundesrat jetzt aufheben. Und das Bauchgefühl meldet: Ein bisschen Konkurrenz könnte tatsächlich nicht schaden. Sollen doch die Privaten dem ehemaligen Staatsbetrieb einmal zeigen, wie man Kunden auch wie Könige behandelt. Konkurrenz belebt das Geschäft, Kunden profitieren davon, dass sich die Wettbewerber anstrengen müssen. Ja, die gesamte Volkswirtschaft muss schliesslich gewinnen, weil Konkurrenz jeden zwingt, noch günstiger anzubieten, noch besser zu werden. Was fast schon als Binsenweisheit des Kapitalismus durchgehen könnte, stimmt aber nicht für den Postmarkt. Denn unter dem Strich kommt es teurer, wenn all die verschiedenen Anbieter ihr eigenes, personalintensives Verteilnetz aufbauen müssen.

Um zu sehen, wohin die Reise geht, wenn der Postmarkt vollständig liberalisiert wird,genügt ein Blick nach Schweden. Dort ist der Postmarkt seit über 15 Jahren geöffnet. Und es zeigt sich, wer tatsächlich profitiert: Gewinner sind die Grosskunden. Sie konnten dank der privaten Konkurrenz für ihre riesigen Volumen Tiefstpreise aushandeln. Die Zeche bezahlen die gewöhnlichen Konsumenten: Sie sind als Kunden wenig interessant, weil sie einerseits viel weniger verschicken, andererseits aberaufwendiger bedient werden müssen. Der Tarif für Einzelbriefe ist in Schweden denn auch am stärksten angestiegen.

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Derselbe Mechanismus wird sich bei uns wiederholen. Einen Vorgeschmack lieferte die letzte Preissteigerung der Paketpost, die jabereits im Wettbewerb mit privaten Anbietern steht. Die Post erhöhte im April die Porti für leichte Pakete, die von Privaten am meisten verschickt werden. Geschäftskunden hingegen, die häufiger auch schwere Sendungen aufgeben, profitierten gleichzeitig von einer Preissenkung.

Wenn der Postmarkt vollständig geöffnet ist, wird sich diese Entwicklung noch verschärfen: Im Kampf um lukrative Grosskunden werden sich Postunternehmen gegenseitig unterbieten. Die Preise für das aufwändige Geschäft mit Privaten ausserhalb der Grosszentren hingegen werdenmassiv ansteigen, der Service wird zugleich weiter abgebaut.

Wie dieser Abbau aussehen könnte, testet die Post bereits in einem Versuchsprojekt, bei dem sie private Kunden als Letzte erst nachmittags beliefert. Nach einem medialen Aufschrei versuchte Post-Chef Jürg Bucher, die Wogen zu glätten: In den Testgebieten profitierten die Bewohner von Quartieren mit Geschäftskunden weiterhin, denn diese bekämen ihre Post bereits am Morgen.

Treibende Kraft hinter der vollständigen Liberalisierung ist der Wirtschaftsverband Economiesuisse. Gerne wird von den Befürwortern das Wohl der Konsumenten vorgeschoben: Die Kunden würden von den günstigeren Posttarifen für Geschäftskunden am Ende genauso profitieren, weil Unternehmen ihre Preisvorteile selbstverständlich weitergeben würden. Wie gerne sie dies tun, zeigt sich beispielhaft am zurzeit historisch tiefen Eurokurs: Firmen, die den Wechselkursvorteil tatsächlich weitergeben, sind dermassen exotisch, dass sie damit kräftig werben. Wäre dieses Vorgehen selbstverständlich, könnte sich niemand damit brüsten.

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Wenn das Parlament in der laufenden Herbstsession entscheidet, ob der Postmarkt vollständig geöffnet werden soll, ist es also gut beraten, sich bei diesem Entscheid nicht auf das Bauchgefühl zu verlassen und das Begehren des Bundesrates zurückzuweisen.