Didier Froidevaux ist der Geburtshelfer. Es ist nicht seine erste Geburt. Manche Geburten ­gehen schnell und reibungslos, aber die Geburt der Lohnstrukturerhebung ist eine komplizierte Sache und braucht Nerven. So etwas macht man nur alle zwei Jahre. Gut, dass der 49-Jährige geduldig ist, einer mit sprödem Humor, ein Routinier. Seit 16 Jahren arbeitet er im Bundesamt für Statistik.

«Lohnstrukturerhebung» ist ein etwas sperriger Begriff. Froidevaux sagt «unsere LSE». Es klingt, als spreche er von einer ­Respektsperson, stolz hält er sie in die Höhe: die LSE 2008, eine Broschüre, 40 Seiten Statistik. Eine Zahlensammlung, in der die Lohnpraxis der Schweiz bis ins letzte Detail ausgeleuchtet wird. Prämien, Boni, Lohnsysteme, auch die bestgehüteten Geheimnisse kommen ans Licht. Wer Geburtshelfer der LSE sein will, muss nicht nur starke Nerven haben, er muss auch schwören können auf diesen Satz: «Unsere Aufgabe ist es, Transparenz und Objektivität herzustellen, darum geht es in der Statistik.»

Alles hier atmet diesen Geist der Lichtdurchlässigkeit. Das Bundesamt für Statistik, auf dem Gelände des Hauptbahnhofs Neuenburg gelegen, ist ein Palast aus Glas und im Inneren eine luftige Konstruktion aus Lichthöfen, Verbindungsbrücken und frei hängenden Treppen. Selbst die Menschen, die hier arbeiten, scheinen von sonnigem Gemüt, jeder grüsst, und es klingt wie freundliches Vogelgezwitscher.

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Was Froidevaux, Leiter der Sektion Löhne, an der LSE am meisten imponiert, ist ihre Unabhängigkeit. «Reine, objektive Information.» Sie dient keinem Herrn, lässt sich nicht korrumpieren, das ist vielleicht ihr wichtigster Charakterzug. Von den einen wird sie gefürchtet, von ­anderen geschätzt. Die einen wollen nicht, dass man offen über Löhne spricht, weil dann die anderen vergleichen und genau sehen können, ob sie zu wenig verdienen. Hat Froidevaux einmal seine LSE in die Welt gesetzt, beginnt das Säbelrasseln. Sie ist die Grundlage, auf die sich Gewerkschafter und Arbeitgeber beziehen, wenn sie in den Lohnrunden verhandeln – und wenn es heftig wird, hat Froidevaux nichts dagegen. «Eine Statistik macht nur Sinn, wenn man sie auch brauchen kann.» Er weiss dann, dass sich der ganze Aufwand wieder einmal gelohnt hat.

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«Wozu dienen diese Daten überhaupt?»

Dass es sich gelohnt hat, monatelang ­Hunderttausende von Daten zu sammeln, meterhohe Papierberge abzutragen, Tausende Anrufe und Mails zu beantworten, Mahnungen zu verschicken. Dass es sich gelohnt hat, sich all die Reklamationen und blöden Sprüche anzuhören. «Typisch Beamte!», «Die Statistik lügt doch sowieso!» – solche Sachen.

Ein Statistiker muss das pralle Leben in Zahlen pressen. Das ist ein Kunststück. Die Zahl lebt, bedeutet das im Umkehrschluss. Die Lohnstrukturerhebung strotzt demnach vor Leben.

Die LSE 2010 – 13 Monate dauert es, bis sie steht. Eigentlich beginnt alles ganz ruhig. Im Sommer 2010 verschicken Froidevaux und seine Leute Fragebögen an 60'000 Firmen. Grössere Unternehmen bekommen diesen Fragebogen immer, bei den kleineren bestimmt der Zufall. «Besten Dank für Ihre wertvolle Mitarbeit!», schreiben die Statistiker zuunterst auf jeden Fragebogen. In Fettschrift. Es hilft nichts. Die meisten Betriebe kooperieren zwar gut, aber die Querulanten sind es, die anrufen: «Wir waren doch beim letzten Mal schon dabei. Wieso sind wir schon wieder dran?» Das ist der Moment, in dem die Ruhe kippt. «Wozu dienen diese Daten überhaupt?»

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Irgendwie versteht man den Unmut. Bei so einem Fragebogen kann man auch verzweifeln. Damit die Firmen nichts falsch machen, haben Froidevaux und sein Team die erste Zeile auf dem Blatt als ­Beispiel selbst ausgefüllt: Otto Muster – geboren 1954 – männlich – verheiratet – seit acht Jahren in der Firma – Ausländer mit Niederlassung C – abgeschlossene Berufsausbildung – wöchentliche Arbeitszeit 41 Stunden und 45 Minuten – Bruttolohn 4312 Franken – geregelt in einem Verbandsvertrag – Sozialabgaben 582 Franken – Zulagen für Schichtarbeit 153 Franken – Entlohnung für monatliche Überstunden 237 Franken – 13. Monatslohn 4312 Franken – Weihnachtsgratifikation 320 Franken. Und das, je nach Grösse der Firma, für die ganze Belegschaft oder mindestens einen Drittel der Mitarbeiter.

KMU sollen nicht unnötig belastet werden

Damit nicht genug. Die Firmen werden ja nicht nur vom Bundesamt für Statistik ­behelligt. Auch die Suva, die Steuerverwaltung, die AHV-Ausgleichskassen wollen Lohndaten und verschicken ihre eigenen Fragebögen. «Weniger Ärger für KMU mit amtlichen Statistiken!», forderte die FDP vor einiger Zeit in einer Motion. Es könne doch nicht sein, dass die Bürokratie den Firmen so viel Geld und Zeit raubt, am Schluss gar Arbeitsplätze gefährdet.

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Froidevaux reibt sich den Nacken, als habe ihn dort ein Insekt gestochen. «Wir unternehmen alles, um die Belastung zu reduzieren.» Einige seiner Mitarbeiter sind jetzt für Kontaktpflege abgestellt. Sie be­suchen grössere Firmen, suchen das Gespräch, entkrampfen die Fronten. Froidevaux selbst traf sich regelmässig mit den Leitern der Suva, der Ausgleichskassen, Steuerbehörden. Jetzt gibt es seit ein paar Jahren eine spezielle Software, dank der die Unternehmen nur noch ein einziges Mal ihre Lohndaten verschicken müssen. Der Knatsch ist damit nicht erledigt. Einige Betriebe murren, weil sie auf die neue Software umsatteln müssen. «Und es gibt halt auch noch den Familienbetrieb, der immer noch alles von Hand ausfüllt.»

Es kommt, wie es kommen muss: Es hagelt Anrufe. Um des Chaos Herr zu werden, ­engagiert Froidevaux ein temporäres Team, oft Studenten. Die Ersten kommen im September. Bis zum Frühjahr 2011 ist die Truppe 25 Mann stark. «Das ist die Zeit, in der bei uns die Hölle los ist.» Das ist die Zeit des Ausnahmezustands, die LSE nimmt langsam Formen an. Sie wird zu gross für die Einmannbüros von Didier Froidevaux und seinen Kollegen, die gar nicht so klein sind, ein Schreibtisch hat darin Platz, ein runder Tisch mit vier Stühlen für Besprechungen. Viel Luft dazwischen, viel Weiss überall, die Möbel, die Wände, alles wirkt etwas unpersönlich. Trotzdem: Die LSE muss in den Keller.

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«Die Lohndaten sind wie Rohdiamanten. Wir prüfen sie und haben am Schluss echte Brillanten»: Jean-Pierre Wolflisberg, Chef Produktionsgruppe Lohnstrukturerhebung

Quelle: Sonderegger / Cortis

Jean-Pierre Wolflisberg ist ein Mann von mitreissendem Wesen, ein Bergsteiger­typ, immer einen imaginären Gipfel vor Augen, immer diese «Das schaffen wir»-Zuversicht im Blick. Seit zwölf Jahren ­arbeitet er im Bundesamt für Statistik, ­inzwischen ist der bald 60-Jährige Chef der Produktionsgruppe der LSE. «Kommen Sie, ich zeige Ihnen die Mine.» «Mine», so nennt er den Keller. «Rohdiamanten», so nennt er die Lohndaten. «Wir erhalten die Roh­diamanten und prüfen sie, wenn nötig nehmen wir Kontakt mit den Firmen auf. Am Schluss haben wir plausibilisierte Daten – echte Brillanten.»

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Der Keller ist ein langgezogener Saal, in dem sich Schreibtisch an Schreibtisch reiht. Oberlichter, durch die weiches Tageslicht fällt. Ein schlaffer Gummibaum. Linol­boden statt geölter Buche wie oben. Siebziger-Jahre-Mief statt architektonischer Leichtigkeit. Der Saal ist leer. Aber Wolflisberg besitzt dramatisches Erzähl­talent, und man kann sich die Hektik während der Monate April und Mai 2011 hier unten gut vorstellen. Wenn der interne Postdienst jeden Tag Kisten mit ausgefüllten Fragebögen anschleppt. Wenn die Kisten sich in den alusilbrigen Büroschränken stapeln. Wenn die Telefone ununterbrochen klingeln. «In Spitzenzeiten werden wir 600 Mal pro Woche angerufen oder per Mail kontaktiert.»

Es gibt auch Patrons, die einfach einen leeren Fragebogen zurückschicken. Oder dann steht in jedem Kästchen dieselbe Zahl. Oder bei der Sekretärin derselbe Lohn wie beim CEO. Jeder Bogen, der reinkommt, muss von der Truppe um Jean-Pierre Wolflisberg geprüft werden. 1,9 Millionen Lohndaten sind es am Schluss. 1,9 Millionen Mal die Frage: Stimmt das, ist das plausibel? Viele Firmen schicken auch überhaupt nichts zurück. Nach der ersten Mahnung immer noch nichts. Nach der zweiten geben sich einige endlich einen Ruck. Bei einigen hilft nur ein Anruf: «Das braucht dann einiges an Verhandlungs­geschick und Überzeugungskraft.»

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Warum dieser Aufwand? Wozu überhaupt Statistik? Um solche Fragen ging es auch im Januar 1860, als Bundesrat und Parlament über Sinn und Zweck eines «national-statistischen Büros» diskutierten, des Vorgängermodells des heutigen Bundesamts für Statistik. Es war die Zeit, als die Kantone gerade erst anfingen, ihre Staatsrechnungen zu veröffentlichen, als Regierungen und Verwaltungen noch geheimen Zirkeln glichen. Tatsächlich ging es bei ­dieser Debatte um viel mehr als um ein national-statistisches Büro: Es ging um Transparenz. Um die Frage, wie öffentlich das Staatswesen sein soll. Und es ging um das Gefühl, eine Nation zu sein.

Nur wer die Verhältnisse kennt, kann planen

Andere Staaten wie Frankreich, die Niederlande oder Preussen besassen zu jener Zeit längst zentral geführte statistische Ämter. Dem Bundesrat war es peinlich, hinter ­diesen «zivilisierten Staaten» zurückzubleiben. Zwar war die Schweiz faktisch seit einigen Jahren ein Bundesstaat, aber gefühlt war sie halt immer noch ein aus einzelnen Kantonen lose zusammengenähter Flickenteppich. Eine Statistik mit Zahlen, die aus dem gesamten Gebiet der Eidgenossenschaft zusammengezogen wurden, sollte – so die Hoffnung des Bundesrats – den Eindruck einer gemeinsamen Nation verstärken. Die bundesrätliche Botschaft vom Januar 1860 ans Parlament war dann auch ein 20-seitiges Loblied auf eine zentrale eidgenössische Statistik. Der Inhalt lässt sich schnell zusammenfassen: Regieren ohne Statistik ist wie Rumstochern im Nebel. Nur wer die tatsächlichen Verhältnisse in seinem Land kennt, wer zuverlässige Daten hat, kann planen, agieren, sinnvolle Gesetze erlassen und sinnlose korrigieren.

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Noch im selben Jahr wurde das national-statistische Büro eingeweiht. Seitdem hat sich viel verändert. Die Gesellschaft hat sich zu einer globalisierten Wissensgesellschaft entwickelt – und die Statistik musste Schritt halten, musste neue Methoden ­suchen, um die immer komplexer wer­dende Welt vermessen zu können. Beispiel Bruttoinlandprodukt: Bis zur Finanz- und Wirtschaftskrise war das BIP die Messlatte für den Wohlstand einer Gesellschaft. Inzwischen jedoch denkt man anders über Wohlstand nach. Jetzt definiert man ihn nicht mehr ausschliesslich über das wirtschaftliche Wachstum. Jetzt sind Statistiker weltweit damit beschäftigt, neue Mess­modelle zu entwickeln.

«Ist mein Lohn gerecht?»

Eines jedoch ist gleich ge­blieben: Ohne statistische Daten ist der Gesetzgeber aufgeschmissen. Die Kantone sollen beispielsweise den Arbeitsmarkt überwachen. Sie sollen herausfinden, ob im Zuge der Personenfreizügigkeit die Löhne in der Schweiz gedrückt werden. Sie sollen Massnahmen gegen Lohndumping einführen. Das geht nur, weil die Kantone sich an den Referenzlöhnen aus der LSE orientieren können.

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Inzwischen ist es August 2011: Die ­Fragebögen mit den Lohndaten wurden im Untergeschoss des Bundesamts kontrolliert, geschliffen, erfasst, und jetzt darf die LSE wieder hinauf in die oberen Etagen. Das temporäre Team hat sich verabschiedet. Mathematiker übernehmen und erstellen repräsentative Hochrechnungen.

Alles wird nun ruhiger, was aber nicht heisst, dass die Telefonapparate stumm bleiben. Menschen aus der ganzen Schweiz rufen an und wollen wissen, ob ihr Lohn gerecht ist. Anwälte rufen an, die Frauen in Scheidung vertreten und wissen wollen, welche Alimente ihren Mandantinnen zustehen. Branchenvertreter rufen an und brauchen die Lohnniveaus aus der LSE, um ihre Lohnempfehlungen für das nächste Jahr festzulegen. Forscher rufen an, mit zuweilen unmöglichen Fragen. «Auch die LSE hat ihre Grenzen», ruft ­Didier Froidevaux und wirft die Arme in die Luft.

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Irgendwann meldet sich dann auch noch das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann. Der Deal zwischen Froidevaux und dem Büro ist über zehn Jahre alt: Das Büro muss per Gesetz die Lohngleichheit fördern, Froidevaux muss per Gesetz die dafür notwen­digen Lohninformationen aus der LSE ­liefern. Aus der Zusammenarbeit entsteht die gemeinsam herausgegebene Broschüre «Auf dem Weg zur Lohngleichheit», ein dünnes Heftchen, auf dem ein Mann und eine Frau abgebildet sind, beide um die 40, im Businesslook. Sie schauen nicht in die Kamera, sondern in ein Buch. Sie lächeln dabei so fröhlich, als würden sie niedlichen Affenbabys beim Rumtollen zuschauen.

«Seit Jahren redet man von Lohngleichheit, aber es bewegt sich nichts»: Arno Kerst, Vizepräsident Gewerkschaft Syna

Quelle: Sonderegger / Cortis
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«Frauenlöhne müssen angehoben werden»

Arno Kerst hält das Heftchen in der Hand und macht ein kummervolles Gesicht. Der 43-Jährige ist Vizepräsident der Gewerkschaft Syna, die Arbeitnehmer aus der Maschinen- und Pharmaindustrie, dem Bau oder dem Detailhandel vertritt. Er trägt sein Hemd über der Jeans, dazu eine Strubbelfrisur. Ein Junggebliebener mit den Stossseufzern einer alten Frau. «Seit Jahren redet man von Lohngleichheit, aber es bewegt sich nichts», stellt er nüchtern fest. «Deshalb sind die Frauenlöhne ein zentrales Thema der Lohnverhandlungen 2012.»

Nun ist die LSE flügge geworden. Sie hat die Zahlenfabrik von Neuenburg verlassen, tritt hinaus in die Welt, hinein in Kersts Büro an der Zürcher Josefstrasse. Aber auch hinein in den Alltag der Menschen, dafür will Kerst sorgen. Er will, dass sich bei den Frauenlöhnen endlich etwas bewegt. Es ist immer noch August 2011. Kerst trifft sich mit einer Juristin der Syna zum Mittagessen in der Berner Altstadt. Das Heftchen hat er dabei. «Wir müssen unbedingt eine neue Strategie entwickeln.»

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9. September 2011, Konferenzhotel Olten, grosser Seminarraum: Arno Kerst steht am Mikrophon und erläutert die neue ­Strategie. «Lohntransparenz ist die Grundvoraussetzung für mehr Lohngleichheit», doziert er. «Verlangt in euren Betrieben transparente Lohnsysteme. Lohnerhöhungen müssen gerecht verteilt werden. Es dürfen nicht immer dieselben Männer davon profitieren, die niedrigen Frauenlöhne müssen endlich angehoben werden.» Die 50 Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter im Saal reagieren kaum, starren ihn nur an oder sind damit beschäftigt, das Be­grüssungs-Schöggeli auszupacken. Der Funke will nicht springen. Vielleicht liegt das an Kersts monotoner Stimme. Jetzt hält er das Heftchen hoch. «Hier findet ihr die wichtigsten Zahlen und Argumente.»

Ob jemand Fragen habe, wollte Arno Kerst am Schluss seines Referats noch wissen. Niemand hatte Fragen. Nun sitzen die Gewerkschafter im Restaurant. Mittagspause. Kerst schaltet seinen Laptop ab. «Es ist der falsche Zeitpunkt», sagt er. Kummerfalten durchziehen sein Gesicht. «Die Frankenstärke und die Konjunktur bereiten den Arbeitgebern und unseren Leuten Sorge. Daneben hat das Thema Lohngleichheit kaum Platz.» Er verabschiedet sich. Der Seminarraum ist jetzt still und leer. Auf den Tischen, zwischen Gläsern, Mineralflaschen und Kugelschreibern, liegen Exemplare des dünnen Heftchens. ­Einige mit Eselsohren. Einige mit Mustern und Kringeln vollgekritzelt. Einige zu ­Röhrchen zusammengerollt. Die LSE ist im Alltag angekommen.

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