Unter einem Namen, der an asiatische Opiumhöhlen des vorletzten Jahrhunderts erinnert, trug sich am 30. April 1999 eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung ins Handelsregister Berner Oberland ein. Deren Gründer, genaues Domizil, Mitarbeiter und Telefonnummer werden geheim gehalten. Am Geschäftssitz in Thun gibt es weder ein Firmenschild noch sonst einen Hinweis, der Aufschluss über die Tätigkeit des Unternehmens geben würde. Und wenn einmal das Telefon klingelt, nimmt niemand den Hörer unter Angabe der Firmenbezeichnung ab, sondern meldet sich unter seinem Familiennamen.

«Aus einem vielschichtigen Sicherheitsbedürfnis heraus», sagt Herbert Schultz (Name geändert), der Gründer und Geschäftsführer der geheimnisvollen GmbH, «würden wir es begrüssen, wenn Sie auf Namensnennungen verzichten. Sie helfen uns damit, unsere Arbeit, ohne hemmendes Aufsehen zu erregen, ganz dem Dienst der Sache widmen zu können.»

Zu Enger Spielraum fürs BAG
Die «Sache», um die es geht, trägt das Kürzel HeGeBe und ist nichts anderes als die 1999 vom Volk abgesegnete, ärztlich kontrollierte Heroinabgabe zur Behandlung Schwerstabhängiger. Die Firma importiert und verarbeitet im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG) das für die HeGeBe benötigte Heroin. Die GmbH ist damit der einzige staatlich lizenzierte Drogendealer in der Schweiz.

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Die Geschichte der geheimnisumwobenen Firma begann Anfang 1995. Damals hatte sich eine Gruppe von BAG-Wissenschaftlern «auf Drängen und mit Unterstützung ihres staatlichen Arbeitgebers selbstständig gemacht», sagt Schultz. Die Drogenexperten hatten die Schweizer Heroinstudie betreut, die als Grundlage der HeGeBe diente. «Schon damals war zu erkennen», so Schultz, «dass die Beschaffung von heroinhaltigen Produkten innerhalb der Amtsstrukturen des BAG problematisch war und eine grössere Handlungs- und Entscheidungsfreiheit benötigte, um unauffällig und unter strengen Sicherheitsvorkehrungen die Versorgung der Heroinstudie gewährleisten zu können.»

Zwar werden in der Schweiz jedes Jahr grosse Mengen von Heroin in Razzien konfisziert: allein zwischen Januar 2000 und Dezember 2001 rund 600 Kilogramm zu einem Schwarzmarktpreis von rund 90 Millionen Franken. Doch gegen die Verwendung im staatlichen Heroinabgabeprogramm sprechen ethische Gründe und die Unreinheit des oft stark gestreckten Stoffs.

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Im Auftrag des BAG entwickelten die Wissenschaftler in Eigenregie Heroin als injizierbare Lösung sowie in Tablettenform. Die Produkte erhielten den Markennamen Diaphin. Parallel dazu konzipierte die Gruppe ein ausgeklügeltes Sicherheitskonzept für den Rohstoffimport, die Verarbeitung sowie die Verteillogistik an die insgesamt über 20 Behandlungszentren in der Schweiz.

Schwierige Suche nach Firma
Nach der amtlichen Registrierung der spritzbaren Form von Diaphin als anerkanntes Arzneimittel im Oktober 2001 beabsichtigte das BAG, sich aus der Produktion, Versorgung und Verteilung von Diaphin zurückzuziehen. Doch die Suche nach einer Pharmafirma gestaltete sich schwierig. Alle angefragten Firmen sagten ab – aus Imagegründen, aber auch aus wirtschaftlichen Überlegungen.

«Eine lokale Heroinverarbeitung, die zwingend die Errichtung spezifischer Produktionsprozesse voraussetzt, hätte sich für uns nicht ausbezahlt», sagt zum Beispiel Novartis-Sprecher Satoshi Sugimoto. «Und um kostendeckend zu arbeiten, ist der Schweizer Markt viel zu klein.» Der Basler Pharmamulti importierte im vergangenen Jahr für rund 130 Milliarden Franken Rohstoffe und Zwischenprodukte für die weltweite Produktion von opiathaltigen Medikamenten.

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Das grosse Geld ist mit dem legalen Heroin nicht zu machen. Die Thuner Firma, die mit dem HeGeBe-Heroin einen Jahresumsatz von 1,7 Millionen Franken erzielt, beschäftigt acht Personen, vier davon sind Teilzeit angestellt. Saläre, Administration, Logistik, Miete, Forschung und Entwicklung kommen auf rund 300'000 Franken pro Jahr zu stehen; der jährliche Import von 200 Kilo Heroin sowie die Produktion von Diaphin schlägt mit 1,4 Millionen Franken zu Buche. Um überhaupt mit Gewinn arbeiten zu können, ist die Thuner GmbH auch als Importeurin von Arzneimitteln und Herstellerin von Prüfarzneien für klinische Studien tätig.

Das «legale» Heroin, das die staatlich lizenzierten Dealer aus Thun für die HeGeBe importieren und zu Injektionslösungen und Tabletten verarbeiten, stammt aus Schottland. Wie alle heute als Pharmaka zur Verfügung stehenden Opiate wird es aus dem Anbau von Schlafmohn gewonnen. Kontrollierte Anbauflächen gibt es auch in Spanien, Frankreich, Australien, Indien und der Türkei. Die durch die Weltgesundheitsorganisation kontrollierten Anbauflächen umfassen total rund 74'000 Hektaren.

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Gemäss dem Bundesamt für Polizei (BAP) gibt es in der Schweiz zurzeit rund 30'000 Konsumenten von Heroin und Kokain. «Für die Beschaffung dieser Drogen», so BAP-Mitarbeiter Sanaoullah Sana, «geben die Abhängigen jährlich rund eine Milliarde Franken aus.»

Verlängerung um fünf Jahre
Rund 1200 Schwerstsüchtige nehmen am staatlichen Heroinprogramm teil. Im Mittel benötigt ein opiatsüchtiger Patient 0,5 Gramm Heroin pro Tag oder fünf bis sechs Tabletten à 0,2 Gramm. Die Thuner GmbH gab im letzten Jahr rund 10'000 Ampullen Diaphin sowie 200'000 Tabletten an die Teilnehmer des Programms ab.

Die Arbeit wird den staatlichen Heroinproduzenten so schnell nicht ausgehen: Anfang März stimmte das Parlament einer Verlängerung der Heroinabgabe um fünf Jahre zu.