Vom 9. Juli ist mir ein Sonnenbrand im Gesicht geblieben. Es waren enorm viele Leute an der Unabhängigkeitsfeier in Juba, sicher eine Viertelmillion, 3000 geladene Gäste, mehr als 30 Staatsoberhäupter. Deshalb hatten nur die Wichtigsten Platz auf der gedeckten Ehrentribüne. Ich sass zwar auch auf der Tribüne, aber an der prallen Sonne, sechs Stunden lang. An Sonnencreme hatte ich in der Aufregung nicht gedacht.

Im Vorfeld der Unabhängigkeitsfeier war von Euphorie lange nichts zu spüren. Auch wir von der Schweizer Delegation haben bis zuletzt nicht daran geglaubt, dass es ohne Verschiebungen und Zwischenfälle abgehen würde. Zum einen ist die politische Situation nach wie vor unklar – zum Beispiel ist noch immer nicht entschieden, zu welchem Staat das strategisch wichtige Gebiet Abyei, das an der Grenze zwischen dem muslimischen Nord- und dem christlich-animistisch Südsudan liegt, nun wirklich gehört.

Zum anderen hat der Südsudan noch nie ein Ereignis dieser Grössenordnung organisiert. Wir fürchteten, dass alles im Chaos untergehen könnte. Noch eine Woche vor den Feierlichkeiten hatte die Polizei in einer mehrtägigen Aktion die Hauptstadt Juba hermetisch abgeriegelt und nach Waffen durchsucht, aus Furcht vor Anschlägen.

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Obwohl die Stimmung angespannt war, fühlte ich mich privilegiert, bald an einem Ereignis teilnehmen zu können, zu dem auch die Schweiz beigetragen hat. Ein Schweizer Mediationsteam auf dem Bürgenstock hat massgebliche Vorarbeit zu dem Friedensabkommen geleistet, das jetzt einen fast 50-jährigen Bürgerkrieg mit mehr als zwei Millionen Opfern beendet. 

Als ich dann um Mitternacht, als der 9. Juli anbrach, die Trommeln hörte, war mir klar: Jetzt wird der Südsudan wirklich unabhängig. Die ganze Nacht hörte man diese Trommeln, die Menschen tanzten. Sie tanzten auch dann noch weiter, als wir still auf der Tribüne sassen. Der eindrücklichste Moment war für mich, als die neue, riesengrosse südsudanesische Flagge gehisst wurde. Viele Einheimische weinten vor Freude. Auch ich war sehr berührt.

Am Sonntag, dem Tag nach der Unabhängigkeitsfeier, gingen wir dann alle an das erste offizielle Spiel der südsudanesischen National-Elf. Das Stadion war extra renoviert worden, neu finden sicher 10'000 Fans Platz. Trotzdem platzte es aus allen Nähten. Als das südsudanesiche Team gegen den Tusker FC aus Kenia dann noch das erste Tor erzielte, kannte der Jubel keine Grenzen. Am Schluss hiess es dennoch 1:3 – der Trainingsrückstand des Teams, das erst ein paar Tage alt war, wurde leider sichtbar.

Ich bin seit dreieinhalb Jahren Leiter des DEZA-Büros im Südsudan. Normalerweise bleibt man vier Jahre in einem Land. Was für mich nach dem Sudan kommt, weiss ich noch nicht. Ich war schon in vielen afrikanischen Ländern, habe Schönes und Schlimmes erlebt. Hier im Südsudan beschäftigen wir uns vor allem mit der Grundversorgung, insbesondere im Wasserbereich.

Wir erwarten, dass jetzt mit der Unabhängigkeit erneut Hunderttausende Menschen in den Süden zurückkehren, die vor den Bürgerkriegen in den Norden geflohen sind. Es gilt, eine minimale Infrastruktur für sie bereitzustellen, Brunnen, medizinische Grundversorgung. Der Alltag ist für diese Menschen der nackte Überlebenskampf.

Eigentlich wäre der Südsudan ein sehr fruchtbares Land. Es macht mich immer wieder wütend zu sehen, dass die Erde brachliegt und viele Lebensmittel teuer importiert werden müssen, die hier eigentlich gut wachsen würden.

Natürlich weiss ich, weshalb das so ist: Ackerbau braucht Frieden, Stabilität. Hier war während der letzten 50 Jahre fast immer Krieg. Krieg macht Wissen und Mut kaputt. Wenn die Männer weg sind und die Frauen immer gewärtigen müssen, dass Räuber, Rebellen oder Soldaten ihre Ernte stehlen oder anzünden, ist das keine Grundlage für Ackerbau.

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Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern, als wir einigen Frauen je fünf Ziegen schenken konnten. Viehzucht ist für viele die Lebensgrundlage. Plötzlich galten diese Frauen wieder etwas im Dorf, entwickelten Selbstbewusstsein, hatten eine Zukunftsperspektive. Mir wurde einmal mehr klar, mit wie wenig man viel bewirken kann.

Manchmal muss man hart bleiben. Es kann gut vorkommen, dass ein Chef darauf besteht, dass wir den ersten Brunnen der Gegend in seinem Garten graben. Es ist normal, dass der, der das Sagen hat, für sich zu optimieren versucht. Doch wenn man so jemandem den kleinen Finger gibt, nimmt er die ganzen Hand. Das habe ich lernen müssen: eine klare Linie haben, konsequent sein, sonst gibt es Probleme. 

Eigentlich arbeitet man auf DEZA-Missionen permanent darauf hin, sich selber überflüssig zu machen: Unser grösstes Ziel wäre, dass man uns hier nicht mehr braucht. Als ich in den Südsudan kam, waren wir drei Angestellte, inzwischen sind wir über 20. Mein grösster Albtraum ist, dass einem meiner Leute etwas zustösst, ein schlimmer Verkehrsunfall zum Beispiel. Die medizinische Versorgung hier ist unvorstellbar schlecht. Mich selber hat letzthin die Malaria erwischt; man kann ja nicht dauernd Prophylaxetabletten schlucken. Kurz vor dem 9. Juli hatte ich schon Befürchtungen, ich müsste nach Nairobi ins Spital. Der Schub ist dann aber glimpflich verlaufen.

Wie es jetzt weitergeht? Vieles bleibt ungewiss. Der junge Staat hat auf alle Fälle einen denkbar schwierigen Start vor sich. Für uns ist die Arbeit die gleiche: Wir müssen schauen, dass das Land die nötige Infrastruktur bekommt, um so schnell wie möglich auf die eigenen Beine zu kommen. Wir von der DEZA tragen dazu bei, indem wir helfen, die Grundversorgung in den Bereichen Nahrung, Wasser und Gesundheit zu verbessern. Es liegt aber letztlich an den Sudanesen, sich friedlich zu organisieren und sich nicht noch länger gegenseitig zu bekämpfen. Ich vertraue darauf, dass alle genug haben vom Krieg.