«Viele Jahre fragte ich nach dir, doch niemand konnte mir Antwort geben», schrieb Susanne Dobler, damals 17, an Giuseppe Cuccaro, 42. Sie hatte eben erfahren, dass er ihr Vater war. Kurz darauf, am 15. Januar 2003, standen sie sich erstmals gegenüber. «Unmöglich in Worte zu fassen, was in mir vorging. Ich war total aufgewühlt», beschreiben Tochter und Vater übereinstimmend ihren damaligen Zustand. Ihr Kontakt ist seither nie mehr abgerissen.

Eine DNA-Analyse hatte die Vaterschaft klar festgestellt. Dass dies so spät geschah, ist das Resultat der unbedarften Arbeit des Amtsvormunds von Freienbach SZ. 1986 hatte dieser einen Versuch gemacht, Susannes Vater zu finden. Zwei Männer kamen in Frage. Der eine schied nach dem Vaterschaftstest aus.

Blieb Giuseppe Cuccaro, mit dem der Vormund Kontakt aufnahm – ihn aber nicht zum Test aufbot. Cuccaro nahm deshalb an, die Sache sei erledigt. Der Vormund vermerkte in seinem Bericht: «Offenbar ist in diesem Falle wieder einmal auf mirakulöse Art und Weise eine Jungfrau zu einem Kinde gekommen.»

Die heute 19-jährige Susanne verbrachte eine schreckliche Jugend: Der Vormund betraute die Grosseltern mit der Obhut. Das Kind werde von ihnen bestens versorgt und betreut, schrieb er in seinen Berichten. Ihre Erinnerungen lauten anders: «Meine Grosseltern waren meistens betrunken.» Sie habe keine Zuwendung erhalten. Zudem hätten die Grosseltern auch ihre Kontakte zur Mutter nach Kräften behindert.

Nachdem der Amtsvormund zurückgetreten war, änderte die Vormundschaftsbehörde ihre Meinung über die Qualität der grosselterlichen Erziehung. «Die Grosseltern sind nicht in der Lage, dem Kind die nötige Pflege und Erziehung angedeihen zu lassen.»

Susanne besuchte bereits den Kindergarten, als ihre Mutter heiratete und sie endlich zu sich nahm. Die Beziehung zur Mutter entwickelte sich erfreulich – diejenige zum Stiefvater wurde zur Katastrophe. «Wenn er betrunken war, machte er sich an mich ran», erzählt sie.

Neun Jahre alt war sie, als er sie zum ersten Mal missbrauchte. Es folgte eine ganze Serie schwerer Übergriffe. Stets drohte der Täter Susanne, wenn sie jemandem davon erzähle, werde er ihr und der Mutter etwas antun und beide vor die Tür setzen.

«Die Angst- und Hassgefühle frassen ständig an mir», erzählt Susanne, «ich konnte das einfach nicht ausblenden.» Mit der beginnenden Pubertät belastete die Frage nach ihrer Herkunft sie zusätzlich. «Ich löcherte meine Mutter mit Fragen nach meinem Vater – und bekam keine Antwort.»

Mit 13 Jahren brach Susanne ihr Schweigen. Ihr Stiefvater wurde zu 30 Monaten Gefängnis verurteilt. Eine Genugtuung, wie sie im Opferhilfegesetz vorgesehen ist, erhielt Susanne Dobler nicht. Sie hatte die Frist verpasst, ihre Ansprüche anzumelden.

Nach dem Prozess ist Susanne Dobler ins Zürcher Oberland gezogen, wo sie jetzt auch ihre Lehre absolviert. Ihr neuer Beistand griff das Thema Vaterschaft erneut auf. Vater und Tochter fanden zusammen. Und der Stiefvater? Dobler: «Ich hasse ihn nicht mehr. Er ist mir völlig gleichgültig geworden.»

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