Noch tief beeindruckt und betroffen, bin ich am Tag der nationalen Trauer von der Gedenkfeier in Zug nach Hause zurückgekehrt. Nach den Wahnsinnstaten der letzten Zeit bleibt einem nur, den betroffenen Menschen und Gemeinschaften die persönliche Anteilnahme und Verbundenheit in ihrem Leid auszudrücken. Ungeschehen machen kann man solche Taten nicht.

Auf der Heimfahrt habe ich mir dann auch überlegt, wie wohl die Resultate der Besprechungen hinsichtlich der Swissair aussehen würden. An diesem Nachmittag fanden die entscheidenden Sitzungen statt.

Die missliche finanzielle Situation der nationalen Fluggesellschaft war ja längstens bekannt. So habe ich mich, auch als kleiner Aktionär der Swissair, schon lange gewundert, dass weder der alte noch der neue Verwaltungsrat zur Rettung der Gesellschaft einen massiven Kapitalschnitt und die Beschaffung von neuem Eigenkapital vorgeschlagen hat. Dies hätte allerdings neben dem richtigen Hinweis auf die Schwierigkeiten des Marktes vermutlich auch ein Eingeständnis von Fehlinvestitionen erfordert; das war den prominenten Damen und Herren offensichtlich nicht zuzumuten. So, wie wir bis heute auch nicht wissen, welche Ratschläge seinerzeit die Swissair-Beraterfirma für unzählige Millionen Franken erteilt hat.

In der Woche vorher bin ich gefragt worden, was ich von der vorgesehenen Lösung halte, wonach UBS und CS Group das Aktienbündel der Crossair aus dem Vermögen der Swissair übernähmen, die Airline Nachlassstundung beantrage und dann wohl von der Bildfläche verschwinde. Mir erschien diese Lösung weder möglich noch sinnvoll. Vorerst widerspricht es meinem Rechtsempfinden, wenn wichtige Vermögensteile einer Unternehmung an einen Dritten übertragen werden – und das unmittelbar bevor die Nachlassstundung angekündigt wird.

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Zum Zweiten aber befürchtete ich, eine Nachlassstundung einer auf der ganzen Welt engagierten Unternehmung könnte Monate und vielleicht sogar Jahre dauern und zu weiteren Verlusten bei der Swissair und ihren Zulieferern führen.

Gefährlich schienen mir des Weiteren die volkswirtschaftlichen Auswirkungen. Die Weltwirtschaft war schon vor der Terrorwelle in den USA in einer kritischen Situation. Abgesehen von den finanziellen Schäden sind auch die Konsumentinnen und Konsumenten verunsichert. Durch die Entwicklung der Börse sind Milliarden an Buchwerten zerstört worden, die heute der Wirtschaft für Investitionen fehlen. Deshalb darf man in einer solchen Situation eine grosse Unternehmung wie die Swissair auch nicht leichtsinnig untergehen lassen. Weitere Konkurse und Arbeitsplatzverluste wären nicht auszuschliessen, wenn die Swissair ihre Verpflichtungen nicht erfüllen könnte. Deshalb ist es billiger und besser für Staat und Wirtschaft, zuerst neues Eigenkapital zu beschaffen und nachher die Sanierung voranzutreiben.

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So habe ich auf der Heimreise noch gehofft, nach den endlosen Diskussionen habe man doch noch eine Lösung im Interesse der Schweiz gefunden. Doch diese Hoffnungen waren rasch vorbei, als ich den Fernseher einschaltete: Im Bild war UBS-Chef Marcel Ospel nach den Verhandlungen – auf dem Gesicht ein etwas überhebliches Siegerlächeln. Da erfuhr ich, die beiden Grossbanken hätten die Aktien der Crossair übernommen und diese führe jetzt das Schweizer Fluggeschäft weiter. Ospel habe auch jede Beteiligung des Bundes abgelehnt.

«Hochmut kommt vor dem Fall», fuhr mir durch den Kopf. Ich fragte mich, wie Marcel Ospel wohl reagieren würde, wenn seine eigene Unternehmung in Schwierigkeiten wäre. Ich erinnerte mich an die Bankenaffäre von Chiasso. Damals hatten wir in der Bankenkommission grosse Sorgen wegen möglicher Risiken, falls die Kunden das Vertrauen in die Bank verlieren und ihre Gelder zurückziehen würden. Die Nationalbank versicherte, sie werde Gelder in Milliardenhöhe zur Aufrechterhaltung der Liquidität zur Verfügung stellen. Vorbeugen ist besser als heilen.

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Richtig schockiert war ich, als ich hörte, über den Rest der Swissair werde nun eine Nachlassstundung eingeleitet. Damit hatte die Swissair sofort jede Kreditwürdigkeit verloren. Besorgt fragte ich mich, wie unter solchen Umständen ein ordentlicher Flugbetrieb aufrechterhalten werden könne. Als selbstverständlich nahm ich an – wie übrigens auch Swissair-Chef Mario Corti –, mindestens für Zürich und die wichtigsten Flughäfen sei das Problem der Zahlungsfähigkeit gelöst. Wie der folgende Tag zeigte, war dem nicht so: Die Maschinen blieben am Boden, und Zehntausende von Passagieren sassen fest, weil weder Geld eingegangen noch jemand erreichbar war.

Die beiden Grossbanken, und insbesondere die UBS, haben damit nicht nur bei der Swissair weitere Verluste verursacht; sie haben auch die Schweiz vor der ganzen Welt der Lächerlichkeit preisgegeben und dem Image des Landes und seinem Ruf unermesslichen Schaden zugefügt.

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Natürlich lehnt Herr Ospel die Verantwortung in einer Mitteilung an die Mitarbeiter ab (Mitarbeiterinnen gibt es offenbar nicht). Doch als Aussenstehender kommt man zum Schluss, das ganze Hinauszögern während Monaten habe nur den Zweck gehabt, Mario Corti und die Swissair zur Kapitulation zu zwingen. Es ist beschämend, wenn in der bereits zitierten Mitteilung erklärt wird, es seien 600 Millionen Franken bereitgestellt worden und es könne im Moment nicht mehr getan werden.

Dies, nachdem noch am Montag von Marcel Ospel eine Hilfe des Bundes klar abgelehnt worden war. Und wo bleibt die Glaubwürdigkeit, wenn jetzt die Bundeshilfe begrüsst wird? Persönlich komme ich um den Verdacht nicht herum, die Panne, die zum Zusammenbruch der Flugleistungen geführt hat, sei den Banken nicht ungelegen gekommen, wenn nicht sogar erwünscht gewesen – in der Hoffnung, die restlichen Teile der Swissair in der Liquidation günstig zu erwerben, um in Zukunft möglichst hohe Gewinne zu erzielen.

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Jahrelang hat man in der Schweiz über die Bewältigung der Vergangenheit diskutiert. Jetzt müssen wir die Weichen in der Gegenwart wieder richtig stellen. Wir müssen den Imageschaden ausbügeln, den uns die Grossbanken beschert haben. Der Bundesrat hat spät, aber im Grundsatz richtig gehandelt: Mit seinem Beitrag von 450 Millionen kann weiterer Schaden abgewendet werden.

Besser wäre es aber gewesen, er hätte zum vornherein mindestens 500 Millionen Franken Aktienkapital neu eingebracht und die Banken eingeladen, mitzutun bei der Rettung der Swissair. Offenbar war das nicht möglich, weil die massgebenden Leute auf beiden Seiten über ihre ideologischen Scheuklappen mit dem Credo der freien Wirtschaft gestolpert sind.

Doch was nicht ist, muss werden. Der Bundesrat sollte nun eine Auffanggesellschaft für die Swissair organisieren, damit die Reste nicht zum Selbstbedienungsladen für die Grossbanken werden. Und vor allem: Er sollte auf keinen Fall die Konzessionen übertragen.

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Entscheidend für den Bundesrat müsste die wirtschaftliche Lage sein. In der jetzigen Situation muss man die Wirtschaft eher stützen, als Konkursen und Entlassungen tatenlos zuzusehen. Sonst wird die betroffene Region, vermutlich aber die ganze Schweiz für ein solches Verhalten büssen müssen.

Wenn wir die Zukunft gut bewältigen wollen, ist es für die Wirtschaft und den Ruf der Schweiz besser, wenn wir alle Verpflichtungen der Swissair decken. Und da sollen uns nicht einmal 200 Millionen Franken für die belgische Fluggesellschaft Sabena reuen. Grosszügigkeit lohnt sich heute; sie ist besser, als mit Knausrigkeit in eine Rezession zu gleiten. Oder gar in eine Krise.