Männer beten im abgedunkelten ehemaligen Ladengeschäft im Zentrum von Dietikon. Das etwas heruntergekommene Haus ist ein Treffpunkt muslimischer Syrer und die Zentrale der zwei Vereine Swiss Relief und Helvetic Relief, die in ihrer Heimat Syrien humanitäre Hilfe leisten.

Eine Garage neben dem Haus ist voller Kleidersäcke – Spenden von Syrern und Schweizern für die vom Krieg betroffenen Menschen. Die im Dezember und Januar von Swiss Relief gesammelten Kleider sollten längst nach Syrien unterwegs sein, hier in der Garage werden sie feucht. «Wir sind daran, einen Container für den Transport zu organisieren», sagt der Kassier des Vereins, Amer Sharabati. Ein Lastwagen mit Milchpulver hat das Land bereits erreicht.

Am Tag darauf macht sich einer der betenden Männer in einem ausgemusterten, in Italien gekauften Krankenwagen mit Medikamenten auf den Weg zur syrischen Grenze. Zwei solche Ambulanzen sind ebenfalls mit Spenden gekauft worden.

Der Fahrer ist ein Familienvater aus dem Limmattal. Im Spendenaufruf nennt er sich Abu Hamza, Vater des Hamza. Im arabischen Schreiben Abu Hamza Al-Shami. Das irritiert Spender, die sich mit der Situation in Syrien genauer auseinandersetzen. Abu Hamza Al-Shami ist der Name eines bekannten Selbstmord­attentäters, der letzten Oktober in Aleppo eine Militärkaserne in die Luft sprengte und von der al-Qaida als Märtyrer verehrt wird.

Zur Spende gibts einen Koran

Auch Issa Gerber, Präsident der Helvetic Relief und Übersetzer von Beruf, zeigt sich irritiert. «Wir sind ein humanitärer und konfessionell neutraler Verein. Sich einen solchen Namen zu geben ist dumm oder sehr ungeschickt. Vielleicht war sich der Mann auch nicht bewusst, dass ein Attentäter so heisst.»

Kurz vor Redaktionsschluss meldet sich Abu Hamza aus dem syrischen Grenz­gebiet. «Es ist ein Zufall, dass ich mich gleich nenne. Von dem Attentat habe ich nichts gewusst.» Er wolle künftig wieder mit seinem bürgerlichen Namen für den Verein auftreten. Laut Saïda Keller-Mes­sahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, ist es unter Salafisten und Dschihadisten durchaus verbreitet, sich mit Namen verstorbener Kämpfer zu schmücken und sie damit zu ehren.

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Der Name nicht das Einzige, was Fragen zur Ausrichtung des Vereins aufwirft. Im Dietiker Haus stapeln sich Korane, die an Spender verschenkt werden. Die Bücher stammen von dem in Deutschland lebenden Salafisten und Prediger Ibrahim Abou-Nagie, der die fundamentalistische Web­site «Die wahre Reli­gion» betreibt. Für Vereinspräsident Gerber ist es grundsätzlich Privatsache, ob jemand Korane verschenkt oder nicht. Der Kassier versichert, man ­gebe die Bücher nur an Interessierte ab. Er hofft, dass nach Assads Fall ein auf dem Glauben basierender Staat entstehen wird. «Wo der Glaube verlorengeht, kommt meist etwas Schlimmes nach.»

Ausrichtung und Arbeitsweise des Vereins sind auch intern umstritten. «Wir wollen professioneller arbeiten und gründeten darum Helvetic Relief», sagt Issa Gerber. Pannen wie beim Aufruf für die Ambulanzen, als die Rundmail die Kontakte sämtlicher Spender aufführte, soll es nicht mehr geben. Zudem: «Es wird immer nur um humanitäre Hilfe gehen», versichert Gerber.

Grosses Bedürfnis, den Syrern zu helfen

Der Verein Swiss Relief will ebenfalls aktiv bleiben. Beiden dient das Haus in Dietikon als Basis. Worin sie sich unterscheiden, erschliesst sich nur schwer. Das Bedürfnis von Syrern in der Schweiz, in ihrem Heimatland zu helfen, ist jedenfalls gross. Letzten Sonntag sammelte Helvetic Relief an einer Veranstaltung im Islamischen Zen­trum Volketswil gut 10'000 Franken. Zum Vergleich: Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) half in Syrien mit rund 20 Millionen Franken.

Für Keller-Messahli ist staatliche und internationale Hilfe der bessere Weg. «So wird eher verhindert, dass sich über die Hilfe fundamentalistische Kreise profilieren.» Der Kassier von Helvetic Relief ist dagegen überzeugt, dass gewisse Gebiete nur von kleinen, mit der Bevölkerung gut vernetzten Gruppen erreicht werden können. Laut Deza können Spenden an private Organisationen durchaus sinnvoll sein. «Die Verteilung sollte aber durch die Uno koordiniert werden, damit die Güter dort ankommen, wo sie am dringendsten benötigt wer­den», so Sprecherin Florence Frossard. Für Helvetic Relief ist das nur bedingt der richtige Weg. «Die Hilfe der grossen Werke fliesst nur mit Einwilligung des Assad-Regimes. Sie kann darum nicht überall ankommen», sagt Kassier Sharabati.

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Gegendarstellung


In der Ausgabe Nr. 5/2013 des Beobachters» wird unter dem Titel «Syrien: Hilfe im Namen Allahs» u.a. behauptet, die Hilfsorganisation «Helvetic Relief» unterhalte zusammen mit der Hilfsvereinigung «Swiss Relief» im Zentrum von Dietikon eine gemeinsame Zentrale und «Swiss Relief» habe im Dezember und Januar Kleider für den Transport nach Syrien sowie am letzten Sonntag an einer Veranstaltung in Volketswil gut CHF 10‘000 gesammelt.

Diese Aussagen entsprechen nicht den Tatsachen:

  1. Die Helvetic Relief Association und die Swiss Relief Association for Syrian People unterhalten keine gemeinsame Zentrale. Die Helvetic Relief Association hat ihren statutarischen Sitz an der Kirchstrasse 10 in Dietikon, während die Swiss Relief Association for Syrian People ihren statutarischen Sitz an der Austrasse 30 in Dietikon hat.

  2. Die im Bericht erwähnte Kleider- und Geldsammlung erfolgte nicht durch die Swiss Relief Association for Syrian People, sondern durch die Helvetic Relief Association.

Issa Gerber, Vorstandspräsident Helvetic Relief Association

Der zweite Punkt wurde für die aktuelle Online-Fassung bereits korrigiert. Die Red.