Ein Team um den Epidemiologen Tom Jefferson vom angesehenen Medizin-Netzwerk Cochrane Collaboration geht in die Offensive: Die Forscher verlangen bei der Prüfung von Medikamenten mehr Transparenz. Konkret fordern sie «uneingeschränkten Zugang zu sämtlichen klinischen Daten, sowohl veröffentlichte als auch unveröffentlichte, um die unabhängige Evaluation eines Medikaments durch die wissenschaftliche Community zu gewährleisten». Das jetzige System könne die Wirksamkeit und Sicherheit von Arzneimitteln nicht garantieren, es sei dafür «völlig inadäquat und ethisch zweifelhaft».

Acht von zehn Studien fehlen

Jefferson und seine Mitstreiter hatten 2009 versucht, die Datenlage zu Tamiflu zu rekonstruieren. Sie wollten vor allem eine aus zehn Studien bestehende zusammenfassende Analyse von 2003 unter die Lupe nehmen – und scheiterten dabei. Sie fanden heraus, dass acht der zehn Studien nie veröffentlicht und dass alle von Roche finanziert worden waren. Zudem stiessen sie bei der Urheberschaft der Studien auf Ungereimtheiten – auch Ghostwriter sollen am Werk gewesen sein. An die eigentlichen Unterlagen gelangten die Forscher nie.

Roche weist die Vorwürfe zurück. Man habe Jeffersons Gruppe zu Tamiflu «über 3200 Seiten mit Daten, die die vollständigen Core Reports und Anhänge enthalten, zur Verfügung gestellt», sagt Sprecherin Silvia Dobry. All diese Informationen seien auf einer passwortgeschützten Website veröffentlicht, auf welche die Cochrane Collaboration Zugriff habe. Zudem habe Roche «alle klinischen Studiendaten den Gesundheitsbehörden in der ganzen Welt» zugänglich gemacht. Laut Jefferson hat Roche aber bislang nur einen Fünftel des Materials geliefert.

Dass Forscher und Ärzte mehr Transparenz fordern, ist nicht neu. Schon oft haben Pharmaunternehmen Studienergebnisse geschönt, indem sie negative Daten einfach wegliessen. Etwa beim Rheumamittel Vioxx von Merck: Anfänglich als Wundermittel gefeiert, musste es 2004 vom Markt genommen werden. Mediziner der Uni Bern hatten nachgewiesen, dass es herzkrank macht.

«Wirklich wissen, wie es wirkt»

Gemäss der Cochrane Collaboration geht es nicht an, dass die Industrie ihre Daten unter Verschluss hält oder nur selektiv veröffentlicht. Die Daten seien nicht privat, sondern gehörten an die Öffentlichkeit. Sinnvoll wäre zum Beispiel ein öffentlich zugängliches, behördlich verpflichtendes Register für Studien. Letztlich gehe es um den Schutz jedes Einzelnen. Tom Jefferson: «Wer ein Arzneimittel schluckt, muss wirklich wissen, wie es wirkt.»