Zürich, Mitte September, im Tram. «Mami, haben wir jetzt wirklich Krieg?» Der Junge mit einem Dinosaurier-Schulsack schaut fragend zu seiner Mutter hoch. Er zeigt auf das Bild des zerstörten World Trade Centers in New York, das auf der Frontseite einer Gratiszeitung prangt. «Nein, nein, das nicht», antwortet die Mutter schnell und zieht den Jungen zur Tür. Zwei Frauen schauen sich stumm an, ein Mann murmelt «noch nicht», die anderen Fahrgäste blicken weg oder vertiefen sich in ihre Zeitungen. Nur die Jugendlichen hinten im Tram reden. Ein Mädchen erzählt, dass sich die Freundin nicht mehr getraue, zur Arbeit zu gehen. «Das finde ich ein wenig krass.» Ein schlaksiger Bursche hakt ein: «Es könnte ja eine Bombe im Tram sein.» Nervöses Gekicher.

Die Stimmung im Tram Nummer 6 der Zürcher Verkehrsbetriebe ist bezeichnend. Seit dem 11. September liegt etwas in der Luft – auch in der Schweiz. Unsicherheit hat sich in unsere wohlgeordnete Welt eingeschlichen. Die Angst geht um.

Die Bilder der einstürzenden Türme des stolzen World Trade Centers wurden uns im Fernsehen wieder und wieder gezeigt – sie haben uns in unseren Grundfesten erschüttert. Plötzlich sind wir mit der Frage konfrontiert: Könnte so etwas auch bei uns passieren? Was, wenn ein Selbstmordattentäter einen Jumbo in ein Kernkraftwerk donnern lässt? Oder ins Bundeshaus?

Krieg im Namen der Gerechtigkeit
Die Antwort der Fachleute fällt nicht eben beruhigend aus. Klar, es gibt Sicherheitsdispositive und Evakuierungspläne. Doch gegen einen selbstmörderischen Kamikazeflieger richten Pläne wenig aus. «Ein solcher Anschlag kann immer und überall verübt werden – auch in der Schweiz», sagt Kurt R. Spillmann, Professor für Sicherheitspolitik und Konfliktforschung an der ETH Zürich. «Die Kanäle dieser Terroristen sind so beschaffen, dass traditionelle Grenzen keinen Schutz mehr bieten.»

Das macht Angst. «Man hat Kinder und fragt sich, was da noch alles auf uns zukommt, wenn die USA zurückschlagen», sagt Susanne Bürgisser aus dem aargauischen Lenzburg; sie ist Bauingenieurin und Mutter eines Kleinkinds. Und Versicherungsberater Hans Meier aus Basel erzählt: «Ich lese sonst nur selten Zeitungen. Jetzt stürze ich mich auf alles, was mir in die Finger kommt. Es ist wie eine Sucht. Lesen beruhigt.» Auch die 19-jährige KV-Stiftin Sibylle Eckert aus Wiedlisbach BE ist nachdenklich: «Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, im Krieg zu leben.» Das kenne sie nur aus den Erzählungen der Grosseltern. «Doch genau dieses Unwissen macht mir Angst – dieses Gefühl, dass wir im Ernstfall aufgeschmissen wären.»

Verstärkt wird die Unsicherheit durch die Wortwahl von Politikern und Medien. Das sei der «erste Krieg des 21. Jahrhunderts», liess US-Präsident George W. Bush bereits wenige Stunden nach dem Anschlag verlauten. Noch ein paar Stunden später, beim Morgenkaffee, hatten wir es dann in fetten Buchstaben schwarz auf weiss: «Krieg gegen Amerika». Und inzwischen wissen wir, dass «der Gegenschlag läuft» – unter dem heroischen Namen «Grenzenlose Gerechtigkeit».

Spätestens seither gesellt sich zum Entsetzen über die Terrorwelle Angst und Unsicherheit. Zu spüren bekommt dies zum Beispiel die Flughafenseelsorge in Zürich. «Pausenlos rufen Leute an, die reden wollen», sagt Flughafenpfarrer Walter Meier. «Viele befürchten, dass dies der Anfang des Dritten Weltkriegs sein könnte.» Auch beim Telefondienst der Dargebotenen Hand und bei der SMS-Seelsorge drehten sich die Gespräche in den letzten Tagen vor allem um eins: die Terroranschläge in den USA und was sie auslösen. Andere teilen ihre Sorge in Leserbriefen und auf allen möglichen Internetseiten mit: «Wo soll man sich noch sicher fühlen?», fragt einer. Ein anderer schreibt: «Ich habe Angst – eine Scheissangst.»

Was ist es, das uns so trifft und uns bestenfalls nervöses Lachen entlockt? «Uns ängstigt vor allem der schlagartige Verlust des Sicherheitsgefühls», sagt der Zürcher Psychiater Berthold Rothschild. Was bisher geordnet und kontrollierbar schien, existiert nicht mehr. Woran sollen wir uns halten, wenn wir nicht mehr wissen, wo der Feind lauert?

Doch in Kriegshysterie auszubrechen wäre fehl am Platz. «Jetzt vom Dritten Weltkrieg zu sprechen ist völlig übertrieben», betont Strategieexperte Spillmann. «Es müsste noch sehr viel passieren, bis tatsächlich ein grossflächiger Krieg ausbräche.» Und selbst in diesem Fall stünde die Schweiz nicht im Zentrum des Interesses. Dennoch ist für die Experten klar: Wir müssen lernen, mit einer gewissen Grundangst vor Terror zu leben.

Zum Beispiel beim Reisen: «Die Attentate haben sicher einige Sicherheitsverantwortliche aufgerüttelt», glaubt etwa Werner H. Wüest, Sicherheitschef des Zürcher Flughafens. Im vergangenen Jahr beförderten die Flugzeuge weltweit 1,4 Milliarden Menschen – doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren. Und meistens läuft alles wie am Schnürchen. «Dabei vergessen die meisten Passagiere, dass dieses System auch angreifbar ist», sagt Wüest. Auf dem Flughafen Zürich habe man jedoch einen ausgesprochen guten Sicherheitsstandard, betont er. «Wir mussten hier nur wenig anpassen.» Neu werden vor dem Abflug nach gewissen Destinationen auch Sackmesser und Schraubenzieher eingezogen.

Psychologen betreuen Vielflieger
«Ich würde jetzt trotzdem nirgendwo hinfliegen wollen», sagt KV-Stiftin Sibylle Eckert. «In solchen Zeiten bleibe ich lieber in meiner vertrauten Umgebung.» Und sie ist nicht die Einzige, die so denkt. Viele Schweizer verbringen ihre Herbstferien zu Hause; Flüge wurden kurzfristig abgesagt – nicht nur jene in die USA. Allein bei Kuoni, dem grössten Schweizer Reisekonzern, haben schon über 1500 Kunden ihre Reise annulliert. «Viele Leute sind verunsichert, haben angerufen und gefragt, ob ihre Feriendestination wirklich sicher genug sei», sagt Kuoni-Sprecherin Regula Weyermann. Experten glauben, dass sich das Reiseverhalten mittelfristig verändern wird und die Leute weniger fliegen werden.

Wer aus beruflichen Gründen fliegen muss, hat aber oft keine Wahl. Für Jean-Jacques Becciolini aus Geroldswil ZH ist das kein Problem. Er stieg bereits wenige Tage nach den Anschlägen wieder ins Flugzeug und reiste nach Singapur. «Mit dem gleich guten Gefühl wie immer», versichert der Ascom-Manager, der beruflich ständig unterwegs ist. «Ich fühle mich im Flieger so sicher wie im Leib meiner Mutter.» Nicht alle Leute kommen damit so gut zurecht. Die Grossbank UBS hat für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die beruflich viel fliegen müssen, extra einen externen Psychologen engagiert. Und selbst die Stewardessen sind nicht vor Ängsten gefeit. «Seit dem Attentat steige ich mit einem mulmigen Gefühl ins Flugzeug», bekennt eine Flight Attendant. «Einige Kolleginnen melden sich krank, um nicht fliegen zu müssen.» Eigentlich dürfte die Flugbegleiterin gar nicht mit der Presse sprechen. Schliesslich sollen die Passagiere nicht zusätzlich mit der Verunsicherung des Personals konfrontiert werden.

Balair-Pilot Ralf Hoheisel aus Aarau sagt, er habe keine Angst. Und trotzdem ist er nachdenklich: «Die Bedrohungslage hat sich total verändert», sagt Hoheisel. Piloten würden zwar auf den Umgang mit Entführungen geschult. Dabei sei aber nie die Rede davon gewesen, dass ein Flugzeug als Waffe missbraucht werden könnte. Jeder Pilot müsse für sich allein entscheiden, ob er trotz dieser drohenden Gefahr weiterhin fliegen wolle und könne. Doch Hoheisel macht sich keine Illusionen: «Die absolute Sicherheit gibt es nicht. Damit müssen wir uns einfach abfinden.»

Philosophieprofessor Georg Kohler fügt an: «Die Welt ist voller Spannungen. Doch wir haben in der letzten Zeit ein fahrlässiges Verhalten an den Tag gelegt. Wir wähnten uns in einer Art Disney World, wo das grösste Problem darin bestand, dass wir älter werden und mehr Falten im Gesicht bekommen.» Ein fataler Irrtum. Es bleibe nichts anderes übrig, als sich der Bedrohung zu stellen – und das Risiko abzuschätzen, sagt Kohler. «Wenn man die Bedrohung als solche erkennt und akzeptiert, bewältigt man auch die Angst.»

Das gilt ebenso für andere Befürchtungen – etwa bezüglich einer möglichen Rezession. Manche Leute stellen sich die bange Frage, ob auf die Attacken in New York und Washington jetzt die Weltwirtschaftskrise folgt. «Viele unserer Kunden befürchten, dass ihre Ersparnisse schon bald noch weniger wert sind», sagt Bruno Schönenberger, Anlageberater bei der Migrosbank in Wil SG. Viele Zeichen deuten derzeit auf ein gewaltiges ökonomisches Nachbeben hin: Die Börsenkurse an den Finanzplätzen Frankfurt, London und Tokio brachen ein, die Swissair-Aktien stürzten ins Bodenlose, und US-Airlines kündigen Massenentlassungen an.

Kein Rückzug ins Schneckenhaus
Doch die Experten sind sich uneinig: Manche Wirtschaftsforscher schliessen eine weltweite Rezession nicht aus, andere winken ab. Sichere und verlässliche Aussagen sind nicht möglich. «Jetzt Rezessionsängste zu schüren wäre falsch», sagt Bernd Schips von der Konjunkturforschungsstelle KOF an der ETH in Zürich. «Wenn es zu keinen grösseren kriegerischen Auseinandersetzungen kommt, gibt es keinen Grund für eine Rezession.»

Paradox: Ob die Wirtschaft in eine Krise stürzt oder nicht, hängt auch mit unserem Umgang mit eben dieser Angst zusammen. «Die Psychologie spielt eine entscheidende Rolle», sagt Schips. «Wenn wir aus Angst nicht mehr konsumieren, beschleunigen wir die Rezession.»

Auch Philosophieprofessor Kohler plädiert dafür, dass wir uns mit den Ängsten, die der Terror ausgelöst hat, auseinander setzen: «Wir haben ein offenes Gesellschaftssystem, das uns viele Möglichkeiten und eine grosse Freiheit bietet.» Doch das funktioniere nur, wenn wir uns auch daran beteiligen. Alles, was auf der Welt passiert, geht uns etwas an. Kohler: «Wir müssen uns jetzt nicht aus lauter Angst verkriechen, sondern wieder Verantwortung übernehmen und uns zivil engagieren.»