Rita Katz bedankt sich schriftlich bei der Bundesanwaltschaft für den Besuch in der Schweiz, besonders für die «Videos aus der Hausdurchsuchung, die wir ansehen durften». Diese gehören zum beschlagnahmten Material aus dem aufwendigsten Terrorprozess der Schweiz. Die Hausdurchsuchung war 2001 der Beginn jahrelanger erfolgloser Ermittlungen gegen die Tessiner Al-Taqwa-Bank und deren Präsidenten Youssef Nada. Dieser darf die italienische Enklave Campione bis heute nicht verlassen, denn die USA weigern sich, ihn von der Uno-Terrorliste zu streichen, obwohl das Strafverfahren gegen ihn eingestellt wurde.

Doch wer ist Rita Katz? Die im Irak geborene Amerikanerin gründete das Site-Institute in Washington: ein Unternehmen, das mit Informationen über Terrornetzwerke handelt. Was Katz alles einsehen durfte, ist unklar. Doch Informationen aus Strafverfahren an private Ermittler weiterzugeben ist illegal. «Sie haben keine Parteistellung in einem Verfahren. Sie sind weder Angeschuldigte noch Kläger», sagt der emeritierte Freiburger Strafrechtsprofessor Franz Riklin. «Die Strafverfolger können zwar Hinweise von solchen Personen oder Firmen entgegennehmen. Sie dürfen ihnen im Gegenzug aber keine Akten aus dem Verfahren zugänglich machen.» Die Bundesanwaltschaft äussert sich nicht zur Kooperation mit privaten Ermittlern, da eine Strafuntersuchung wegen Amtsgeheimnisverletzung hängig sei.

Abenteuerliche Erkenntnisse
Nicht nur Katz soll geheime Informationen erhalten haben. Hinweise finden sich auch auf Jean-Charles Brisard, der besonderes Interesse an der Verurteilung von Terror-Financiers hat: Der Franzose stand im Sold eines New Yorker Anwalts, der im Namen der Angehörigen von Opfern des 11. September eine Milliardenklage vorbereitet. «Wir erlauben es (...), sich der Firma JCB Consulting (Jean-Charles Brisard) zu nähern», schrieb die Bundesanwaltschaft 2004 dem Chef der Bundeskriminalpolizei, Kurt Blöchlinger. Brisard veröffentlichte jahrelang abenteuerliche Erkenntnisse über Hintermänner des islamistischen Terrors, viele waren erfunden. Brisard musste sich mehrfach öffentlich für seine Behauptungen entschuldigen. Im Mai bestrafte ihn ein Schweizer Gericht, weil er seine Vorwürfe gegen ein Genfer Unternehmen nicht belegen konnte.

Wer von der Bundesanwaltschaft welche Informationen erhalten hat, ist unklar. Im Januar 2005 hiess es in einem Schreiben der Bundesanwaltschaft, «niemand anders als Brisard» habe Zugang zum Nada-Dossier gehabt. Kurz darauf berief sie sich auf einen Schreibfehler: Richtig sei, dass «niemand» den Auftrag gehabt habe, das Dossier zu analysieren. Brisard selber brüstet sich dagegen, er sei «sechs Jahre als Experte für die Strafverfolgung in einer Untersuchung der Bundesanwaltschaft involviert» gewesen. Dass man sich überhaupt auf private Ermittler einliess, hat einen Grund: Die USA lieferten entgegen ihrer Ankündigung kein verwertbares Material gegen Nada und andere Verdächtige. Der internationale Druck auf die Schweiz nahm dennoch zu, Hintermänner des Terrors endlich vor Gericht zu stellen. Da kamen die Informationshändler wohl gerade recht.

Youssef Nada erstattete Ende 2005 Anzeige, nachdem Dokumente und Informationen aus der Untersuchung in Medienberichten und Büchern erschienen waren. Bis heute ist nichts passiert. Der ausserordentliche Untersuchungsrichter Nicolas Dubuis spricht von Arbeitsüberlastung. Zu Unrecht: Im Juli rügte das Bundesstrafgericht das Verschleppen der Untersuchung. Nadas Anfragen - ein halbes Dutzend Briefe - hatte Dubuis nicht mal beantwortet. Nun ist er verpflichtet, sofort mit der Untersuchung zu beginnen.

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