Beobachter: Herr Haefliger, was ist ein Trauma?

Jürg Haefliger: Eine tiefe seelische Verletzung. Auslöser ist ein schwer belastendes Erlebnis, das die Betroffenen in vergewaltigender Weise mit der Sterblichkeit konfrontiert.

Beobachter: Braucht jedes Traumaopfer psychologische Hilfe?

Haefliger: Nein. Reaktion und Verarbeitung sind sehr individuell: Die einen reagieren auf ein traumatisches Ereignis mit Schweigen und Apathie, die anderen mit Hyperaktivität und unaufhörlichem Redeschwall. Entscheidend ist hier die Beobachtung und Beurteilung dieser akuten Reaktionen in ihrem Verlauf. Beides sind Verarbeitungsmodi, die nicht gebrochen, sondern respektiert werden müssen. Wichtig ist die Früherkennung jener Risikogruppe, bei der kein Selbstheilungsprozess in Gang gesetzt wird und es zu einer posttraumatischen Belastungsstörung kommt.

Beobachter: Wie manifestiert sich diese?

Haefliger: Typisch sind die anhaltenden Symptome des Wiedererlebens des Traumas. Sie können aber verdeckt werden durch das «Flitterwochen-Syndrom»: Einige reagieren zuerst mit einer euphorischen Partystimmung, bevor sie abtauchen in einen Tunnel voller Ängste, Depressionen und quälender Schuldgefühle. Manche entwickeln ein tiefes Schamgefühl, weil sie überlebt haben und andere nicht, und sind überzeugt, ihre Rettung nicht verdient zu haben.

Beobachter: Wie kann man Traumatisierten helfen?

Haefliger: Hauptsächlich damit, dass man ihnen klar macht, dass sie nicht geisteskrank sind, sondern eine normale Reaktion auf ein abnormes Ereignis zeigen. Ausserdem sollte ihre ureigene Traumabewältigung und Trauer respektiert und sozial gestützt werden. Von der aufgezwungenen Sofortintervention, die unkritisch alle Betroffenen umfasst, ist man eher wieder abgekommen, weil sie sich in vielen Fällen als sekundäre Traumatisierung erwiesen hat.

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Beobachter: Wurden in den Fällen Luxor oder Halifax diesbezüglich Fehler gemacht?

Haefliger: Luxor gilt als «Lehrplatz» für die Schweiz. Vor allem der Ubergang von der Soforthilfe zur langfristigen Betreuung hat nicht funktioniert. Doch aus den damaligen Fehlern wurden Lehren gezogen. In Halifax klappte die Betreuung der Hinterbliebenen beispielhaft.

Beobachter: Besteht für künftige Katastrophenin der Schweiz ein funktionierendes Betreuungskonzept?

Haefliger: Es ist gegenwärtig im Aufbau. Aber noch ist das Netz mangelhaft verknüpft, und es fehlt auch an genügend gut ausgebildeten Expertinnen und Experten.

Beobachter: Wie steht es um die «Hilfe für Helfer»?

Haefliger: Lange Zeit wurde die psychologische Betreuung von Katastrophenhelfern, Polizisten, Feuerwehrleuten oder Armeeangehörigen vernachlässigt. Heute weiss man um ihr Traumatisierungsrisiko. Erste Konzepte sind im Entstehen. Wichtig sind auch Supervisionen für die Therapeuten selbst. Denn Traumatisierungen sind heimtückisch und mindestens so ansteckend wie Aids.

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