Bevor wir losfuhren, sammelten mein Bruder Pavel und ich Steine auf. Für mich waren es wunderschöne Steine, und ich war froh, dass wir es schafften, ein paar davon in unseren Taschen verschwinden zu lassen. Dabei hatte Petja schrecklich mit uns geschimpft, weil wir sie angefasst hatten. Petja war ein Kollege unseres Vaters, und er wollte nur eines: seine Familie und uns so schnell als möglich von Pripjat in der Nähe von Tschernobyl weg nach Süden bringen.

So fuhren wir los: Petja, seine Frau und ihre zwei Kinder, die Frau eines weiteren Arbeitskollegen mit ihren Kindern sowie meine Mutter mit Pavel und mir – zehn Personen in einem Auto. Für meine Grossmutter gab es keinen Platz mehr, und mein Vater musste dableiben. Er arbeitete als Strahlenschutzexperte im AKW Tschernobyl, und dort war 33 Stunden zuvor der Reaktor Nummer 4 explodiert. Mein Vater musste mithelfen, den bis dahin grössten Atomunfall der Geschichte unter Kontrolle zu bringen. Es war Sonntagnachmittag, der 27. April 1986. Ich war viereinhalb, und es war das letzte Mal, dass ich meine Heimatstadt sah.

Der Tag und die Nacht zuvor waren hektisch gewesen. Wir besassen ein Telefon – damals keine Selbstverständlichkeit. Viele Bekannte kamen zu uns, um Verwandte und Freunde anzurufen und die neusten Nachrichten über den Unfall im Kraftwerk zu erfahren. Irgendwann meldete sich auch mein Vater, der am Morgen normal zur Arbeit gefahren war. Er wies meine Mutter an, Fenster und Türen mit nassen Tüchern abzudichten und alle verstrahlten Schuhe vor die Wohnung zu stellen.

Soldaten befahlen uns umzukehren

Ich erinnere mich längst nicht mehr an alles. Vieles haben mir meine Eltern später erzählt. Aber an die Reise nach Süden habe ich klare Erinnerungen. Für mich war es ein Abenteuer. Ich sass eingeklemmt zwischen den Beinen meiner Mutter im Auto. Sie hatte für Pavel und mich nur eine kleine Stofftasche gepackt. Ein Schokoladestängel, ein Apfel, ein kleines Spielzeugauto und Unterwäsche: Mehr konnten wir nicht mitnehmen. Die Tasche und das Auto bewahrt meine Mutter immer noch auf.

Auf der Strasse Richtung Süden kamen uns Militärfahrzeuge entgegen. Alle paar Kilometer hielten uns Uniformierte an und forderten uns zum Umkehren auf. Man wollte mit allen Mitteln verhindern, dass Informationen über das Unglück nach draussen drangen. Irgendwie schaffte es Petja aber immer wieder, weiterzufahren.

Unser Retter ging zurück nach Tschernobyl

Wir rasten auf ungeteerten Strassen durch die Dörfer. Als wir auf eine weitere Strassensperre trafen, hatte Petja genug. Er durchbrach mit dem Auto einen Zaun und fuhr quer durch einen Bauernhof. Ich sehe das Bild noch heute, wie links und rechts die Hühner davonstoben. Den wütenden Bauern versuchte Petja zu erklären, dass sie sich nicht mehr im Freien aufhalten sollten, aber die hielten uns für verrückt. So gelangten wir nach Kiew und dann weiter südlich nach Lubashovka. Dort musste Petja umkehren: Er war Strahlenschutzexperte wie mein Vater und musste zurück.

Anzeige

Wir kamen schliesslich bei den Eltern meines Vaters nahe Odessa am Schwarzen Meer unter. Meine Mutter hatte nur noch zehn Rubel Bargeld gehabt. Damit kaufte sie uns gesundes Essen: Früchte und Gemüse vom Markt. Wir assen auch frisch gepflückte Erdbeeren. Wer hätte ahnen können, dass auch sie verstrahlt waren?

Von meinem Vater hörten wir erst nach einer Woche wieder etwas, ein kurzes Telegramm, das unsere Angst um ihn nur noch grösser werden liess. Erst Mitte Mai konnte er uns schliesslich besuchen. Als Erstes brachte er uns in eine Universitätsklinik, um die Strahlenbelastung messen zu lassen. Mutter hatte uns zwar nach der Ankunft in Odessa gründlich gewaschen, aber wir trugen immer noch die Kleider, mit denen wir aus Pripjat geflohen waren. Für neue Kleider hatten wir kein Geld.

Ich erinnere mich noch genau an die Szene: Wir betraten den Raum mit den Messgeräten, und diese schlugen augenblicklich stark aus. Die Ärzte und Krankenschwestern wichen von uns zurück – wir waren verstrahlt. Sie gaben uns nur noch aus der Ferne Anweisungen. Schliesslich realisierten sie, woher die hohen Werte kamen: von den Steinen, die Pavel und ich in unseren Taschen aus Pripjat geschmuggelt hatten. Wir hatten sie zwar schon bald wieder weggeworfen, aber unsere Taschen waren immer noch verstrahlt.

Pavel und ich begannen in den folgenden Tagen stark zu husten. Ein Arzt diagnostizierte bei uns beiden Tuberkulose und liess uns röntgen. Erst zwei Jahre später erklärte uns ein japanischer Spezialist, dass wir wohl radioaktiven Staub eingeatmet und so unsere Lungen geschädigt hatten.

Marina Peter-Varbanets mit ihrem Bruder Pavel

Quelle: Basil Stücheli
Anzeige

Viele Freunde leben nicht mehr

In den letzten 25 Jahren sind viele Freunde meiner Eltern an Krebs gestorben. Auch einer der Knaben, der damals mit uns im Auto sass, starb kürzlich an Krebs. Er war zwei Jahre älter als ich. Von seinem Tod erfuhr ich am 11. März – jenem Tag, als in Fukushima die Atomkatastrophe begann.

Ob es einen Zusammenhang zwischen den Todesfällen und dem Unfall gibt, lässt sich nicht schlüssig sagen. In der Ukraine existieren noch ganz andere Gefahren für die Gesundheit, die Luftverschmutzung etwa. Ich selber bin gesund. Klar, manchmal mache ich mir Gedanken über langfristige Schäden. Aber wer kann nach so langer Zeit noch sagen, welche Krankheiten eine Folge des Reaktorunglücks sind?

Wegen der Katastrophe kam ich nach Kiew und konnte eine gute Ausbildung absolvieren. So kam ich auch in die Schweiz, mit einem Austauschprogramm für Studierende. Hier lernte ich meinen Mann kennen, und heute arbeite ich in der Eawag in Dübendorf in einem Projekt für Wasserfilter für Entwicklungsländer. So seltsam es klingen mag: Tschernobyl war nicht nur ein Unglück für mich.