«Kameraden», mahnt der Instruktor René Gantner in forschem Ton: «Wir wagen nichts, was uns gefährden könnte!» Erste Priorität habe die eigene Sicherheit. «Ich will euch alle nach der Übung wieder lebendig um mich versammeln!»

Nachdem diese Begrüssungsworte verhallt sind, ist es fast andächtig still im dunklen Tunnel des Versuchsstollens Hagerbach, etwas ausserhalb von Flums im St. Galler Oberland. Unweit von der Gruppe, in Stein gemeisselt, betrachtet die heilige Barbara das Geschehen. Das Lichtlein zu Füssen der Schutzpatronin der Bergleute flackert unruhig.

Volles Vertrauen ins Team
Klar habe sie ein mulmiges Gefühl, flüstert Bettina Wildhaber, eine der beiden Frauen in Feuerwehruniform. «Aber wir sind ein eingespieltes Team.» Zudem sei sie nicht zum ersten Mal im Tunnel, um eine Rettung zu üben. «Ich weiss ungefähr, was auf mich zukommt», sagt sie und schnallt den Helm noch etwas fester.

Abgeschnitten von der Aussenwelt, ein paar hundert Meter im Innern des Berges und bei konstant 16 Grad Celsius üben an diesem Mittwochabend Feuerwehrleute aus dem Fürstentum Liechtenstein die Bekämpfung von Brandkatastrophen, wie sie sich in den letzten Jahren einige Male ereignet haben. Im März 1999 forderte der Brand im Montblanc-Tunnel 41 Menschenleben. Wenig später machte die Flammenhölle im österreichischen Tauern-Tunnel Schlagzeilen; zwölf Personen fanden dort den Tod. Anderthalb Jahre später starben im österreichischen Kaprun155 Menschen in einer brennenden Gletscherbahn, und vor knapp zwei Jahren kostete die Brandkatastrophe im Gotthard-Tunnel elf Personen das Leben.

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Feuerwehrkommandant Toni Göldi, der Hauptverantwortliche der Übung, legt im Brandstollen nebenan Feuer. Mit vier lädierten Autos soll die Unfallsituation möglichst authentisch nachgestellt werden. Im Innern der Fahrzeuge lodern bereits die mit Lösungsmittel gefüllten Fässer. Auch an den Holzpaletten im Hintergrund züngeln die ersten Flammen: Die Paletten sollen einen Lastwagen darstellen. Damit das Feuer möglichst schnell um sich greift, hilft Göldi mit einem Eimer Industriealkohol nach. «Wer keinen Respekt vor dem Feuer hat, spielt mit dem Tod», sagt er hinter seiner Atemschutzmaske.

In Dreiergruppen, verbunden mit einer Schnur, stürmen die rund 50 Männer und die beiden Frauen jetzt auf den Brandherd los. Die erste Truppe kümmert sich um das vorderste Auto, eine zweite bahnt sich einen Weg zum Fahrzeug dahinter. Drei andere warten unruhig darauf, bis der Weg frei ist.

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Ziel sei es, «die Autos zu kühlen und eine Gasse nach hinten freizuhalten, um mögliche Verletzte zu retten», hat Instruktor Gantner seinen Leuten eingebläut.

Die Truppe wirkt wie ein ungeordneter Ameisenhaufen – doch dieser erste Eindruck trügt: Die Liechtensteiner Feuerwehrleute sind professionell organisiert. Aus sicherer Distanz behält Kommandant Göldi sein Team im Auge – immer darauf bedacht, dass niemand Feuer fängt. «Wenn es brenzlig wird, bin ich mit meinem Pulverlöscher sofort zur Stelle», sagt er.

Die Versuchsstollen Hagerbach AG betreibt seit über 30 Jahren auf privater Basis eine Forschungs- und Trainingsanlage für den Untertagebau. Hier werden Geräte und Materialien entwickelt, die für den Berg- und Tunnelbau verwendet werden. Die verzweigte, mittlerweile fast fünf Kilometer lange Übungsanlage beherbergt nebst Brandtunnels auch Sprengkammern, Stollen für Bohrversuche sowie Beton- und Felslaboratorien, in denen die Festigkeit der verschiedenen Gesteinsarten getestet wird. «Aus Kanada, Japan, Südafrika oder Spanien reisen Bergbau- und Tunnelexperten an, um hier ihre Forschungen zu betreiben», sagt Volker Wetzig, Ingenieur bei der Versuchsstollen Hagerbach AG.

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Einheimische Feuerwehrkommandos üben hier schon seit längerem den Ernstfall. In den letzten Jahren fanden im Stollen, der teilweise den Querschnitt eines zweispurigen Autobahntunnels aufweist, vermehrt auch Übungen ausländischer Rettungskräfte statt. Letzten Winter etwa reisten niederländische Feuerwehrleute nach Flums, um ein Training im Stollen zu absolvieren. Die 150 Männer bereiteten sich auf die Eröffnung des Westerschelde-Tunnels vor, einer rund sechs Kilometer langen Strassenverbindung unter dem Meeresgrund.

Mehr als 1000 Grad Hitze
Der Rauch ist jetzt so dicht, dass man kaum mehr die Hand vor den Augen sieht. Es ist stickig, und das Atmen fällt von Minute zu Minute schwerer. Die Feuerwehrleute hinter den Sauerstoffmasken kreisen nach und nach die Feuersbrunst ein, die eine Hitze von mehr als 1000 Grad entwickelt. Unentwegt pumpt das Tanklöschfahrzeug Wasser in die Schläuche; einige Männer sind daran, die Wände zu kühlen. «Erträgt der Tunnel die Hitze nicht, kann er einstürzen», erklärt Kommandant Göldi. «Vor allem auf das Bauwerk muss bei Löscharbeiten im Tunnel geachtet werden.» Eine Gruppe birgt eine 80 Kilogramm schwere Puppe. Glut stiebt auf alle Seiten, und der Boden ist nun fast ganz von weissem Löschschaum bedeckt.

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Bei einem Tunnelbrand entscheiden Minuten über Leben und Tod. Fängt ein Fahrzeug Feuer, breitet sich die Hitze rasant aus und entzündet die anderen Autos. Der Rauch steigt zuerst an die Decke, verteilt sich danach aber im ganzen Raum. Schon Sekunden später sieht man nicht einmal mehr 20 Zentimeter weit. «Wer in eine solche Situation kommt, sollte sich so schnell wie möglich in Sicherheit bringen», sagt Ingenieur Wetzig. Denn nicht nur das Feuer ist lebensbedrohend – der Rauch und das darin enthaltene geruchlose und hochgiftige Kohlenmonoxid lassen die Menschen ersticken. Beim Gotthard-Brand starben die meisten Opfer an den Folgen der toxischen Gase. Sie erstickten teilweise auf dem Weg, als sie sich in die Schutznischen flüchten wollten. Im 200 Meter langen Versuchstunnel sorgt eine Entlüftungsanlage dafür, dass sich der Rauch kontrolliert im Stollen bewegt. «Sonst könnten wir hier keine Übungen durchführen», sagt Wetzig.

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Die 188 Tunnels der Schweiz weisen eine Gesamtlänge von rund 170 Kilometern auf – das entspricht ungefähr der Hälfte der Distanz zwischen Romanshorn und Genf. In den kommenden zwölf Jahren sind weitere 77 Tunnels (rund 110 Kilometer) geplant. Um gegen Brandkatastrophen gewappnet zu sein, möchte der Bund einen eigenen Übungstunnel realisieren. «Das Schwergewicht soll auf die Ausbildung der Einsatzkräfte gelegt werden», heisst es beim Bundesamt für Strassen.

Krampfen bis zur Erschöpfung
Neben der Versuchsstollen Hagerbach AG buhlen zwei weitere Bewerber um dieses prestigeträchtige Projekt. Im Frühling überreichte das Interkantonale Feuerwehrausbildungszentrum im solothurnischen Balsthal dem Bund seine Pläne für zwei Tunnelröhren. Und die Gasser Felstechnik in Lungern im Kanton Obwalden will am Nordende des Lungernsees zwei parallele, je einen Kilometer lange Tunnels in den Brünig bohren.

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Noch ungeklärt ist die Finanzierung. Rund 80 Millionen Franken dürfte das Projekt kosten – angesichts des strapazierten Staatsbudgets ein grosser Brocken. «Aus diesem Grund sucht der Bund Partner», schrieb der Bundesrat jüngst in seiner Antwort auf eine Interpellation des Obwaldner Nationalrats Adrian Imfeld. «Je nach Beteiligung ausländischer Interessenten in der Trägerschaft werden unterschiedliche Szenarien weiterverfolgt.»

«Wir können abbrechen!», ruft Kommandant Toni Göldi. Das Feuer ist verglimmt, nur dicke Rauchschwaden und der Geruch nach verkohlten Materialien zeugen davon, dass es hier noch vor einer halben Stunde lichterloh gebrannt hat. Die Feuerwehrleute schälen sich aus den Uniformen und wischen sich erschöpft den Schweiss von der Stirn. Einzelne greifen zur Zigarette.

«Gut gemacht», zieht René Gantner Bilanz, nachdem er die Leute zum Schlussappell zusammengetrommelt hat. «Vergesst aber nicht, dass ihr in Wirklichkeit weniger Zeit zur Verfügung habt. Dann müsst ihr rennen, so schnell es geht!»

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