Beobachter: Frau Wade, in öffentlichen Verkehrsmitteln und grossen Bahnhöfen werden zurzeit flächendeckend Überwachungskameras installiert. Müssen wir uns daran gewöhnen, ständig überwacht zu werden?
Marianne Wade: An der Videoüberwachung im öffentlichen Verkehr werden wir in Zukunft kaum vorbeikommen. Das sind verwundbare Punkte, weil unsere Gesellschaft sehr stark auf Mobilität angewiesen ist. Als Britin bin ich da sehr sensibilisiert - die Londoner U-Bahn war, solange ich denken kann, ein «gefährlicher» Raum. Selbstmordattentätern ist es zwar völlig egal, ob sie gefilmt werden oder nicht. Trotzdem kann Videoüberwachung Sinn machen.

Beobachter: Inwiefern?
Wade: Schliessfächer etwa befinden sich oft an Orten, die von Patrouillen nur schwer zu kontrollieren sind. Da können ein, zwei Kameras gut eingesetzt werden. Videoüberwachung kann auch helfen, Vandalismusschäden zu reduzieren.

Beobachter: Wie beurteilen Sie die Tatsache, dass die SBB nun in den sieben so genannten «RailCities» auch den Einkaufsbereich mit Dutzenden von Kameras aus- oder aufrüsten?
Wade: Bahnhöfe gelten oft als Angst-Räume, deshalb versucht man, mit Einkaufsmöglichkeiten das Sicherheitsgefühl zu verbessern. Wenn diese Idee hinter den «RailCities» steckt, sehe ich aber nicht ein, weshalb es Videoüberwachung braucht. Wo genügend menschliche Augen sind, sind Kameras überflüssig. Leider drängen Ladenbesitzer immer stärker auf solche Überwachung.

Beobachter: Weshalb?
Wade: Man will kontrollieren, wer ein und aus geht, und man will den Leuten, die man nicht will, dies zeigen. Das betrifft keineswegs nur Menschen, die straffällig sind.

Beobachter: Bedeutet das auch, dass gewisse Bevölkerungsgruppen gezielt überwacht werden?
Wade: Mit Sicherheit. Es gibt wissenschaftliche Studien, die zeigen, dass Menschen, die in einem bestimmten Gebiet nicht erwünscht sind, stärker überwacht werden. Das sind junge Männer, die erkennbar aus sozialen Randgruppen oder ärmeren Verhältnissen kommen oder etwa durch ihren Kleidungsstil auffallen. Eine Studie hat festgestellt, dass die Wahrscheinlichkeit, überwacht zu werden, für junge Schwarze viermal höher ist als bei Weissen. Da stellt sich natürlich die Frage, wozu unsere Städte da sind und welche Leute sich darin aufhalten dürfen.

Beobachter: Und Ihre Antwort?
Wade: Die Mehrheit will offensichtlich in einer möglichst heilen Glitzerwelt konsumieren, da werden Obdachlose und Betrunkene als störend empfunden. Deswegen definiert man die Bahnhöfe und Innenstädte in Einkaufszentren um und hofft, dass diese Menschen dann von dort verschwinden.

Beobachter: Bewegen Sie sich anders, wenn Sie wissen, dass überall Kameras installiert sind?
Wade: Konservative Schätzungen gehen davon aus, dass man in englischen Städten pro Tag 300-mal von einer Videokamera erfasst wird. Da wird man mit der Zeit irgendwie kamerablind. Aber wenn ich in London in der U-Bahn sehe, wie neben jeder Überwachungskamera noch eine zweite installiert ist, die im Fall eines Vandalenakts den Täter filmen soll, dann habe ich manchmal schon das Gefühl, in einem Überwachungsstaat zu sein.

Beobachter: In der englischen Stadt Middlesbrough wurden die Überwachungskameras mit Lautsprechern ausgerüstet, damit man von der Einsatzzentrale aus Leute direkt ansprechen kann. Orwells «1984» ist nicht mehr weit…
Wade: Das überrascht mich leider überhaupt nicht. Grossflächige Videoüberwachung ist eng mit dem Wunsch nach einer strikten sozialen Kontrolle verknüpft. Und am schlimmsten finde ich in dieser Hinsicht immer noch die Regelung in Oxford, wo das Spucken und das Trinken von Alkohol an öffentlichen Orten verboten ist und mit Kameras überwacht wird. Sehr schön war allerdings, dass diese Regelung wenige Wochen nach ihrer Einführung mit dem Passus ergänzt werden musste, dass man auch nicht bloss so tun dürfe, als ob man Alkohol trinken würde. Schüler hatten sich nämlich einen Spass daraus gemacht, sich vor die Kameras zu stellen und so zu tun, als ob sie Alkohol trinken würden.

Beobachter: Auch in der Schweiz werden die Städte zunehmend überwacht. Schätzungen gehen von rund 90'000 Videokameras im öffentlichen Raum aus und von zusätzlichen 350'000 bis 450'000 sonst. Beunruhigen Sie solche Zahlen?
Wade: Bei knapp 7,5 Millionen Einwohnern in der Schweiz ist das schon eine erhebliche Kameradichte. Es beunruhigt mich insofern, als die Videoüberwachung diesen Stellenwert wahrscheinlich nicht verdient hat und die entsprechenden Ressourcen möglicherweise anderswo fehlen. Ich verstehe die Tendenz, alles mit Video zu überwachen, sowieso nicht.

Beobachter: Bei der Überwachung von Schulhöfen wird argumentiert, die Kameras würden helfen, Gewalt zu verhindern.
Wade: Kinder, die sich prügeln wollen, werden doch nicht so dumm sein, das gerade im Blickfeld einer Videokamera zu tun. Die werden sich hinter einem Gebäude treffen, irgendwo im Schatten. Aber auch bei Straftätern stellen wir immer wieder fest, dass sie in Bezug auf Videoüberwachung äusserst anpassungsfähig sind. Bei geplanten Verbrechen wird man nämlich die Kamera mit ins Kalkül ziehen, genau wie man auch menschlichen Überwachern zu entgehen versucht. Wenn aber eine Kamera präventiv wirken soll, muss ihr Standort bekannt sein, sonst nützt sie gar nichts. Schwere Gewaltstraftaten wiederum finden oft in einer emotional aufgewühlten Situation statt, und dort kann eine Kamera ohnehin nichts verhindern. Da wären Menschen, also etwa patrouillierende Polizisten, wesentlich besser geeignet.

Beobachter: Befürworter von Überwachungskameras argumentieren gerne mit dem Fall des «Nagelbombers», der 1999 London mit selbst gebastelten Bomben in Angst und Schrecken versetzte. Er konnte dank Videoüberwachung festgenommen werden.
Wade: Aber dazu mussten rund 26'000 Stunden Material ausgewertet werden. Die gesamte Londoner Polizei sass damals vor den Bildschirmen. Dabei gab es auch forensische Beweise - eine Sporttasche mit Fingerabdrücken -, mit denen man den Täter maximal 24 Stunden später ebenfalls gefasst hätte. Aber wenn man so viele Kameras hat wie in Grossbritannien, wird es immer wieder einmal vorkommen, dass man einen Straftäter dank einer Kamera überführen kann. Darunter werden auch Taten sein, bei denen man um die Kameras froh war. Das heisst aber nicht, dass die gesellschaftliche Kosten-Nutzen-Rechnung insgesamt stimmt. Aber selbstverständlich ist es beeindruckend, wenn man nach einem Terroranschlag am Abend im Fernsehen Bilder von den Tätern zeigen kann. Auf diese Weise kann man dann die Aufklärung von Straftaten medienwirksam inszenieren - und damit die Überwachungskameras rechtfertigen.

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