Das Kleinstädtchen St-Ursanne im Kanton Jura ist eine Touristenattraktion: Es hat einen intakten mittelalterlichen Kern; im Flüsschen Doubs, das durch St-Ursanne fliesst, lebt eine Forellenart, die es sonst nirgends auf der Welt gibt; und unlängst wurde die Region zum «Smaragdgebiet» erklärt. Sie gehört damit zu jenen europäischen Lebensräumen, deren Arten besonderer Schutzmassnahmen bedürfen.

Der Schutz der Umwelt liegt aber nicht allen am Herzen. Besonders schwer tut sich die Firma Benteler: Seit 2001 betreibt die Tochter des deutschen Benteler-Konzerns an den Ufern des Doubs ein Werk, das nicht nur Aluminiumbauteile für die Autoindustrie herstellt, sondern auch Luft und Wasser schwer belastet. Während das Abwasserproblem laut dem kantonalen Umweltamt seit 2006 gelöst ist, stinkt das Benteler-Werk weiter vor sich hin: An manchen Tagen hängt der Rauch aus Bentelers Schornsteinen wie eine Glocke über dem Städtchen, ist die Geruchsbelästigung so stark, dass der Direktor der Primarschule am anderen Ufer des Flusses die Kinder nicht auf den Pausenhof lässt - zumal unklar ist, ob die Emissionen gesundheitsschädlich sind.

Jahrelang fruchtlose Kontaktversuche
«Es gibt keine Beweise dafür, dass die Abgase giftig sind», betont Bentelers Konzernsprecherin Gudrun Girnus. «Aber solange die für die Produktion nötigen Schmierstoffe eingesetzt werden - und ohne die geht es nicht -, wird es nach verbranntem Gummi stinken.» Natürlich könne man den Entscheid, in diesem idyllischen Tal ein solches Werk anzusiedeln, grundsätzlich in Frage stellen. Aber die Bevölkerung profitiere ja auch davon. Doch die vermeintlichen Vorteile für den Standort St-Ursanne - Steuern und sonstige Einnahmen von 150'000 Franken pro Jahr sowie Arbeitsplätze - sind den Einwohnern mittlerweile schnuppe. Zumal sie von Letzteren kaum profitieren: Mindestens 90 Prozent der 200 Benteler-Angestellten sind billige Grenzgänger aus dem nahen Frankreich.

«Die Kamine rauchen oft Tag und Nacht, nicht selten auch übers Wochenende. Manchmal stinkt es tage- und nächtelang extrem», ärgert sich Manuela Liechti, deren Familie in der Altstadt wohnt. «Dabei hatte Benteler hoch und heilig versprochen, bis zum 25. Juli alles in Ordnung zu bringen.» Nicht ernst genommen fühle sie sich auch vom Amt, das teilweise wochenlang nicht auf ihre E-Mails antworte.

«Das Problem ist, dass das Werk so nah an einem Wohnviertel liegt. Stünde die Fabrik in einem Industriequartier, würde sich niemand gestört fühlen», räumt Jacques Gerber, Vorsteher des jurassischen Amts für Umweltschutz, ein. Den Vorwurf der Untätigkeit will er nicht gelten lassen: «Wir hatten in den vergangenen Jahren mindestens 900 Kontakte mit der Firma, Gespräche, E-Mails, Briefe, Faxe. Aber bis vor kurzem wurde einfach nicht darauf reagiert», erzählt er. «Erst mit dem neuen Geschäftsführer ist die Kommunikation besser geworden.» Der allerdings darf sich - Konzernpolitik - gegenüber der Presse nicht zur Lage in St-Ursanne äussern.

Noch weiss keiner, ob die Filter nützen
Mittlerweile wurden - zwar verspätet, aber immerhin - drei der vier Schornsteine mit Filteranlagen aufgerüstet. Die Emissionen des vierten Kamins liegen aber nach wie vor über den vorgeschriebenen Grenzwerten. Und nach wie vor stinkt es zum Himmel. Doch statt das Werk zu schliessen, bis der Missstand behoben ist, setzte der Kanton zum x-ten Mal eine neue Frist. Bis Ende Jahr hat Benteler Zeit, die Emissionen in den Griff zu kriegen. «Die Filteranlage ist bereits bestellt», rechtfertigt Gerber die Langmut seiner Behörde. Allerdings sei nicht klar, ob der Geruch verschwinden werde, wenn auch der vierte Kamin aufgerüstet sei und damit die gesetzlichen Vorgaben und Grenzwerte vollumfänglich eingehalten wären, gesteht Gerber ein.

Ebenso unbefriedigend ist die Tatsache, dass in der Schweiz Betriebe, die Abgasmessungen vornehmen müssen, die Messfirma selber beauftragen und damit den Zeitpunkt der Messungen bestimmen können. Diese Regelung stösst in St-Ursanne auf kein Verständnis: «Dann können die ja messen lassen, wenn sie gar nicht voll produzieren», ärgert sich Bea Wermelinger, die mit ihrem Mann Alois gleich neben Benteler einen Bauernhof betreibt und je nach Windlage stark von den Abgasen betroffen ist. Sie befürchten sogenannte «Sonntagsmessungen» - ein Verdacht, der, wenn auch unbewiesen, angesichts des jahrelangen Tauziehens nachvollziehbar ist.

Den Bürgern von St-Ursanne stinkt es mittlerweile so gewaltig, dass 70 Prozent der Stimmberechtigten eine Petition unterschrieben und dem Kantonsparlament vorgelegt haben. Sie fordern eine sofortige Stilllegung der Produktion, bis der Missstand behoben ist, und andernfalls eine Verlegung des Betriebs. Sie seien auch gewillt, die damit verbundenen Steuereinbussen zu tragen. Departementsvorsteher Laurent Schaffter stellte daraufhin pressewirksam eine Verlegung des Werks in Aussicht, sollten die nächsten und hoffentlich letzten Massnahmen nicht greifen. «Aber wirklich glauben können wir das nicht», sagt Manuela Liechti stellvertretend für viele.

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