Immer am Mittwochmittag ist Dino zu Gast bei der Familie Fopp und ihrem zehnjährigen Sohn Damian. Dino, neun Jahre alt, kommt aus Bosnien, und Leonie Fopp ist seit vier Jahren seine «Schulgotte». Sie leistet ihm Beistand im schulischen Alltag, hilft bei den Schulaufgaben und bei der Betreuung: «Er hat ein Nest gefunden bei uns», sagt Leonie Fopp, «und in Damian einen guten Kameraden, der ihn beschützt, wenn er bei andern Kindern unter die Räder zu kommen droht. Für unsere Familie ist der Kontakt mit Dino und seinen Angehörigen ein bereichernder Kulturaustausch.»

Was Leonie Fopp für Dino und seine Mutter tut, macht sie freiwillig – und unbezahlt. So wie viele in der Schweiz. In der Mehrzahl sind es Frauen, die sich in vielfältigster Weise in sozialen und kirchlichen Institutionen engagieren. Ein paar Zahlen aus dem Kanton Zürich: Da wird in der katholischen Kirche jedes Jahr 630'000 Stunden lang freiwillig gearbeitet. 90 Freiwillige der Dargebotenen Hand nehmen jährlich 35'000 Anrufe von verzweifelten Menschen entgegen. 150 Freiwillige engagieren sich im Sozialdienst der Justizdirektion und begleiten Strafgefangene auf ihrem schwierigen Weg.

Wachsender Markt
Die Liste freiwilliger Tätigkeiten lässt sich beliebig fortsetzen: Mahlzeitendienst, Behindertentransporte, Freizeitanlagen – überall arbeiten Freiwillige. Und ständig werden neue Projekte lanciert. Wer sich engagieren will, findet sofort ein Tätigkeitsfeld. Die Verfasser einer Studie an der Fachhochschule für Sozialarbeit in Basel schätzen, dass in der Schweiz jährlich 16 Millionen Stunden freiwillige und unbezahlte Sozialarbeit geleistet wird. Tendenz steigend.

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Woher dieser Boom? Kompensieren soziale Institutionen und Kirchen damit Sparübungen und Stellenabbau? Sehen sie gar in der wachsenden Zahl Erwerbsloser ein Reservoir an Gratis-Arbeitskräften? Der Verdacht liegt nahe – aber Eva Winzeler von der Asyl-Organisation des Kantons Zürich, Leiterin des «Schulgottenprojekts», widerspricht: «Arbeitslose als Gratishelfer kommen für mich überhaupt nicht in Frage. Wir arbeiten mit Leuten zusammen, die in finanziell stabilen Situationen leben, die ganz bewusst sagen, "mir geht es gut", und etwas davon weitergeben wollen.» Für Eva Winzeler sind Freiwilligenprojekte kein Ersatzarbeitsmarkt für Erwerbslose: «Der Einsatz Freiwilliger ist eine wichtige Ergänzung zur Arbeit der Fachleute – und kein Ersatz dafür.»

Was treibt Leute an, einen beträchtlichen Teil ihrer Freizeit und Energie für soziale Aufgaben einzusetzen und dafür keinen Franken Lohn zu nehmen? «Wir leben in einer Welt, wo alles mit Geld gewertet wird», sagt Leonie Fopp, «da will ich ein Gegengewicht setzen.»

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Es sind nicht einfach lauter edle Seelen oder Leute mit einem «Helfersyndrom», die sich engagieren. «Freiwillige ziehen einen Nutzen aus ihrer Arbeit», schreiben Beatrice Hess und Eva Nadai in der Zusammenfassung ihrer Studie über Freiwilligenarbeit. Die Autorinnen unterscheiden zwischen einem subjektiven Nutzen – dem befriedigenden Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun – und einem objektiven: Freiwillige erwerben sich Kenntnisse und Fähigkeiten. Und sie schaffen sich Kontaktmöglichkeiten, die ihnen auch privat und beruflich Vorteile bieten können.

Hess und Nadai sehen in der Freiwilligenarbeit «eine Form sozialen Tausches». Aber dieser Tausch ist nach ihrer Ansicht immer noch zu einseitig. Sie erheben deshalb eine Reihe von Forderungen. Freiwillige wollen nicht nur schöne Worte über den «Nutzen der Uneigennützigkeit» hören, sondern sie wollen auch Taten sehen.

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Weitere Informationen

Wer sich freiwillig engagieren will, ist willkommen

  • Interessierte können sich auch direkt an soziale und kirchliche Organisationen wenden.

Freiwillige: Für Steuerabzug
Freiwilligenarbeit ist praktische Solidarität und nützt der Volkswirtschaft beträchtlich. Deshalb soll sie gesellschaftlich besser honoriert werden.

Die Sozialwissenschafterinnen Beatrice Hess und Eva Nadai verlangen für die Zukunft:

  • Für Freiwilligenarbeit soll es einen Bonus bei den Sozialversicherungen geben.
  • Freiwilligenarbeit soll als Zeitspende – analog zu den Geldspenden – von den Steuern abgezogen werden können.
  • Realistischer und bereits teilweise verwirklicht sind die folgenden Forderungen:
  • Freiwillige erhalten denselben Zugang zu Weiterbildungsmöglichkeiten wie festangestellte Fachleute.
  • Freiwillige erhalten von der Organisation, für die sie arbeiten, Versicherungsschutz und eine Spesenpauschale.
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