Zunächst sah alles nach einem medizinischen Durchbruch aus. Die Dermatologische Klinik des Universitätsspitals Zürich entwickelte einen Impfstoff gegen den Schwarzen Hautkrebs (Melanom) und testete ihn an über hundert Patienten. Auf der Website der Klinik wurde der Erfolg gefeiert, und die Fachzeitschriften jubelten. Erst mit der Zeit sickerte durch, dass die veröffentlichten Ansprechraten nicht stimmten. Der eigentliche Skandal platzte, als herauskam, dass die todkranken Patienten für die Teilnahme an der Studie hatten bezahlen müssen.

Während der weitaus grösste Teil der Versuchsteilnehmer mittlerweile gestorben ist, heimste der Verantwortliche für die Studie, Frank Nestle, mehrere Preise ein und wurde immer wieder zu internationalen Kongressen eingeladen. Ein Artikel zur Studie mit den nicht reproduzierbaren Resultaten im Fachblatt «Nature Medicine» wurde bis heute nicht zurückgezogen.

Vier Studien kritisieren das Institut
Mit der jetzigen Untersuchung der Geschäftsprüfungskommission (GPK) des Zürcher Kantonsrats haben insgesamt vier Untersuchungen zur Impfstudie und zu den Verhältnissen an der Dermatologischen Klinik gravierende wissenschaftliche, technische und Führungsmängel aufgezeigt. Ein erster Bericht von drei renommierten Professoren führte zum Stopp aller Impfstudien. Eine weitere Untersuchung des Bundesamts für Gesundheit (BAG) ergab schwere Mängel in der Durchführung der Melanomstudie. Eine Studie von alt Bundesrichter Herman Schmidt klärte die Verhältnisse an der Dermatologischen Klinik ab. Schmidt führte Dutzende von Gesprächen und verfasste vor einem Vierteljahr seinen Bericht, der – wie Insider sagen – an überdeutlichen Aussagen zuungunsten der Klinikleitung nichts zu wünschen übrig lässt.

Auch das Resultat der GPK ist für Klinikleiter Günter Burg, noch bis vor kurzem in Personalunion auch Dekan der medizinischen Fakultät, ebenso deutlich wie verheerend: Die Krisenbewältigungsversuche innerhalb der Klinik sind laut GPK gescheitert. «Ein Grund dafür könnte in einer mangelhaften Führung gesehen werden. Das Arbeitsklima scheint massiv gestört.» Da sei es fraglich, ob die Mitarbeitenden ihrer «Arbeit mit der notwendigen Sorgfalt nachgehen können».

Haben die vernichtenden Untersuchungen irgendwelche Konsequenzen? Jedenfalls nicht für die Verantwortlichen. Im Gegenteil: Am 29. Juli verkündete die Leitung des Unispitals: «Dossier ‹Melanom-Impfstudie› geschlossen.» Klinikdirektor Günter Burg bleibt bis zur regulären Pensionierung im Februar 2006 in Amt und Würden. Frank Nestle, Verfasser der Pfuschstudie, darf einen einjährigen, vom Unispital bezahlten Forschungsaufenthalt im Ausland antreten und dann als leitender Arzt an die Klinik zurückkehren. Das Privileg eines Sabbaticals steht in der Regel nur verdienten Professoren und Fakultätsmitgliedern zu. «Dieser Forschungsaufenthalt ist nicht mit einem Sabbatical zu vergleichen», sagt Spitaldirektorin Christiane Roth, «sondern im Rahmen der personellen Entflechtung mit einem umschriebenen Forschungsauftrag verbunden.» Das Ausbleiben von personellen Konsequenzen begründet sie so: «Für solche Massnahmen bräuchte es eine andere Personalkultur; staatliche Betriebe gehen mit Personalproblemen anders um als private.»

Konsequenzen hat der Fall hingegen für die beiden Ärzte, die den Skandal aufgedeckt haben. Stets wurde zwar betont, den beiden Kritikern der Studie dürfe kein Nachteil entstehen. Die beiden wurden ad interim zu leitenden Ärzten befördert. Faktisch werden sie jedoch aus der Dermatologischen Klinik entfernt. Sie müssen im Unispital andere Aufgaben übernehmen, «damit es Ruhe gibt», wie ein Insider sagt. Obwohl sie in allen Berichten Recht bekamen, waren sie während mehr als einem Jahr Schikanen ausgesetzt.

Romana Leuzinger, Mitglied der GPK, dazu: «Nach meinen Erkenntnissen haben die beiden absolut korrekt gehandelt. Wenn es Schule macht, dass Leute kaltgestellt werden, die sich kritisch äussern, fördert dies ein Duckmäusertum, das ich nicht gutheissen kann.»

Die Universitätsleitung kümmert dies wenig. Sie ging sogar so weit, nach dem Öffentlichwerden kritischer Berichte Anzeige wegen Amtsgeheimnisverletzung zu erstatten. Diese Untersuchung ist noch im Gang und kann laut dem zuständigen Bezirksanwalt noch Monate dauern.

Spitaldirektorin Christiane Roth konnte sich, laut einem Kenner der Unispitalszene, gegen Rektor Hans Weder nicht durchsetzen. Dieser habe sich schützend vor seinen Duzfreund Günter Burg gestellt. Auch GPK-Präsident Markus Mendelin nimmt kein Blatt vor den Mund: «Äusserst seltsam mutet an, dass der verantwortliche Leiter der Dermatologie in keiner Art und Weise tangiert wird. Die Universität scheint Herrn Burg nach dem Motto ‹Eine Krähe hackt der andern kein Auge aus› über alle Massen zu schützen.»

Die Universität schiesst zurück
An einer Veranstaltung vom 29. Juli, an der die Massnahmen den Mitarbeitenden der Dermatologischen Klinik vorgestellt wurden, fühlte sich Rektor Weder bemüssigt, die Untersuchung der GPK scharf zu kritisieren. Deren Pressekonferenz sei unnötig gewesen, ihre Untersuchungen hätten keine neuen Erkenntnisse gebracht und inhaltlich nichts beigetragen. Die GPK wird sich mit dem Skandal nach den Sommerferien trotzdem wieder befassen. GPK-Präsident Markus Mendelin will es nicht darauf beruhen lassen, dass «Universität und Spitalleitung unsere Empfehlungen allesamt in den Wind geschlagen haben».

Öffentlich gemacht wurde bisher keiner der vier Berichte, die insgesamt einen sechsstelligen Betrag verschlungen haben – das vor allem, weil Günter Burg mittels Rechtsgutachten massiv Druck gegen eine Veröffentlichung gemacht hat, wie Markus Mendelin bestätigt. Der GPK-Chef würde eine Veröffentlichung begrüssen.

Ein renommierter Forscher an der Uni Zürich, der trotz seinem Ruf anonym bleiben möchte, findet es einen «Skandal», wie das Problem vermeintlich gelöst wurde. Und ein führendes Mitglied der Ärztevereinigung FMH meint, wenn Burg Grösse gezeigt hätte, wäre er zurückgetreten.

Das Betriebsklima ist auf dem Nullpunkt, viele fähige Mitarbeitende haben die Klinik verlassen. In den jährlichen Umfragen unter Assistierenden aller Schweizer Kliniken zur Ausbildungsqualität liegt Burgs Institut unter den dermatologischen Kliniken regelmässig am Schluss.

Den beiden Kritikern ging es immer darum, dass schwer kranken Patienten nicht falsche Hoffnungen gemacht und sie nicht ungeeigneten oder gefährlichen Therapien ausgesetzt werden. Wer sich dafür einsetzt und dabei die Oberen kritisiert, bekommt an der Dermatologischen Klinik in Zürich die geballte Macht von Universitätsspital, Rektorat und Kameradennetzwerken zu spüren.

Anzeige