Die einen stellen Edelsteine aus, die anderen historischen Grimselgranit. Wem ein Diamant geklaut wird, der bemüht seine Versicherung. Wem der Unspunnenstein abhanden kommt, der sagt: «Ausser dem Besitzer trauert dem sowieso niemand nach.» So der Fünf-Sterne-Hotelier Emanuel Berger im letzten Juni - im Wissen, dass der Schaden auf ihn zurückfallen könnte. Wenn auch nur moralisch. Denn der Grimselgranit ist versicherungstechnisch wertlos.

Am 20. August 2005 entwendeten Unbekannte den 83,5 Kilogramm schweren Unspunnenstein aus der Eingangshalle des Hotels Victoria-Jungfrau in Interlaken. Seither fehlt vom Objekt, das 1984 schon einmal von jurassischen Separatisten gestohlen wurde, jede Spur (Beobachter Nr. 17). Und auch der Aussteller ging erst einmal auf Tauchstation. Es verging ein Jahr, ohne dass sich Berger mit dem rechtmässigen Besitzer des Steins, dem Turnverein Interlaken, in Verbindung setzte. Es war der Verein selbst, der nachfragen musste, ob und wie viel Bergers Haftpflichtversicherung bezahlen würde. Die Antwort war knapp und lautete: nichts.

«Wir wollen ja nicht unverschämt sein, aber die Beschaffung eines neuen Steins kostet zwischen 3000 und 8000 Franken», sagt Willy Zimmermann, Ehrenpräsident des Turnvereins. Es sei nicht so einfach, einen geeigneten Brocken zu finden. Und habe man einen, müsse man ihn von der Grimsel nach Interlaken transportieren und von einem Steinhauer ausbessern lassen. Die Findungskommission des Turnvereins war bereits im Feld, bislang erfolglos. «Das Original befand sich auf Bergers Wunsch in seinem Lokal. Wir sind schon der Meinung, dass er verantwortlich ist», sagt Zimmermann.

Dem Frieden zuliebe will Hotelier Berger nun noch einmal auf seine Versicherung zugehen. Doch die Chancen stehen schlecht. Sein Versicherungsagent hat ihm bereits erklärt, dass Symbolwerte nicht versichert werden können; und die Finanzierung einer Neubeschaffung ist eine fakultative Leistung. «Sollte die Versicherung diese Kosten nicht übernehmen, werde ich sie selbstverständlich bezahlen. Dazu fühle ich mich moralisch verpflichtet», so Berger. Dass er diese Verpflichtung über ein Jahr lang nicht verspürt hat, verschweigt er heute tunlichst.

Auch für den Stein, der seit 1986 anstelle des historischen Unspunnensteins an Sportanlässen verwendet wird, konnte keine Police abgeschlossen werden. Er liegt bei der UBS Interlaken in einem Banktresorraum. Willy Zimmermann wird sich künftig gut überlegen, wem er seinen Granit ausleiht.

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