Dass auch ein noch so gutes Schloss keinen hundertprozentigen Schutz vor Langfingern ist, musste Christoph Merkli, Geschäftsführer der Interessegemeinschaft Velo Schweiz, schmerzlich erfahren. Innerhalb einer Woche wurde sein Fahrrad gleich zweimal geklaut.

Allein im Kanton Zürich kamen im letzten Jahr 13'745 Velos weg. Das macht 38 Diebstähle jeden Tag! Laut Statistik der kriminalpolizeilichen Arbeitsgruppe zur Bekämpfung von Fahrzeugstraftaten wurden in der Schweiz 1999 knapp 58'000 Velos als gestohlen gemeldet – rund 10'000 weniger als vor fünf Jahren.

Doch für Fredi Weder, Vizepräsident der kriminalpolizeilichen Arbeitsgruppe, heisst das noch lange nicht, dass weniger gestohlen wird: «Autodiebstähle nahmen dank besserer Sicherung und Massnahmen der Versicherungen ab. Velodiebstähle werden einfach weniger angezeigt. Bei billigeren Fahrrädern lohnt sich mit Versicherungsselbstbehalt und allfälligen Reparaturkosten der Gang zur Polizei ja kaum noch. Die Dunkelziffer ist entsprechend hoch.»

Der baselstädtische Polizeisprecher Klaus Mannhart geht davon aus, dass «die Zahl der nicht angezeigten Diebstähle mindestens ebenso hoch ist wie jene der angezeigten».

Zwar gingen laut Weders Einschätzung die erwerbsmässigen Diebstähle und der massenhafte Export gestohlener Velos deutlich zurück. Doch auch die «zum Gebrauch» entwendeten Velos bleiben meist auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Nur gerade 33,6 Prozent der gestohlenen Velos tauchen wieder auf.

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Wenig Risiko für Velodiebe
Nicht zuletzt das behördliche Desinteresse am Massenphänomen Velodiebstahl macht den Drahtesel als Diebesgut attraktiv. Denn mit der Abschaffung der kantonalen Veloregister im Jahr 1990 wurde die Schweiz zum Eldorado für Veloknacker. Die Zahl der Velodiebstähle stieg auf einen Schlag um 20 Prozent und blieb seitdem weitgehend stabil.

Das Risiko für die Langfinger ist sensationell niedrig. Nur etwa einer von hundert Velodieben wird geschnappt. Selbst in Winterthur und St. Gallen, wo dank grossen Anstrengungen der Stadtpolizei immerhin über 40 Prozent der gestohlenen Velos wieder aufgefunden werden, wird kaum mal ein Velodieb gefasst.

Dennoch wird das Problem von Politik, Behörden und Versicherungsgesellschaften weitgehend ignoriert. Das liegt gemäss Fredi Weder an der vergleichsweise geringen Deliktsumme im Einzelfall. Allerdings summieren sich die Schäden. Der Veloklau verursacht pro Jahr eine Schadenssumme von schätzungsweise über 100 Millionen Franken und kostet die Versicherungsgesellschaften 50 Millionen.

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Dabei zeigen Beispiele aus dem In- und Ausland, dass man mit vergleichsweise geringem Aufwand den Langfingern das Leben schwer machen kann. Im deutschen Nordrhein-Westfalen ging die Zahl der Diebstähle zwischen 1995 und 1998 um ganze 22 Prozent zurück. Der simple Trick: In zahlreichen Städten des Bundeslandes bietet die Polizei als Gratisservice die Kennzeichnung der Velos mit einer eingravierten Buchstaben-Zahlen-Kombination an. In Dänemark bewirkte die Einführung einer privaten Veloregistrierung durch Versicherungen sogar einen Rückgang der Diebstähle um 25 Prozent.

In der Schweiz scheiterten ähnliche Versuche bislang am mangelnden Interesse potenter Partner – vor allem der Versicherungsgesellschaften. Neun Jahre ist es her, dass der Zürcher Verkehrsplaner Jean-Louis Frossard sein Projekt eines Veloregisters beerdigte. «Ich habe eine hübsche Stange Geld verloren.» Frossard weiss heute, dass sich ein Veloregister nur verwirklichen lässt, wenn es in der ganzen Schweiz funktioniert. «Die Registrierung muss für den Konsumenten günstig sein, und dazu braucht es Geld von Partnern.»

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«Peanuts» für die Versicherungen
Einen neuen Anlauf macht derzeit die Berner Stiftung für Sozialprojekte GAD. Erwachsene können für 30 Franken, Jugendliche für 20 Franken ihr Velo mit einer eingravierten Nummer codieren lassen. In der Pilotphase im letzten Jahr wurden laut Stiftungsratspräsident Rolf Zumstein mehrere hundert Velos aus dem Berner Seeland registriert, darunter auch jenes des Bieler Stadtpräsidenten Hans Stöckli. Nun will GAD das System in der gesamten Deutschschweiz verbreiten.

«Das Interesse ist sehr gross. Wir haben bereits Abmachungen mit Partnern in Bern, Chur und Thun und verhandeln derzeit in sechs weiteren Städten», freut sich Rolf Zumstein. Ein finanzkräftiger Partner fehlt allerdings noch. «Wir haben alle grossen Versicherungen kontaktiert. Aber die zeigen sich sehr zurückhaltend.» Die einzige Gesellschaft, die das Projekt unterstützen wollte, ist bezeichnenderweise jene, die schon Frossards Veloregister unterstützte. Sie wurde inzwischen von einem anderen Unternehmen geschluckt.

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Ruedi Steiner, Sprecher der «Winterthur», macht keinen Hehl aus der Tatsache, dass die 50 Millionen Franken, die die Velodiebstähle die Gesellschaften jährlich kosten, «Peanuts» sind. «Velodiebstähle werden nicht gesondert erfasst. Sie laufen unter der Kategorie "Diebstahl auswärts".» Für seinen Kollegen Peter Sommer von der «Zürich» ist der Schaden ebenfalls vernachlässigbar: «Wir haben ja nur einen Marktanteil von zehn Prozent.» Auch von den drei weiteren vom Beobachter angefragten Gesellschaften engagiert sich keine in der Diebstahlprävention.

Die Versicherten sind die Dummen
Anstatt den Langfingern machen die Versicherungen den Bestohlenen das Leben schwer. Bei der Massregelung geschädigter Velobesitzer sind ihrer Fantasie kaum Grenzen gesetzt. Mit einem obligatorischen Selbstbehalt von 200 Franken wird der Schutz für preiswerte Velos oder gegen Ersatzteilklau zum Vornherein unrentabel gemacht. Ohne Originalquittung zahlt heute kaum eine Versicherung noch den Neuwert. Wer mehrmals Opfer eines Diebstahls wird, riskiert eine gesalzene Erhöhung des Selbstbehalts, eine Umwandlung der Neuwert- in eine Zeitwertversicherung oder gar eine Kündigung des Vertrags. Einige Gesellschaften bieten nicht einmal eine Neuwertversicherung fürs Velo an, oder sie rücken erst auf gezielte Nachfrage mit einem Angebot heraus.

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Eine weitere wirksame Massnahme zur Bekämpfung des Veloklaus sind Abstellplätze, wie sie etwa die SBB in 14 Deutschschweizer Städten anbieten. Die Veloparkings sind bewacht – eine personalintensive Angelegenheit, die nur dank finanziellen Beiträgen der Kantone und Beschäftigungsprogrammen möglich ist.

Auch automatische Veloboxen, Parksäulen mit Schliessvorrichtungen und modulare Parkiersysteme im Paternosterprinzip sind bereits auf dem Markt. «Das Problem bei vielen Anlagen ist, dass sie von Leuten entwickelt und bestellt werden, die gar nicht Velo fahren», weiss Verkehrsplaner Frossard. «Die Folge: Viele Abstellanlagen bleiben unbenutzt.»

Die Schweizerische Konferenz der Beauftragten für Veloverkehr hat nun eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die die in der Schweiz vertriebenen Abstellanlagen auf ihre Benutzerfreundlichkeit zertifizieren will. Verkehrsplaner und Ingenieur Frossard setzt derweil auf simple Massnahmen ohne administrativen Aufwand. Als St. Galler Velobeauftragter rüstete er die Stadt mit Drahtseilen aus, an denen das Velo angekettet werden kann. Eine Einrichtung, die bei den Radlern auf grossen Anklang stösst, das Problem zugeparkter Trottoirs lindert und mit 25 Franken pro Drahtseil ausgesprochen kostengünstig ist.

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Lange Gesichter bei Langfingern
Die Berner Gemeinde Münsingen hat bewiesen, dass man sich vor Velodieben am besten selbst schützt. Die Einwohner von «Veloville» Münsingen deklarierten 1998 bei einer Umfrage den Veloklau als das grösste Sicherheits- und Verkehrsproblem der Gemeinde. Jedem Zweiten war bereits mindestens einmal das Velo gestohlen worden. Eine breit angelegte Informationskampagne führte innerhalb eines Jahres zu einem Rückgang der Diebstähle um sagenhafte 32 Prozent.

Hier einige Tipps, wie Sie sich selbst vor lästigen Langfingern schützen können:

  • Der beste Schutz gegen Diebstahl: ein rostiges Klappergestell mit einem hochwertigen Bügelschloss sichern.

  • Glänzendes Metall lockt diebische Elstern. Edelvelos in unauffälligen, matten Farben werden weniger geklaut. Ausnahme: Schwarze Velos sind bei Käufern und Dieben gleichermassen beliebt.

  • Doppelt gesichert hält besser. Verschiedene Schlösser verlangen vom Langfinger auch verschiedene Werkzeuge.

  • Über Nacht ist das Velo (abgeschlossen) im Keller, in der Garage oder im Einstellraum ebenso vor Rost wie vor Diebstahl geschützt.

  • Im Ausgang wird das Bike mit einem guten Bügelschloss an Verkehrsschildern, Geländern oder Laternen befestigt.

  • Soziale Kontrolle schreckt Diebe ab. Vor Gartenrestaurants, auf belebten Plätzen, kurz: überall, wo sich viele Leute aufhalten, weiss der Veloknacker nie, ob er nicht plötzlich vom Velobesitzer geschnappt wird.

  • Schnellspanner an Rädern und Sattelstütze sind bequem für Reparaturen und die Justierung der Sitzhöhe – und für Ersatzteildiebe. Denen bringen auch Räder und Sättel gutes Geld für wenig Risiko.

  • Lassen Sie Ihr Velo registrieren: Weitere Informationen finden Sie bei www.gad.ch.


Die Besitzer hochwertiger Zweiräder tun gut daran, eine Diebstahlversicherung abzuschliessen. Theoretisch sind in der Hausratpolice zwar alle Velos des Versicherten gegen Diebstahl geschützt, aber nur in dessen Wohnung.

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Gegen einen Aufpreis bieten die meisten Gesellschaften auch eine Versicherung gegen Diebstähle ausser Haus. Dringend empfohlen ist eine Versicherung des Neu- oder des Wiederbeschaffungswerts. Bei der Zeitwertversicherung sinkt der versicherte Wert des Velos jährlich. Die Neuwertversicherung garantiert gegen eine Zusatzprämie die Erstattung des vollen Kaufpreises auch bei älteren Fahrrädern. Bei der Versicherung des Wiederbeschaffungswerts wird die Neuanschaffung eines vergleichbaren Velos der neusten Generation vergütet.

Einen hundertprozentigen Schutz vor Velodieben gibt es nicht. Starke Schlösser und gute Versicherungen aber schon.