Das Datum ist ihr auf ewig in die Erinnerung eingebrannt. Die heute 20-jährige Bianca Kohler (Name geändert) arbeitete seit rund drei Wochen als Au-pair-Mädchen bei der Familie E. in Epalinges VD. Der Tag, an dem Hamid E. (Name geändert) sie spätabends in ihrem Zimmer vergewaltigte, war der 7. Oktober 2002, ein Montag.

Bianca Kohler hat ihn angezeigt. Im August dieses Jahres hat das Bezirksgericht Lausanne den gebürtigen Marokkaner zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Das Urteil ist jedoch noch nicht rechtsgültig. Für Bianca eine schwierige Situation: «Es wäre für mich besser, wenn ich wüsste, dass er mit Sicherheit die nächsten Jahre weggesperrt bleiben wird. Ich würde mich sicherer fühlen und wieder nach vorne schauen können», sagt das ehemalige Au-pair-Mädchen.

Die vergangenen zwei Jahre brachten sie und ihre Familie an die Grenzen ihrer Belastbarkeit – und darüber hinaus. Mit einer Überdosis Schlaftabletten versuchte sie, sich umzubringen.

Durch die Vergewaltigung wurde Bianca schwanger. Die Schwangerschaft stürzte die junge Frau in einen schweren Gewissenskonflikt. «Bei der Untersuchung zeigte mir meine Frauenärztin im Ultraschallbild das schlagende Herz des Kindes. Das war ein Fehler. So fiel es mir natürlich noch schwerer, mich gegen das Kind zu entscheiden. Das Kleine, so dachte ich, kann ja nichts dafür, wie es entstanden ist», sagt Bianca Kohler. Nach dem Schwangerschaftsabbruch erhält sie anonyme Telefonanrufe. Bianca Kohler vermutet ihren Peiniger dahinter.

«Ausgezeichneter Eindruck»
In die Familie E. kam Bianca Kohler durch die Vermittlung des Vereins Compagna, des ehemaligen Vereins der Freundinnen junger Mädchen. «Meine Gotte brachte mir ein Inserat von Compagna. Ich hatte nach dem zehnten Schuljahr noch keine Lehrstelle», sagt Bianca Kohler. Das Compagna-Büro in Liestal schlug ihr zwei Familien vor. Gemeinsam mit ihren Eltern besuchte sie die Familie E. Die erste Begegnung war positiv: «Ich und auch meine Eltern hatten einen sehr guten Eindruck von der Familie. Frau E. lobte ihren Mann über alles, er sei supernett und liebe sie und ihre Kinder über alles.» Ein erstes Mal übernachtete sie dort.

Was Frau E. Bianca nicht sagte: Seit Jahren wird sie von ihrem Mann misshandelt. Ohrfeigen, Faustschläge ins Gesicht, Tritte. Mehrmals muss sie im Frauenhaus Zuflucht suchen. Mit ihren Eltern liegt er im Streit, nicht zuletzt wegen einer finanziellen Unregelmässigkeit.

«Ich hatte von Frau E. einen ausgezeichneten Eindruck», sagt Claudia Sameli. Sie war Stellenleiterin des Compagna-Büros in Lausanne. Das Büro war zuständig für die Rekrutierung der Familie. «Im Nachhinein sage ich mir, es gab Risiken bei der Familie E. Ich denke etwa an den Umstand, dass Herr E. zur Zeit der Ereignisse arbeitslos war. Aber im Nachhinein ist man immer weitblickender», so Sameli.

Inzwischen hat der Dachverband der Compagna die Au-pair-Vermittlung eingestellt. Nur einzelne Sektionen bieten die Dienstleistung noch an. Der Entscheid sei unabhängig vom Fall Bianca Kohler getroffen worden, betont Compagna-Präsident Werner Hornstein. Grund für die Streichung des Angebots sei die stark gesunkene Nachfrage nach dem klassischen Welschlandjahr gewesen.

Claudia Sameli führt nach der Schliessung des Compagna-Büros die Vermittlung auf privater Basis weiter. Die Auswahlkriterien für die Familien sind die gleichen geblieben. Wer sich für die Anstellung eines Au-pair-Mädchens interessiert, muss ein Dossier einreichen. Anzugeben sind Informationen zur Berufstätigkeit der Eltern, Anzahl der Kinder, eine Beschreibung der Wohnverhältnisse oder auch der Ort, an dem das Au-pair-Mädchen die Sprachkurse absolvieren kann. Entspricht das Dossier den Anforderungen, präsentieren sich die Anwärter im Vermittlungsbüro. Eine Überprüfung der Verhältnisse vor Ort findet nicht statt.

Nichts mehr gehört
«Die Vergewaltigung, der Schwangerschaftsabbruch, der Selbstmordversuch: Wir haben gemeint, wir würden durchdrehen», sagt Michael Kohler, der Vater von Bianca. Von der Compagna fühlen sich Kohlers in dieser Zeit allein gelassen. «Es hätte gut getan, wenn sich die Leute von Compagna bei mir gemeldet und sich nach meinem Befinden erkundigt hätten. Aber ich habe nichts mehr von ihnen gehört», sagt Bianca Kohler.

Die Au-pair-Vermittlung räumt das Versäumnis ein: «Falls Bianca sich durch das Verhalten der Compagna verletzt fühlt, möchten wir uns bei ihr dafür entschuldigen», sagt Präsident Hornstein. Als Bianca das Büro über die Vergewaltigung informiert habe, sei sie bereits psychologisch begleitet worden, so Hornstein weiter. Die Stellenleiterin sei deshalb davon ausgegangen, dass eine weitere Betreuung nicht zu ihren Aufgaben gehören würde.

Mit der Familie E. hat Bianca Kohler jeden Kontakt abgebrochen, obwohl ihr die Kinder ans Herz gewachsen waren. So sehr, dass sie noch zu Weihnachten vor einem Jahr zwei Winterjacken als Geschenk nach Epalinges geschickt hatte. Erst als Frau E. an der Gerichtsverhandlung aussagte, das Au-pair-Mädchen hätte sich bei ihrem Mann eingeschmeichelt, wusste Bianca: «Mit dieser Familie will ich nichts mehr zu tun haben.»

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