Der Tod muss für die 79-jährige Altbäuerin Maria Moser (Name geändert) eine Erlösung gewesen sein. Vor einem Jahr verstarb sie auf ihrem Hof am Stadtrand von St. Gallen an einem Herzinfarkt. Das Leben hatte sie schwer gezeichnet: Sie litt unter Herzbeschwerden, Schwindel, Gicht und Diabetes. Dazu kam Anfang 1996 auch noch ein Hirnschlag. Seither konnte Maria Moser kaum mehr sprechen.

Den Notärzten des Kantonsspitals St. Gallen fiel damals die Verwahrlosung der Betagten sofort auf. Es wurde ein Antrag auf Beistandschaft gestellt, weil Zweifel bestanden, dass der allein stehende Sohn Robert (Name geändert) in der Lage sei, «neben der Landwirtschaft auch noch die bisher haushaltende Mutter zu betreuen».

Zu Recht. Im selben Jahr verfügt das kantonale Veterinäramt über Robert Moser ein fünfjähriges Halteverbot für Rindvieh: 100 Tiere werden abtransportiert, nur ein paar Jungtiere entgehen der Razzia auf einer Alp in Graubünden. In der Folge gilt offiziell die gesundheitlich schwer angeschlagene Maria Moser als Halterin des restlichen Rindviehs.

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Mitte 1996 beantwortet Mosers Hausarzt Fragen des Vormundschaftsamts St. Gallen: Die geistigen Funktionen der Patientin seien massiv eingeschränkt. Aufgrund der komplexen familiären Situation komme «nur ein ausserhalb der Familie stehender neutraler Beistand in Frage».

Angst vor dem Zorn des Sohnes

Doch ein Beistand wurde nie bestellt. Weshalb nicht, bleibt unklar. «Es war nicht Folge einer grundsätzlich falschen Praxis, wenn die Beistandschaft bei den besonderen Umständen noch nicht angeordnet war», rechtfertigt Max Schenkel, Leiter des Vormundschaftsdienstes des Kantons St. Gallen, die zögerliche Haltung.

Die Behörden handeln auch nicht, als Maria Moser Ende 1997 nach einem Sturz auf den Hinterkopf erneut ins Kantonsspital überwiesen wird. Dort werden ein verschlechterter Allgemeinzustand, Desorientierung sowie eine Lungenentzündung festgestellt. Moser wird mit Antibiotika behandelt und wenige Tage später vom Sohn abgeholt – «obwohl die soziale Situation daheim desolat zu sein scheint», heisst es im Bericht an den Hausarzt.

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Eine der beiden Töchter – selber ausserstande, neben vier Kleinkindern die Pflegebedürftige zu betreuen – drängt das Vormundschaftsamt zum Handeln. Weitere Berichte werden angefordert. Doch der Hausarzt blockt ab – aus Angst, dass Robert Moser eines Tages bei ihm in der Wohnung auftauchen könnte. So stehts im Protokoll des Vormundschaftsamts. Zu Fragen des Beobachters nimmt der Hausarzt keine Stellung.

Schliesslich verfasst der zuständige Bezirksarzt Matthias Krayenbühl einen Bericht. Erneut wird Maria Mosers stark eingeschränkte Urteilsfähigkeit bestätigt und ein Beistand empfohlen. Ansonsten sieht der Bezirksarzt keinen Handlungsbedarf: «Frau Moser scheint zusammen mit ihrem Sohn auf dem Bauernhof zufrieden zu leben. Sicher will sie an der Wohnsituation nichts ändern.»

«Katastrophal schmutzig»

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Ende 1998 wird Robert Moser von einem Auto angefahren. Gemäss eigenen Aussagen ist er seither zu 66 Prozent arbeitsunfähig. Finanziell steht ihm das Wasser bis zum Hals, Dutzende Betreibungen flattern ins Haus. Moser beschafft sich die Vollmacht über die Konten seiner Mutter. Gegen einen neuerlichen Antrag auf einen Beistand erhebt er Einsprache. Dieses Mal verfasst der Hausarzt einen Bericht – und attestiert Maria Moser erstaunlicherweise volle Urteils- und Handlungsfähigkeit.

Anderthalb Jahre später wird Maria Moser erneut als Notfall ins Kantonsspital eingeliefert. Sie hat nichts zu essen erhalten und ist wegen Flüssigkeitsmangels zusammengebrochen. Im Spital muss die verwirrte Patientin ruhig gestellt werden. Im Krankenbericht steht: «Sie wird auf ausdrücklichen Wunsch des Sohnes sowie ihr selbst wieder nach Hause entlassen.»

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Dort sind die Zustände unzumutbar, trotz zweimaliger Spitex-Betreuung pro Woche. Robert Moser bedroht die Pflegerinnen mit der Pistole und hetzt die Hunde auf sie los. Die Tiere würden zeitweise auch im Wohnzimmer eingesperrt, schildern die Betreuerinnen; die betagte Frau sehe und merke nichts und trete in die Kothaufen. Alles sei katastrophal schmutzig, und die Räume würden im Winter oft nicht geheizt. «Wir haben Frau M. in Gummistiefeln und mit Plastikschürzen gepflegt.» Die offenen Spitex-Rechnungen und Betreibungen belaufen sich mittlerweile auf über 200000 Franken.

Bei einem Augenschein vor Ort im April 2001 gibt Robert Moser dem Bezirksarzt und dem Vormundschaftssekretär den Tarif durch. Er lasse seine Mutter nicht «in ein Heim versenken». Der Bezirksarzt stellt eine beginnende Demenz bei Maria Moser fest, belässt es aber bei einer Empfehlung für Spitex-Dienste. Die Spitex jedoch kündigt ihren Einsatz, nachdem die Hunde eine Pflegerin angesprungen und deren Auto zerkratzt haben.

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Im Juni 2001 bringt Robert Moser seine Mutter zum Anwalt. Mit dabei: der Hausarzt und eine Zeugin. In einer «öffentlichen letztwilligen Verfügung» setzt Maria Moser ihre beiden Töchter zugunsten des Sohnes auf den Pflichtteil und anerkennt gegenüber Robert Moser eine Schuld von 150000 Franken für dessen «jahrelange Betreuungs- und Pflegedienste». Die Kranke ist zu schwach, um den Vertrag selber zu unterzeichnen – er wird ihr vorgelesen. Hausarzt und Zeugin bestätigen, dass «die Erblasserin nach unserer Wahrnehmung dabei verfügungsfähig gewesen ist».

Im Winter halb nackt draussen

Anfang 2002 geht beim Vormundschaftsamt eine Gefährdungsmeldung ein: Maria Moser habe sich in diesem Winter mehrmals lediglich mit Unterhosen und Leibchen bekleidet draussen aufgehalten. Sie mache einen verwirrten Eindruck. Weil die Behörden nicht handeln, schaltet sich die Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter (UBA) ein. Eine St. Galler Vertreterin besucht Maria Moser und ist erschüttert: «Sie sitzt apathisch da. Ich kann kaum atmen, über 200 Fliegen im Raum, die Augen brennen vom Uringeruch.» Ein anderes Mal findet sie Maria Moser nackt, nur mit einem Handtuch über den Beinen, an der Sonne sitzend; um sie herum liegt zerfetzte Wäsche, noch gelb von Urin. Von diversen Stürzen hat sie überall blaue Flecken.

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Als Robert Moser für eine weitere Behandlung ins Spital muss, organisiert die UBA für seine Mutter einen Ferienaufenthalt in einem Altersheim. Zwei Polizisten und ein Arzt wollen die Pflegebedürftige abholen – doch Sohn Robert versperrt die Zufahrt. Über seinen Anwalt erwirkt er ein amtliches Haus- und Hofverbot für die UBA-Vertreterin. Im Sommer 2002 setzt das Vormundschaftsamt erneut eine Frist für eine Beistandschaft. Sieben Tage vor deren Ablauf stirbt Maria Moser.

Die Kontrollbehörden weisen Verfahrensfehler von sich. Maria Moser sei «für die Entscheidung betreffend ihren Aufenthalt» als urteilsfähig zu betrachten gewesen. Es könne «kein grober Einschätzungsfehler der Vormundschaftsbehörde festgestellt werden».

Ein «Fall Moser» kann sich in St. Gallen also jederzeit wiederholen.

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