Als die Frau im Zürcher Triemlispital eintraf, war ihr Mann nicht mehr ansprechbar. Stumm lag er zwischen Apparaten, Schläuchen und Kabeln. Wenige Tage später starb er. Polizisten bewachten den Eingang zur Intensivstation.

Gerne hätte die Frau ein letztes Mal mit ihm gesprochen. «Das wäre auch möglich gewesen, wenn man mich sofort nach seiner Einweisung benachrichtigt hätte.» Doch ein ganzer Tag war vergangen, bis der Anruf aus der Justizvollzugsanstalt Pöschwies kam. Zu spät für letzte Worte. Ihr Mann hatte das Bewusstsein bereits verloren. «Ich wollte unser letztes Zusammensein wenigstens noch auf einem Foto festhalten.» Doch Fotografieren sei hier nicht erlaubt, beschied ihr einer der Bewacher.

Gut bewacht war Albert H. nicht nur während seiner letzten Stunden. Er war sicherheitsverwahrt in Pöschwies. Mehrere Prostituierte und eine Taxifahrerin hatte er vergewaltigt. Seine Aussichten, jemals wieder aus dem Gefängnis zu kommen, waren schlecht. Seine Ehefrau, die ihn während seiner Gefangenschaft über ein Inserat kennengelernt hatte, war eine der wenigen, die sich noch um ihn kümmerten.

Gefängnisdirektor Ueli Graf räumt ein, dass es «im Nachhinein wohl besser gewesen wäre, die Ehefrau sofort nach der Überweisung ins Spital zu informieren». Aber Albert H. sei eben häufig im Spital gewesen. Und man habe auch nicht mit einer derart schnellen Verschlechterung seines Gesundheitszustandes gerechnet.

Mitgefangene halfen heimlich beim Duschen

Im Gefängnis hatte Albert H. vor Jahren die Krebsdiagnose erhalten. Dass er hier auch sterben würde, damit musste er rechnen. Eine Perspektive, die er mit einer ganzen Reihe Gefangener teilte, denn Verwahrungen werden äusserst selten aufgehoben. Das ist sicher mit ein Grund, weshalb gleich mehrere Gefangene ihre Eindrücke während Albert H.s letzter Wochen zu Papier und nach «draussen» brachten. Denn im Gefängnis alt, pflegebedürftig und vielleicht krank zu werden, das könnte auch ihr Schicksal sein. «Was ich von den Mitgefangenen erfahren habe, macht mich tief­ traurig – und wütend», sagt Albert H.s Witwe nach dem Lesen dieser Berichte.

«Seit Albert gänzlich auf einen Rollstuhl angewiesen war, konnte er offensichtlich nur noch mit grosser Mühe vom Rollstuhl ins Bett und zurück steigen, musste sich sitzend auf einem Stuhl duschen und war praktisch unfähig, die notwendigen Verrichtungen zu tätigen», berichtet ein Zellennachbar von Albert H. Keiner der Auf­seher habe sich um H.s zunehmende Hilfsbedürftigkeit gekümmert, bestätigt ein weiterer Gefangener.

Zwei Insassen hätten darum begonnen, ihm beim Waschen, Duschen und beim Reinigen seiner Zelle zu helfen. «Kaum hatte die Aufsicht das aber bemerkt», so einer der Helfer, «wurde den Mitgefangenen jegliche weitere Unterstützung verboten.» Trotzdem hätten sie weitergemacht. Aus Angst vor Sanktionen heimlich.

Gefängnisdirektor Ueli Graf weist die Vorwürfe zurück. Der Insasse sei durch die Betreuer regelmässig darauf angesprochen worden, welche Hilfestellungen er benötige. Diese seien auch erbracht worden – sofern er sie angenommen habe.

Zwei Spitalbesuche verpasst

Am 23. September hätte Albert H. für eine Chemotherapie ins Universitätsspital gebracht werden sollen. Doch die für den Transport aufgebotene Kantonspolizei traf ohne rollstuhlgängiges Fahrzeug ein. «Da er gänzlich auf den Rollstuhl angewiesen war, konnte er das Fahrzeug nicht von sich aus besteigen. Albert berichtete mir, dass er daher wieder auf seine Abteilung zurückgeschickt worden sei», erinnert sich ein Mitgefangener. Erst am 5. Oktober dann ein zweiter Versuch. Doch die Polizei war erneut mit einem untauglichen Fahrzeug vor Ort. Albert H. rollte erneut die 300 Meter zum Umkleidedienst zurück.

Gemäss dem ärztlichen Dienst in Pöschwies besitzt die Kantonspolizei kein rollstuhltaugliches Fahrzeug. Die Polizisten hätten aber «dank eines Zeugnisses des Anstaltsarztes auf Fuss- und Handfesseln verzichten können». Der Transport klappte trotzdem nicht. Für einen nächsten Versuch wollte die Anstalt einen Pflegefachmann für die Hilfe beim Ein- und Aussteigen organisieren. Dazu kam es nicht mehr; Albert H. starb am 14. Oktober im Spital. Ein gewöhnlicher Krankenwagen hatte den 54-Jährigen dorthin gebracht.

Es stellt sich die Frage, ob die Straf­anstalt überhaupt in der Lage ist, kranke und pflegebedürftige Gefangene angemessen zu betreuen. Die Interessengemeinschaft Fair-Wahrt verlangt darum eine umfassende und unabhängige Untersuchung, Albert H.s Witwe prüft eine Strafanzeige.

Die Gefängnisleitung stellt die meisten Vorfälle zwar anders dar, doch Ueli Graf will die Bedenken der Insassen dennoch ernst nehmen. Die künftige Betreuung Pflegebedürftiger sei tatsächlich ein ungelöstes Problem (siehe Artikel zum Thema «Verwahrte bleiben unter einem Strafregime»).

Dieses wird sich noch verschärfen, wie eine im Frühling publizierte Studie des Schweizerischen Nationalfonds zeigt. So hat sich die Anzahl inhaftierter Menschen über 50 innerhalb von 25 Jahren auf über 400 verdoppelt. Die Forscher empfehlen, altengerechte Abteilungen innerhalb der Gefängnisse zu schaffen.