Wenn Schweizer den Wahlkampf in den USA als aggressiv bezeichnen, sehen sie nur denjenigen Teil, der sich in den Medien abspielt. Für einen freiwilligen Wahlhelfer wie mich zeigen sich aber auch viele positive Aspekte: Wo sonst melden sich Tausende Frauen und Männer als ehrenamtliche Wahlhelfer, damit «ihr» Mann oder «ihre» Frau gewählt wird? Und übrigens ist die Schweizer Politik nicht frei von Aggressionen - ich denke da vor allem an die Abwahl von Bundesrat Christoph Blocher.

Auch ich als ausgewanderter Schaffhauser engagiere mich im Wahlkampf. Im traditionellen Einwanderungsland USA ist das nichts Besonderes. Da wird es begrüsst, wenn sich auch neue Bürger politisch betätigen - vorausgesetzt, sie machen dabei einen guten Job.

Bis zu Barack Obamas Wahlsieg sind noch gewaltige Anstrengungen nötig. Dazu braucht es uns, die freiwilligen Frauen und Männer, die unbezahlte Wahlkampfarbeit leisten. Es gilt, die Wählerinnen und Wähler in den «swing states» zu gewinnen, jenen Staaten, die sich mal für die Republikaner, mal für die Demokraten entscheiden. In den Vorwahlen haben wir das bereits durchexerziert: mit konzertierten Telefon- und Haus-zu-Haus-Aktionen.

Hunderttausende von Werbeanrufen
An einem einzigen Tag führten Wahlhelfer aus Kalifornien rund 100'000 Telefongespräche mit Wählerinnen und Wählern in verschiedenen Staaten; rund 1200 Gespräche bewältigten wir 30 Wahlhelfer des Monterey County. Als Wahlhelfer braucht man Geduld - bei rund der Hälfte der Telefonate ergibt sich nämlich kein Gespräch, weil der Angerufene keine Zeit hat oder ein eingefleischter Obama-Gegner ist.

Wenn ein Gesprächspartner positiv auf die erste Frage reagiert - «Werden Sie für Barack Obama stimmen?» -, bleibt es ebenfalls ein kurzer Austausch: Dann gratulieren wir zur richtigen Entscheidung und beenden das Gespräch mit einer Höflichkeitsfloskel. Ab und zu hat man einen Obama-Enthusiasten am Draht. Dann versuchen wir ihn für die aktive Wahlhilfe zu gewinnen. Häufig kommen jedoch Reaktionen wie: «Obama hat ja gute Ideen, aber seine Wirtschaftspolitik..., aber seine Aussenpolitik...» Wir weisen dann darauf hin, dass Barack Obama die neuen Technologien fördern werde, Umschulungen und Unterstützung für Arbeitslose vorsehe und so weiter. Solche Skeptiker sind Kandidaten für die Hausbesuche unserer Kolleginnen und Kollegen vor Ort. Denn allein mit Telefonaktionen gewinnt man weder Vorwahlen noch Wahlen: Dazu braucht es direkte Gespräche, Kampagnen, Medienarbeit, Plakate und Flyer.

Seit zwei Jahren Parteipräsident
Ich kam 1986 nach Kalifornien, um in Monterey mein Politologiestudium abzuschliessen. Seither arbeite ich in der Sozialforschung und berate öffentliche Institutionen. Ich heiratete eine Amerikanerin, die inzwischen auch das Schweizer Bürgerrecht besitzt. Auch ich bin seit sechs Jahren amerikanisch-schweizerischer Doppelbürger - leider später, als ich das anstrebte. Ich wollte nämlich unbedingt im Jahr 2000 meine Stimme für Al Gore einlegen; im Fall der Wahl von George W. Bush sah ich schwarz für die Vereinigten Staaten. Doch ich erhielt das Bürgerrecht leider erst nach den Wahlen.

Nach der Einbürgerung trat ich der Demokratischen Partei in Monterey County bei. Sie war in einem ziemlich desolaten Zustand; da war Aufbauarbeit angesagt. Ich half mit, die Organisation zu verbessern, und präsidiere die Partei seit 2006. Ein politisches Engagement konnte ich mir stets nur in der Demokratischen Partei vorstellen. Bei den Republikanern ist mir der Mythos des erfolgreichen Selfmademan zu stark präsent. Die Demokraten hingegen treten mehr für Chancengleichheit ein und befürworten die Unterstützungen der Benachteiligten. Was ich hier beschreibe, sind allerdings Tendenzen: Das Spektrum der beiden grossen Parteien ist viel breiter als jenes jeder Schweizer Partei.

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Schockfaktor Bush
Als George W. Bush 2004 wiedergewählt wurde, war das eine riesige Enttäuschung für mich; meine Reaktion war, dass ich mich entschloss, alles daranzusetzen, dass vier Jahre später nicht erneut ein Republikaner gewählt würde. Der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain hat denn auch bestätigt, was eigentlich schon von vornherein klar war: Als Republikaner ist er fast zwangsläufig darauf programmiert, Bushs Politik fortzusetzen: Steuersenkungen für die Reichen und eine unabsehbare Verlängerung der militärischen Präsenz im Irak.

Der Irak-Krieg ist auch ein Grund dafür, dass ich mich für Barack Obama und gegen seine parteiinterne Konkurrentin Hillary Clinton entschieden habe. Denn mit ihrem verhängnisvollen Votum im Senat hat sie für die Verlängerung der Präsenz im Irak gestimmt. Ein Fehler, den sie nie eingestanden hat.

Ein einziges Mal nur bin ich Obama persönlich begegnet. Ich bin überzeugt: Er ist der Mann der Stunde für Amerika. Die Wahl Barack Obamas zum Präsidenten der USA wird eine neue Ära in der amerikanischen Politik einläuten.

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