Am 2. April wird Emma Studer* 73 Jahre alt. Verwandte und Freunde werden kommen, sie werden einen Ausflug machen und zusammen Kuchen essen. Alles wie üblich. Fast. Emma Studer feiert erst zum dritten Mal seit der Voll­jährigkeit ihren Geburtstag in Freiheit. 52 Jahre normalen Lebens wurden ihr ­gestohlen. Sie erlebte ein Martyrium.

Als man sie am 26. Januar 2011 aus ­ihrer Notlage bei den Pflegeeltern befreit, wiegt sie noch 45 Kilo – bei einer Körpergrösse von 1,63 Metern. Studer ist klapperdürr. Sie hat Pilzbefall an Hand- und Fussnägeln, ein kleines, bösartiges Geschwür an der Nase, Wasser in den Beinen, Hühneraugen und Krampfadern, ist schwer­hörig und hat den grauen Star auf beiden Augen. Sie wird in ein Pflegeheim gebracht und wohnt seither dort in einem Einzelzimmer. Innerhalb dreier Monate nahm sie zwölf Kilo zu. Ihre ehemaligen Pflegeeltern wissen nicht, wo sie ist.

Sie musste den ganzen Tag schuften

Marianna Vogel* wischt sich eine Träne aus dem Gesicht: «52 Jahre – das muss man sich einmal vorstellen!» Studer hätte Kinder haben können, einen Beruf lernen, heiraten, Spass haben. Hätte. Marianna Vogel, 58, ist die Tochter von Regina Mahler*, der Pflegemutter von Emma Studer. Studer wurde als 18-Jährige von den Behörden als Mündel bei der Familie Mahler platziert, einer angesehenen Ostschweizer Familie, der Vater Kapellmeister, die Mutter schwanger mit dem sechsten Kind. Studer sollte einfache Hausarbeiten verrichten und der Mutter mit den Kindern helfen. Tatsächlich schuftete sie den ganzen Tag, war die Erste, die aufstand, und die Letzte, die ins Bett ging, erinnert sich Marianna Vogel, damals ein Kind.

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Sie sei «läppisch, aber fleissig»

1940 wird Emma Studer als ältestes von sechs Kindern im Rheintal geboren. Ihre Eltern sind einfache Leute, Bauern. Die Mutter stirbt, als Emma sieben Jahre alt ist. Ab der sechsten Schulklasse muss Emma den Haushalt führen und für ihre jüngeren Geschwister sorgen, später arbeitet sie zusätzlich in einer nahen Fabrik, einer Spinnerei. Als sie 18 ist, wird sie nach einem Zusammenbruch für mehrere Monate in die Psychiatrische Klinik Wil eingewiesen. Diagnose: Hebephrenie (Jugend­schi­zo­phre­nie) und Debilität leichten Grades. Behandelt wird sie mit der «grossen Insulinkur», das heisst: täglich Spritzen. Manchmal wird das Insulin so hoch dosiert, dass die junge Frau ins Koma fällt. Eine damals gebräuch­liche Behandlung. Der zustän­dige Arzt beschreibt sie als «initiativlos, läppisch, gut­mütig, langsam, jedoch willig, geschickt und fleissig».

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Ende November 1958 wird Emma Studer entlassen und in der Pflegefamilie Mahler platziert. Ihrem Vater wird die elterliche Sorge entzogen, sie wird bevormundet. In guter Absicht. Die Behörden meinen, sie sei bei der Pflegefamilie besser untergebracht als daheim, wo sie so schwer arbeiten musste. Studer wird als Mündel Hausangestellte bei den Mahlers. Und 50 Jahre wie eine Leibeigene behandelt.

Seit jenem Tag der Befreiung Studers im Januar 2011 hat Marianna Vogel keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter. Mit Hilfe ­Vogels und weiterer Familienmitglieder – sie hatten eine Gefährdungsmeldung gemacht – wurde Emma Studer damals ge­rettet. Als Kind war Studer für Vogel eine Art «grosse Schwester» gewesen. Später, als Erwachsene, hatte sie jahrzehntelang kaum Kontakt mit ihr. Erst als ihre älteste Schwester Studer vor drei Jahren besuchte, kam heraus, dass sich Schlimmes ab­gespielt hatte.

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Aus dem Strafenregister der «Pflegemutter»: stundenlang ein Pflaster auf dem Mund tragen

Quelle: Andreas Gefe

Stockschläge, Haarereissen, Erniedrigen

Die ersten Tage ihres neuen Lebens wohnt Emma Studer bei Marianna Vogel. Sie hilft ihr, mit der neuen Situation fertig zu werden, sich zurechtzufinden in der Freiheit. Studer fängt rasch an zu erzählen, das Vertrauen zu Vogel ist trotz jahrelangem Kontaktunterbruch noch da. Sie erzählt von all dem, was ihr die Pflegemutter, selten auch der Pflegevater, angetan habe. Die Liste der Misshandlungen ist lang, für manches gibt es Augenzeugen, Aussagen anderer Personen und schriftliche Unterlagen, für einiges nicht. Marianna Vogel schreibt alles auf. Ein paar Beispiele:

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  • Schläge mit dem Knauf eines Spazier­stocks auf den Kopf, den Oberkörper, egal, wohin.
  • Reissen an den Haaren mit beiden Händen.
  • Herumlaufen während ein paar Stunden mit einem Pflaster über dem Mund.
  • Rutschen auf den Knien zum «Büssen» auf der Terrasse, wenn sie etwas vergessen hatte – «bis die Knie blutig waren», erzählt Emma Studer.
  • Abduschen in Kleidern, die Wasser­brause wurde ihr dabei auch ins Gesicht gehalten; sie habe den Kopf nicht abwenden dürfen.
  • Essensentzug.
  • Sexuelle Ausbeutung durch Bernd Vogel*, Regina Mahlers ersten Mann, über 14 Jahre bis zur Scheidung. Mahler wusste ­davon und unternahm nichts. Studer käme ins Gefängnis, wenn das sexuelle Verhältnis herauskommen würde, drohte sie.

«Wir mussten sie halt mal abduschen»

Das Mündel Emma Studer wurde nicht nur körperlich misshandelt, wenn sie angeblich einen Fehler gemacht hatte, sondern auch psychisch klein gehalten, einer Art Gehirnwäsche unterzogen. Sie durfte mit niemandem Kontakt haben, hatte Rede­verbot gegenüber Besuchern, nur Ja-oder-nein-Antworten waren geduldet. Beschimpfungen waren an der Tagesordnung, sie sei eine Hure, könne nichts, sie sei blöd und geisteskrank, sofort ersetzbar, nur geduldet bis auf weiteres, niemand wolle sie sonst. Alle Leute rundherum ­seien informiert, «was für eine» sie sei, und würden kontrollieren, was sie tue. Mahler habe auch gesagt, Hausangestellte würden manchmal umgebracht, das merke sowieso niemand, die verschwänden einfach, erinnert sich Emma Studer.

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Regina Mahler ist aus gesundheitlichen Gründen für eine Stellungnahme nicht zu sprechen. Sie ist heute 93 Jahre alt und fast blind. Ihr heutiger Mann, Max Mahler*, streitet nicht ab, dass sie Emma Studer manchmal gezüchtigt hätten, das sei aber nicht die Regel gewesen. «Emma ist geistig nicht normal, sie flippte manchmal aus, da mussten wir sie halt mal abduschen», sagt er. Sie sei völlig triebgesteuert, und in den letzten Jahren habe sie sich immer mehr herausgenommen. Ansonsten sei aber das meiste erfunden, ein Rachefeldzug der Töchter, vor allem von Marianna Vogel, ­gegen seine Frau. Studer werde nur als Vorwand benutzt, um dieser zu schaden. Studer habe schon immer viel erzählt, das könne man nicht ernst nehmen.

Auf einer Postkarte an ihren Vater schreibt Emma Studer 1974: «Nebst mir besitzt Frau Mahler auch noch einen Sekretär, der Max heisst.» Max, früher eine Frau, nach einer Geschlechtsumwandlung ein Mann, wird der spätere, zweite Ehemann von Regina Mahler. In einer Doktorarbeit der medizinischen Fakultät der Universität Zürich von 1980 kommt das Ehepaar Mahler als Fallbeispiel zum Thema «Ehen von Transsexuellen» vor.

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Der Autor beschreibt Regina Mahler als «vollschlanke Dame, gepflegt, in weit wallenden Gewändern, die sich im Umgang sehr gewandt zeigt, ihre angesehenen Bekanntschaften betont und eine zugleich schauspielerhafte wie hilfsbereit-mütter­liche Aura ausstrahlt». In seinem psycho­logischen Urteil beschreibt er sie als «ma­triarchale, zugleich recht phallische Frau», die gute rationale Steuerungsmöglichkeiten habe und durch Zuhilfenahme von Verleugnung, Schönfärberei und Idealisierung ihre Umgebung beeinflusse.

Mahler führte damals eine Praxis für Stimmtherapie in Zürich. Sie war eine charismatische Frau, die sich gern mit grossen Namen umgab und sich mit falschen Titeln schmückte. «Dipl. Logopädin» und «Dipl. Psychologin», stand auf ihrer Visitenkarte, obwohl sie nie an einer Hochschule studiert hatte. An der Hochzeit mit ihrem zweiten Mann war der deutsche Sänger Ivan Rebroff Ehrengast.

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Regina Mahler hat eine unheimliche Macht über Menschen, sie weiss sie geschickt zu manipulieren. Immer wieder trichtert sie Emma Studer ein, deren leib­liche Familie, die Brüder, sei nur auf ihr Geld aus, wolle sie nur als billige Dienstmagd zurück. Sie unterbindet jegliche Kontaktversuche von Studers Familie mit Emma und lässt ihren Anwalt mehrere Drohbriefe verfassen, in denen er der ­Familie den Kontakt zu Studer verbietet. Max Mahler sagt: «Emmas Verwandtschaft hat sich uns gegenüber schlecht benommen, uns beschimpft. Deshalb gaben wir ihnen Hausverbot.»

Seit 1960 war Vormundschaft erloschen

Regina Mahler hat auch die jährlichen Besuche der Vormundschaftsbehörde voll im Griff. Sie nimmt die zuständigen Vormunde für sich ein durch ihre charmante Gastfreundschaft und ihre «mütterliche Fürsorge» Studer gegenüber. Eine Vormundin schreibt in ihrem Bericht von 1976: «Sie [Studer] schaut immer wieder zu Frau Mahler, um durch einen Blick oder ein Wort die Bestätigung zu erhalten, dass sie recht Auskunft erteilte.» Merkwürdig erscheint das den Behörden nicht. Auch verzweifelte Telefonate und Briefe von Emma Studers ältestem Bruder Moritz Studer*, der sagt, etwas stimme nicht, seiner Schwester gehe es nicht gut, alarmieren die Vormundschaftsbehörde nicht.

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Im Frühling 1976 reichte Moritz Studer beim Justiz- und Polizeidepartement des Kantons St. Gallen eine Aufsichtsbeschwer­de ein: Er bat dringend um eine Kontrolle der Lebensverhältnisse seiner Schwester. Das zuständige Waisenamt kümmere sich nicht genügend um ihre vormundschaft­liche Betreuung, schrieb er.

Die Antwort des Departements war kurz, vernichtend: Die Vormundschaft seiner Schwester sei eigentlich kraft des Gesetzes mit deren Volljährigkeit erloschen (seit 1960). Es sei ein Versäumnis des ­Waisenamts ihrer Ursprungsgemeinde, dass das niemand bemerkt habe. St. Gallen sei nicht mehr zuständig, da Emma Studer seit 1974 mit ihrer Pflegemutter in Zürich wohne. Daraufhin wurde in Zürich sofort ein neues Bevormundungsverfahren eingeleitet, ein psychiatrisches Gutachten erstellt und Emma Studer am 14. Juli 1977 bevormundet – «auf eigenes Begehren», steht im Protokoll des Bezirksrats Zürich.

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Man dankte der Pflegemutter – und ging

Zwölf Jahre später, 1989, suchen Emma Studers Bruder und seine Frau den damals zuständigen Vormund in Zürich auf. Sie möchten mit Studer den betagten Vater besuchen und sie zur Hochzeit ihrer Nichte in ihr Heimatdorf einladen. Der Vormund schreibt ihnen einen Monat später, er habe Studer gefragt, aber sie habe «sofort ablehnend und ängstlich reagiert». Er sei Regina Mahler für ihre «geleistete Arbeit und Geduld [mit Studer] dankbar». «Frau Mahler hat mit Emma eine 30-jährige Erfahrung. […] Ohne sie wäre Emma gänzlich verloren und müsste ein Dasein pflegen, wie es keinem Menschen zu wünschen ist.»

In seiner Verzweiflung bittet Moritz Studer im Juli 1990 den Beobachter um Hilfe. Er schreibt: «Emma […] hat weder allgemeine Rechte noch irgendwelche Kontakte zur Aussenwelt. Wir als ihre Familie haben überhaupt kein Recht, sie zu besuchen, nicht einmal ihren schwerkranken Vater kann sie sehen.» Studer stehe unter dem Einfluss von Regina Mahler und sei nicht imstande, Initiative zu ergreifen.

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Ein Beobachter-Redaktor geht der Sache nach, besucht Studer bei Mahlers und kommt zum Schluss, er könne nicht helfen, da Studer deutlich ausgedrückt habe, sie wolle weiterhin bei Regina Mahler bleiben. Zwei Jahre später stirbt Emma Studers ­Vater. Ihre Pflegemutter Regina Mahler verbietet ihr, an der Beerdigung teilzunehmen, «es würde sie zu sehr verwirren». Ihr Vormund schreitet nicht ein.

Die heutige Zürcher Vormundin von Emma Studer, seit 2007 für sie zuständig, «bedauert sehr, was passiert ist». Hätte sie oder ihre Vorgängerinnen früher eine Meldung bekommen, dass Studer misshandelt wird, wäre man sofort eingeschritten. Sie habe bei ihren jährlichen, angekündigten Besuchen keinerlei Anzeichen von schlechter Behandlung feststellen können, auch ihre Vorgängerinnen nicht. Die Um­platzierung von Studer im Januar 2011 sei «absolut richtig» gewesen. Sie habe schon einiges erlebt in ihrem Amt, aber dieser Fall habe sie «sehr betroffen gemacht». Verhindern könne man so etwas leider nicht; aber das gehe nicht spurlos an ­einem vorbei.

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Die Offiziellen glaubten der Blenderin

Moritz Studer, heute 69-jährig, sitzt am Tisch in der niedrigen Stube seines kleinen, einfachen Bauernhauses im Rheintal. «Man hat uns nie geglaubt, nie.» Er kann es bis heute nicht fassen. Er, der Bauer und ehemalige Arbeiter in einer Fensterfabrik, habe halt nie so gut reden können wie die Frau Mahler mit ihrer Praxis am Zürichberg. Ihr, der Blenderin, hätten die Offi­ziellen alles geglaubt, fügt er bitter an. Bis heute wartet er auf eine Entschuldigung der Behörden.

Das einzig Positive sei, dass es Emma jetzt gutgehe – dank Marianna Vogels Einsatz, sagt er. Als er vor zwei Jahren die Nachricht erhalten habe, Emma sei frei, da sei er so glücklich gewesen: «Endlich haben die uns geglaubt, dass Emma zu uns gehört.»

*Name geändert