Still und heimlich wurde das Postcheckkonto von Ruth Becker (Name geändert) geplündert. Während die 91-Jährige in einem Altersheim lebte, leerte ihr Beistand Fritz Blum (Name geändert) ihr Konto. Ausgestattet mit ihrem Kontokärtchen, hatte er leichtes Spiel. Von April bis Juli 2005 besorgte er sich alle paar Tage Geld, das er umgehend in Casinos verspielte. So ergaunerte er sich fast 60'000 Franken - bis der Diebstahl aufflog.

Ruth Becker war nicht die einzige, die der Spieler ausnahm. Insgesamt bereicherte er sich mit knapp 100'000 Franken. Dabei hätte es nie so weit kommen müssen: Als er von der Basler Vormundschaftsbehörde als Beistand verpflichtet wurde, war er mehrfach einschlägig vorbestraft. Denn schon früher war er besessen vom Glücksspiel und hatte deswegen Geld veruntreut. Doch davon wusste die Basler Behörde nichts, denn sie hatte sich als Rückversicherung mit einem einfachen Auszug aus dem Betreibungsregister begnügt. Für Christoph Häfeli, Professor an der Hochschule für Soziale Arbeit in Luzern, unverständlich. «Ein Strafregisterauszug ist das absolute Minimum, das eine Behörde verlangen muss. Eigentlich wären fundierte Abklärungen nötig», sagt der Spezialist für Vormundschaftsrecht. In der Stadt Zürich beispielsweise wäre Blum abgeblitzt: Dort ist ein Strafregisterauszug für diese delikate Aufgabe zwingend. Zudem werden Bewerber in einem persönlichen Gespräch genaustens geprüft.

Ein Anruf hätte genügt
Doch die Basler Behörde bestand weder auf einen Lebenslauf noch auf Zeugnissen, geschweige denn auf einen klärenden Auszug aus dem Strafregister. «Einen Lebenslauf oder einen Strafregisterauszug verlangen wir seit längerer Zeit nicht mehr», erklärt Vorsteherin Erika Arnold. Dabei hätte ein Anruf bei Blums damali-gem Arbeitgeber, der Heilsarmee, genügt, um dessen Vorgeschichte zu erfahren. Doch die Behörde habe sich bei ihm nie informiert, erklärt Hans Knecht, Regionalleiter Nordwestschweiz der Heilsarmee.

Vorsteherin Arnold widerspricht: Blum sei von seinem Arbeitgeber empfohlen worden und der Behörde als integre Person bekannt gewesen. Hans Knecht bestätigt, dass Blum bis zu seiner Tat sehr gut gearbeitet habe. Trotzdem habe er nicht über das Geld seiner Schützlinge verfügen können: «Weil wir seine Vergangenheit kannten, wollten wir ihn vor sich selbst schützen», betont der Regionalleiter.

Die Vorsichtsmassnahme war berechtigt. Denn als Blum in eine private Krise stürzte, holte ihn nach jahrelanger Abstinenz seine Spielsucht wieder ein. Für den Spielsuchtexperten Peter Küllmer von der Beratungsstelle für Suchtprobleme in Münchenstein nicht überraschend: «Wer einmal spielsüchtig ist, bleibt sein ganzes Leben lang gefährdet.» Verstärkt werde die Gefahr, wenn ein Süchtiger leicht an Geld komme. «Spielsüchtige verlieren ihre Wertmassstäbe und nehmen Geld, wo sie es kriegen», sagt Küllmer. Der Experte rät deshalb selbst Ehepartnern von Spielsüchtigen, die schon jahrelang nicht mehr spielen, diesen den Zugriff auf gemeinsames Vermögen zu verunmöglichen.

Das Opfer muss aufs Geld warten
Im Frühling verurteilte das Basler Strafgericht Blum wegen qualifizierter Veruntreuung zu acht Monaten Gefängnis bedingt. Er muss sich zudem weiter therapieren lassen. Nur wenn er seine Sucht in den Griff bekomme, sei die Gefahr von weiteren Rückfällen gebannt, warnte der Richter.

Noch nicht ausgestanden ist die Sache hingegen für die geprellte Ruth Becker. Die Rentnerin wartet seit zwei Jahren auf ihr Geld. Statt wie üblich Opfern das gestohlene Geld sofort zurückzuzahlen, vertröstet die Vormundschaftsbehörde die Geschädigte noch heute: Die Haftpflichtversicherung werde «die Zahlungsmodalitäten regeln», allerdings erst, wenn das Urteil schriftlich vorliege.

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