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VormundschaftsopferBeobachter-Serie mit Medienpreis ausgezeichnet

Sie wurden als Jugendliche ohne Urteil in Strafanstalten gesteckt – zur Erziehung. Die Artikelserie des Beobachters über administrativ versorgte Frauen sorgte für Aufsehen und wurde nun vom Schweizerischen Anwaltsverband mit dem Medienpreis ausgezeichnet.

Kämpft um Wiedergutmachung: Ursula Biondi
aktualisiert am 13. Juni 2009

Als 17-Jährige sass Ursula Biondi ein Jahr lang in der Strafanstalt Hindelbank hinter Gittern – ohne eine Straftat begangen zu haben. So sah vor 40 Jahren eine Erziehungsmassnahme der Amtsvormundschaft Zürich aus. Beobachter-Redaktor Dominique Strebel hat im März letzten Jahres darüber berichtet (siehe «Artikel zum Thema»). In der Folge meldeten sich mehrere Dutzend weiterer Opfer dieser heute unverständlichen Behördenpraxis.

In einem zweiten Artikel (siehe «Artikel zum Thema») beschrieb der Beobachter die Suche der Betroffenen nach Wiedergutmachung, und was ehemalige Vormundschafts-, Justiz- und Strafvollzugsbeamte heute von ihrem damaligen Vorgehen denken. Das Schweizer Fernsehen und verschiedene Tageszeitungen griffen die Problematik auf (siehe unten «Medienecho»).

Die Betroffenen verlangten von der Konferenz der kantonalen Sozialdirektoren zumindest eine moralische Wiedergutmachung, etwa in Form einer offiziellen Entschuldigung – an einer finanziellen Entschädigung sind sie nicht interessiert. Doch die Sozialdirektorenkonferenz erklärte, sie könne nicht vergangenes Recht zu Unrecht erklären.

Die Hoffnungen der Betroffenen ruhen nun auf dem Bundesrat: Ende April reichte SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr eine Interpellation ein, in der sie den Bundesrat unter anderem fragt, wie er den Betroffenen eine moralische Wiedergutmachung zukommen lassen will. Im Kanton Bern wird das zudem in einem konkreten Fall geprüft.

Der Schweizerische Anwaltsverband zeichnete die Beobachter-Serie nun mit seinem Medienpreis aus. Der Einspruch gegen das eigenmächtige Handeln einiger Behörden hatte die Jury beeindruckt: «Dominique Strebels Artikel hinterfragen das Funktionieren des Rechts.» Der Medienpreis verschafft dem Anliegen der betroffenen Frauen eine wichtige Anerkennung. Ein Entgegenkommen ist nämlich durchaus möglich: So haben die politischen Behörden in der Vergangenheit wiederholt vergangenes Recht korrigiert, das aus heutiger Sicht als Unrecht erscheint: Flüchtlingshelfer sowie Spanienkämpfer wurden rehabilitiert, und die Opfer der Aktion «Kinder der Landstrasse» der Pro Juventute wurden vom Bund für das erlittene Unrecht sogar finanziell entschädigt.

Links zum Artikel

Schweizerischer Anwaltsverband: Medienpreis
Schweizerischer Anwaltsverband: Anwaltskongress
Administrativ Versorgte

Medienecho
«Aeschbacher», Sendung vom 23. Oktober 2008
«Reporter», Sendung vom 15. April 2009
«Der Bund», Artikel vom 9. Juni 2009
«Basler Zeitung», Artikel vom 15. April 2009