Jérôme Endrass, 40, ist Kriminalpsychologe und ­spezialisiert auf die Erforschung von Risikofaktoren für Gewaltdelikte. Unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in Manhattan wurde er als Notfallpsychologe nach New York entsandt. Er ist ­Privatdozent an der Universität Konstanz und leitet seit 2003 im Amt für Justizvollzug des Kantons Zürich die Abteilung Evalua­tion und Qualitätssicherung.

Quelle: Christian Schnur

Beobachter: Wie viele Morde in der Schweiz liessen sich verhindern, wenn potentielle Täter keine Armeewaffen zu Hause aufbewahrten?
Jérôme Endrass: Das lässt sich so nicht beantworten, weil es zwei unterschiedliche Tätertypen gibt: sogenannte Situations- und Persönlichkeitstäter.

Beobachter: Was ist der Unterschied?
Endrass: Ein Situationstäter reagiert nur unter ganz spezifischen Umständen mit Gewalt. Er ist nicht grundsätzlich gewalttätig und verspürt keine Befriedigung dadurch, dass er Gewalt ausübt. Typische Delikte von Situationstätern sind Notwehr oder Beziehungsdelikte, die im Affekt geschehen. Anders sieht es beim Persönlichkeitstäter aus: Er trägt ein chronisches Risiko für Straftaten in sich. Während der Situationstäter eher auf eine Situation reagiert, kreiert der Persönlichkeitstäter eine Situation, in der er Gewalt ausüben kann. Hinter den allermeisten schweren Gewaltdelikten in der Schweiz stecken Persönlichkeitstäter.

Beobachter: Bleibt ein Persönlichkeitstäter friedlich, wenn keine Waffe greifbar ist?
Endrass: Kaum. Die Delikte von Persönlichkeitstätern sind häufig geplant – vielleicht hat sie der Täter auch schon in der Phantasie durchgespielt. Entsprechend lässt sich ein Persönlichkeitstäter kaum durch das Nicht-greifbarsein einer Schusswaffe von einer Gewalttat abbringen – er würde einfach eine andere Waffe verwenden.

Beobachter: Und Situationstäter?
Endrass: Situationstäter handeln aus dem Moment heraus. Bei ihnen kann die Greifbarkeit einer Waffe durchaus eine Rolle spielen. Allerdings werden Armeewaffen seit 2007 ohne Munition abgegeben, was das Gewaltrisiko beim Situationstäter erheblich reduziert: Seine Affekthandlung würde durch das Fehlen von Munition mit hoher Wahrscheinlichkeit unterbrochen. Der Gang zum nächsten Waffenladen als Vorbereitung der Tat wäre für einen Situationstäter ein untypisches Verhalten.

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Beobachter: Dann bringen Waffenverbote wenig?
Endrass
: Bedenkt man die Häufigkeit von Suiziden mit Schusswaffen, hat dieses Gesetz durchaus die Chance, Leben zu retten. Suizide könnten eher verhindert werden als Morde, da bringen Waffenverbote wenig.

Beobachter: SVP-Nationalrätin Yvette Estermann hat diesen Zusammenhang kürzlich bestritten.
Endrass: Es gibt eine Reihe sehr sorgfältig durchgeführter Studien, die den Zusammenhang zwischen Schusswaffendichte und Schusswaffensuiziden nahelegen. Leider erlauben diese Studien kaum eine Differenzierung zwischen Ordonnanzwaffen und privaten Schusswaffen – auch wenn unser gegenwärtiges Ordonnanzsystem vermutlich ein sehr wichtiger Grund für die Waffendichte ist. Gemäss Zahlen, die das Bundesamt für Statistik kürzlich im Hinblick auf die Abstimmung veröffentlicht hat, geschahen 2009 knapp acht Prozent aller Schusswaffensuizide mit der persönlichen Ordonnanzwaffe. Verschiedene Forschungsgruppen, die umfangreicheres Material verwendeten als das Bundesamt für Statistik, kamen jedoch auf Werte zwischen 40 und 60 Prozent. Abgesehen davon können die Ergebnisse dieser Forschungsarbeiten nur als Hinweise darauf gelten, dass ein Zusammenhang besteht, nicht als Beweise. Suizidmethoden unterliegen zeitlichen Schwankungen. Deshalb ist es schwierig, zu erkennen, was ein durch die veränderte Gesetzgebung erreichter Effekt und was eine «natürliche» Schwankung ist.

Beobachter: Heisst das, dass auch die Häufigkeit von Schusswaffensuiziden schwankt?
Endrass: Zumindest für die Schweiz haben wir Grund zu dieser Annahme: Parallel zu einer Abnahme der Waffendichte in der Bevölkerung hat sich der Anteil an Schusswaffensuiziden von rund 28 Prozent im Jahr 1994 auf 18 Prozent im Jahr 2008 verringert, bei einer relativ konstanten Suizidrate in den letzten 15 Jahren. Im selben Zeitraum hat sich der Anteil der Suizide durch Vergiftung nahezu verdoppelt; sie ist mittlerweile die häufigste Suizidmethode. Demgegenüber konnten Epidemiologen für Deutschland aufzeigen, dass die Schusswaffensuizide konstant geblieben sind, während andere Suizidformen – wie etwa der Vergiftungssuizid – zurückgegangen sind. Wir haben es hier mit zeitlichen Trends zu tun, die sich noch dazu von Land zu Land unterscheiden. Deshalb können wir Erfahrungen aus dem Ausland nicht eins zu eins auf die Schweiz übertragen.

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Beobachter: Im internationalen Vergleich hat die Schweiz eine sehr hohe Suizidrate, aber eine vergleichsweise tiefe Mordrate – und das trotz hoher Waffendichte. Warum?
Endrass: In der Schweiz werden tatsächlich vergleichsweise wenig Tötungsdelikte begangen – deutlich weniger als in Grossbritannien etwa, das eine sehr restriktive Waffengesetzgebung hat; aber auch deutlich mehr als in Japan, das eine äusserst restriktive Schusswaffengesetzgebung aufweist.

Beobachter: Verwenden Täter bei Tötungsdelikten oft Ordonnanzwaffen?
Endrass: Leider gibt es gegenwärtig keine zuverlässigen Zahlen dazu. Aus der forensisch-psychiatrischen Praxis wissen wir aber, dass es sehr selten vorkommt. Die einzigen Zahlen, die für das Jahr 2009 veröffentlicht wurden, stammen aus der Polizeistatistik. Darin wird ausgewiesen, dass schweizweit 2009 eine einzige Person Opfer eines Tötungsdelikts wurde, bei dem die Tatwaffe eine «Langwaffe», also ein Gewehr, war – wobei es unklar ist, ob es sich in diesem Fall überhaupt um ein Sturmgewehr handelte. Ob diese Zahlen wirklich so tief sind, müsste aber auf der Grundlage weiterer Quellen überprüft werden.

Beobachter: Hypothetisch gefragt: Wäre es nicht einfacher, einen Menschen zu erschiessen, als ihn mit einem Messer oder einem Beil unter massivem Körpereinsatz zu töten?
Endrass: So denkt ein nicht krimineller Mensch. Tatsache ist, dass die überwiegende Mehrheit aller Gewaltverbrechen von Persönlichkeitstätern verübt wird, die einer anderen Logik folgen. Es gibt Gewaltstraftäter, die wollen spüren, erleben, wie sie das Opfer dominieren, und suchen deshalb den Körperkontakt. Entsprechend ist für solche Täter der Einsatz einer Stichwaffe naheliegender als der einer Schusswaffe. Sich eine Stichwaffe zu beschaffen ist zudem deutlich einfacher, gerade für Gewaltstraftäter, die häufig früh auffällig werden und an der Rekrutierung scheitern oder frühzeitig aus der Armee entlassen werden. Menschen mit krimineller Vergangenheit sind im Militär am falschen Ort – solche Soldaten will keine Armee der Welt.

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Beobachter: Wie steht es mit Unfällen durch Schusswaffen?
Endrass: Unfälle im Zusammenhang mit Schusswaffen werden in der aktuellen Diskussion kaum thematisiert. Es gibt aufsehenerregende Resultate aus Kroatien, wo Forscher nachgewiesen haben, dass im Zuge des Balkankriegs die Schusswaffendichte deutlich zugenommen hat; parallel dazu ist die Zahl der Kinder, die durch Schusswaffen unabsichtlich verletzt wurden, um das Sechsfache gestiegen. Das spricht dafür, dass Schusswaffen in Haushalten – vor allem dann, wenn sie für Kinder zugänglich sind – eine Gefahr darstellen können.

Hintergrund

Die Waffenschutz-Initiative fordert, dass Militärwaffen im Zeughaus auf­bewahrt werden. Ausserdem sollen Schusswaffen in einem eidgenössischen Waffenregister eingetragen ­werden. Wer eine Schusswaffe will, soll sowohl den Bedarf – etwa für Schiesssport oder Jagd – als auch die ent­sprechenden Fähigkeiten nachweisen. Abgestimmt wird am 13. Februar.

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