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Wahlkampf im Internet«Erfolg mit der ‹i hasi›-Formel»

Zuhören ist oft besser als twittern, sagt der Politikberater Mark Balsiger. Er plädiert für authentische Auftritte im Internet – und Familienfotos ohne viel Haut.

Wie sollen sich Parlamentarierinnen und Parlamentarier im Web präsentieren?
Von

Mark Balsiger, 48, studierte Journalistik, Politologie und Geschichte in Cardiff und Bern. Seit 2002 führt er die Agentur Border Crossing, die sich auf Politikberatung, Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikationstraining spezialisiert hat. Balsiger ist Autor dreier Bücher.

Beobachter: Eine Kandidatur für den National- oder Ständerat ohne eigene Website oder Social-Media-Aktivitäten: Geht das überhaupt noch?
Mark Balsiger: Das geht in kleinen Kantonen problemlos, das werden wir auch in diesem Wahljahr so erleben. Aber irgendwann wird es sicher nicht mehr gehen.

Beobachter: Kann man umgekehrt den Wahlkampf in der Schweiz im Internet gewinnen?
Balsiger: Den gewinnt man auch im Jahr 2015 nicht im Internet, aber die Bedeutung des Internets – insbesondere von Facebook und Twitter, aber auch von Youtube – wird weiter zunehmen.

«Private Fotos? Solange die Leute bekleidet sind: ja.»

Mark Balsiger

Beobachter: Was macht für Politiker einen guten Auftritt im Internet aus?
Balsiger:
Wir haben dafür die «i hasi»-Formel entwickelt: Das i steht für interaktiv. Das ist wichtig, das haben viele nicht begriffen. Das h für humorvoll, das zieht enorm, gerade im Netz. Das a steht für authentisch, das ist eine Art Lebensnerv für einen Politiker. Wer im Netz nicht authentisch ist, fällt beim Publikum irgendwann durch. Das s steht für stetig: Man muss sich mit einer gewissen Regelmässigkeit äussern. Und das i für interessant. Wer das beherzigt und umsetzt, hat Erfolg.

Beobachter: Sind die Schweizer Politiker in den sozialen Medien zu bieder?
Balsiger:
Nein, sie investieren zu wenig Zeit in Facebook und Twitter. Und sie glauben zu wenig bis gar nicht daran, dass sie damit etwas bewirken können.

Beobachter: Sollen Politiker auch aus laufenden Ratssitzungen heraus twittern?
Balsiger:
Wenn die Debatte gerade eine Wendung nimmt oder wenn ein Tweet einen kleinen absurden Dialog abbilden kann: warum nicht? Aber das spätinfantile Dauer-Herumdrücken auf den Smartphones, die ich «Sklavengrätli» nenne, hat etwas Entlarvendes.

Sehen Sie hier einen Ausschnitt des Interviews mit Mark Balsiger:

Beobachter: Wann soll man besser schweigen statt einen Tweet absetzen?
Balsiger: Wenn es sich lohnt, dem Gegenüber zuzuhören. Das ist eine sehr wichtige Qualität, und in der Schweiz besitzen sie nur noch die wenigsten.

Beobachter: Gehören private Fotos auf die Website?
Balsiger: Solange die Leute bekleidet sind: ja.

Beobachter: Angenommen, man löst als Politiker einen Shitstorm aus. Was tun: aussitzen oder sich offensiv entschuldigen?
Balsiger: Sich frühzeitig entschuldigen, wenn es angezeigt ist, kommt in der Regel bei den Leuten gut an. Unter Umständen ist es aber auch besser, wenn man einfach mal schweigt. In aller Regel ist der Sturm schnell vorbei, und am nächsten Tag geht die Sonne wieder auf.

Beobachter: Internet und soziale Medien sind das Beste, was Ihrer Berufsgruppe passieren konnte, denn da gibt es ganz viel Beratungspotenzial. Einverstanden?
Balsiger: Nein. Das Beratungspotenzial ist zwar selbstverständlich da. Aber dadurch, dass sehr viele Leute immer noch sehr grosse Hemmungen haben, sich auf die sozialen Medien einzulassen und sich damit echt auseinanderzusetzen, gibt es auch viel weniger Mandate, die das wirklich enthalten. Niemand stellt in Frage, dass man Standaktionen macht oder Plakate aufhängt, aber Social Media sind weiterhin bei vielen Leuten mit einem ganz grossen Fragezeichen versehen.

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Veröffentlicht am 09. Juni 2015