Die «Oberwalliser Umwält-Zitig» wusste, wie es bei einer Ablehnung der Olympischen Winterspiele weitergehen würde: «Das Papier wandert in irgendeine Schublade.» Und mit dem «Papier» war die «Charta der nachhaltigen Entwicklung» gemeint.

Mit dieser hatte sich der Walliser Grosse Rat verpflichtet, über die Spiele hinaus dafür zu sorgen, dass sich Umwelt, Wirtschaft sowie soziale, politische und kulturelle Interessen im Einklang miteinander entwickeln.

Die Gegnerinnen und Gegner der Kandidatur, allen voran der WWF und Pro Natura, liessen sich von diesem Versprechen jedoch nicht überzeugen und verweigerten die Zusammenarbeit mit dem Komitee.

Für den damaligen Oberwalliser WWF-Sekretär Andreas Weissen war die Charta nichts anderes als ein «Gag, um die Kandidatur besser zu verkaufen».

Seither sind im Wallis zwei Dinge passiert, mit denen nur die wenigsten gerechnet haben: Am Morgen des 19. Juni brachte das Wort «Torino» aus dem Mund von IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch die Sittener Olympiaträume zum Platzen. Fast ebenso unerwartet ist jedoch das zweite Ereignis: «Das Papier» ist nicht in der Schublade verschwunden.

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Eine Stiftung sucht Geld
Etwas Staub angesetzt hat es aber schon: Nach der Niederlage blieb es sehr ruhig um die vom Kandidaturkomitee gegründete «Stiftung Sion 2006 für die nachhaltige Entwicklung der Berggebiete». Präsidentin Gabrielle Nanchen erklärt die lange Stille so: «Wir mussten erst einmal schauen, wie wir zu Geld kommen.» Schliesslich sei die Stiftung «eigentlich mit einem Defizit von acht bis neun Millionen gestartet». Dieser Betrag, ein Prozent der Einnahmen, war der Stiftung zugesichert worden, falls Sion die Spiele ausgerichtet hätte. Stattdessen muss sie nun mit einer knappen halben Million zurechtkommen.

Jetzt müssen Taten folgen
Nun hat die Stiftung aber die Chance, mit Taten an die Öffentlichkeit zu treten. Eine vom Walliser Staatsrat eingesetzte Kommission soll unter der Leitung der Stiftung eine «Lokale Agenda 21» für den Kanton ausarbeiten und damit die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung in die Tat umsetzen. Am 19. Juni, auf den Tag genau ein Jahr nach der Niederlage, soll das Projekt an einer «Landsgemeinde» in Martigny vorgestellt werden. Mit einem Wettbewerb sucht die Stiftung zudem gute Projekte zur nachhaltigen Entwicklung.

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Doch die Umweltorganisationen bleiben skeptisch. In der kantonalen Kommission sässen «viel zu viele Politiker und Tourismusrepräsentanten und viel zu wenige Vertreter von Umweltorganisationen», kritisiert etwa Roger Schaller, Geschäftsführer von Pro Natura Wallis.

Kommt hinzu, dass die Walliser Umweltschützer mit der Suche nach einvernehmlichen Lösungen schlechte Erfahrungen gemacht haben. So einigten sich 1997 der WWF und die Luftseilbahnen Fiesch-Eggishorn (LFE) auf einen Deal: Der WWF verzichtete auf eine Einsprache gegen eine Beschneiungsanlage, die Seilbahnen verpflichteten sich dafür zu einer Reihe von ökologischen Massnahmen. Doch nur zwei Jahre später liessen die LFE auf der Alp Lax rund 20000 Quadratmeter Land planieren – ohne Baubewilligung.

Stiftungsratspräsidentin Gabrielle Nanchen verbreitet trotz den teilweise tiefen Gräben zwischen den Vertreterinnen und Vertretern der verschiedenen Interessengruppen grossen Optimismus: «Jetzt haben wir die Hypothek der Kandidatur nicht mehr, jetzt können wir besser zusammenarbeiten.»

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