Beobachter: Zusammen mit Russland und Griechenland kann die Schweiz seit Ende April humanitäre Hilfe im Kosovo leisten. Das ist Ihr Verdienst. Erfreut?
Walter Fust: Sicher. Richtig freuen wird es mich allerdings erst, wenn die Hilfe bei den Menschen im Kosovo auch ankommt. 

Beobachter: Das von Bern aus koordinierte Projekt heisst «Focus» und bezieht den «Feind» Serbien mit ein...
Fust: Ich finde es schwierig, von Feind und Nicht-Feind zu sprechen. Es sind die völlig unterschiedlichen Sichtweisen und Standpunkte, die in Konflikten aufeinanderprallen. Es gibt jedoch Verhaltensweisen, die nicht entschuldbar sind. Dazu gehört das Uberschreiten der Schwelle zur Gewalt. Das ist nie akzeptierbar – egal, wer es tut.

Beobachter: Wie ist es zum Kontakt mit der Regierung in Belgrad gekommen?
Fust: Als am 24. März die Nato mit den Bombardierungen Serbiens begann und die Deportationen von Kosovo-Albanern nach Albanien und Mazedonien Realität wurden, haben wir die Priorität unserer Hilfe auf diese beiden Länder gelegt. Die Koordination vor Ort war sehr schwierig, weil Nato, OSZE und EU einerseits, die etwas an den Rand gedrängten UN-Organisationen andererseits ihre Zuständigkeiten erst klären mussten. Und das in einer wirtschaftlich und politisch sehr schwachen und unstabilen Region Europas. Die Prioritäten haben wir im Verlauf des Konflikts angepasst. Ab Mitte April stellte sich die Frage: Was müssen wir tun, um wieder in das Kosovo hineinzukommen? Da war es nur logisch, mit den jugoslawischen Regierungskreisen Verbindung aufzunehmen.

Beobachter: Wie hat die Europäische Union auf diese Kontakte reagiert?
Fust: Da es für die Länder der Europäischen Union keinen Spielraum für eine politische Initiative gab, haben sich verschiedene Aussenminister an Bundesrat Cotti gewandt: Könnte die Schweiz nicht wenigstens im humanitären Bereich versuchen, mehr zu machen?

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Beobachter: Und die Nato?
Fust: Die Nato hat Interesse an unseren Gesprächen gezeigt. Meinerseits habe ich sie über die Grundsätze der schweizerischen humanitären Hilfe informiert und verschiedene Optionen des Vorgehens erörtert. In Bezug auf die humanitäre Zusammenarbeit mit Russland hat die Nato gesagt: «You should start doing your planning immediately.»

Beobachter: Wird die Nato die Bombardierung in den Gebieten einstellen, in denen humanitäre Hilfe geleistet wird?
Fust: Militärs sind natürlich hart in ihren Aktionen, doch nach einem Konflikt werden auch sie daran gemessen, ob sie minimale humanitäre Initiativen zugelassen haben oder nicht. Zu einem längeren Unterbruch der Bombardierungen war die Nato bisher nicht bereit, doch wir haben die Zusicherung, dass auf das Projekt «Focus» Rücksicht genommen wird.

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Beobachter: Dass überhaupt humanitäre Hilfe im Kriegsgebiet möglich ist, lässt hoffen, dass die Diplomatie wieder eine Chance bekommt in diesem Konflikt.
Fust: Das hoffe ich sehr. Die Spirale der Gewalt kann sich ja nicht einfach so weiterdrehen. Es gibt immer eine Zeit danach. Und je schneller sie kommt, desto besser für diejenigen, die jetzt leiden müssen. Ziel der humanitären Hilfe ist, Leben zu retten und Leiden zu lindern. Dies ohne Rücksicht auf Rasse, Ethnie oder Religion. Humanitäre Hilfe ist unparteiisch. Wir leisten überall dort Unterstützung, wo es Opfer gibt.

Beobachter: Dank ihrer Neutralität konnte die Schweiz hier also einen kleinen, aber wichtigen ersten Schritt Richtung Frieden leisten.
Fust: Welche Rolle die Neutralität wirklich gespielt hat, ist schwer zu sagen. Doch sicher waren wir sehr gut positioniert. Die Schweiz steht ausserhalb der Konfliktparteien. Im Gegensatz zu den UN-Organisationen, die das Land nach Beginn der Bombardierungen verlassen mussten, waren wir in Serbien und Montenegro weiterhin tätig. Auch unsere 21 Anlaufstellen für Flüchtlinge aus dem Bosnienkrieg funktionieren alle noch. Und die jugoslawische Regierung kennt unsere Arbeit und unsere Prinzipien der humanitären Hilfe sehr gut. Das schafft Vertrauen.

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Beobachter: In den Flüchtlingslagern sind eine Zeitlang fast nur noch Frauen, Kinder und alte Menschen eingetroffen. Die jungen Männer fehlten. Nach Augenzeugenberichten wurden sie von serbischen Paramilitärs umgebracht. Bringt sich da die Schweiz nicht in einen Konflikt, wenn wir diese Regierung, die solche Greueltaten zu verantworten hat, unterstützen?
Fust: Mit humanitärer Hilfe unterstützen wir nie einen Staat oder eine Regierung. Unser Prinzip ist, humanitäre Hilfe überall dort zu leisten, wo die Opfer sie brauchen – und das ohne politische Vorbedingungen. Dieses Grundprinzip wurzelt in der langjährigen humanitären Tradition der Schweiz.

Beobachter: Als Sie Mitte April von Ihrer Mission aus Belgrad zurückkehrten, sagten Sie in einem Interview: «Längerfristig sind gute Ideen und gute Argumente mehr wert als riesige Arsenale von militärischen Mitteln.»
Fust: Davon bin ich immer noch überzeugt, ja.

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Beobachter: An den Verhandlungen zwischen Serben und Kosovaren im französischen Rambouillet, die den Nato-Bombardierungen vorausgegangen sind, haben aber alle guten Ideen und guten Argumente nichts genützt...
Fust: Aus heutiger Sicht ist an diesen Verhandlungen wohl einiges schiefgelaufen. Es ist ein grosses Risiko, wenn der zeitliche Rahmen für eine politische Lösung von vornherein festgelegt wird. Bei der Zusammenarbeit mit den Serben muss zudem immer ihre Interpretation von Ehre mit berücksichtigt werden.

Beobachter: Wollen Sie sagen, dass der Westen nicht an eine Verhandlungslösung geglaubt hat?
Fust: Ich will dem Westen den guten Willen nicht absprechen. Ich sage nur, dass die Voraussetzungen alles andere als «usual» für derartige Konfliktsituationen gewesen ist. Und das ist milde ausgedrückt.

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Beobachter: Was hätte anders laufen müssen?
Fust: Die Auseinandersetzung um das Kosovo ist ein innerstaatlicher Konflikt, wie übrigens der überwiegende Teil der heutigen Konflikte weltweit. Die Mechanismen aus der traditionellen Diplomatie sind eigentlich auf Konflikte zwischen Staaten ausgerichtet, kaum auf die Beilegung innerstaatlicher Streitigkeiten. Sollen Vermittlungsbemühungen zum Erfolg kommen, müssen die Innenpolitik, die Gesellschaftsentwicklung und die kulturellen Eigenheiten innerhalb eines Landes miteinbezogen werden. Da braucht es mehr als einfache Interessenwahrung der internationalen Politik. Da braucht es Vertrauen und Verständnis, Anteilnahme, Engagement und partizipative Lösungsansätze.

Beobachter: Politiker sind halt keine Entwicklungshelfer!
Fust: Trotzdem erstaunte mich der unmittelbare Ubergang von der Aussenpolitik zur militärischen Operation, ohne dass mit den humanitären Akteuren über die Folgen für die Bevölkerung gesprochen worden wäre.

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Beobachter: Das ist wirklich nicht geschehen?
Fust: Mir sind keine Absprachen bekannt. Sicher machten sich die Militärs auch Gedanken, was die Waffeneinsätze bewirken werden. Aber es gab keine vorbereitende Planung beispielsweise der Flüchtlingsströme mit dem UNHCR.

Beobachter: Ein schweizerischer Ansatz für humanitäre Hilfe in den Nachbarländern des Kosovo heisst «Cash for Shelter – Bargeld für Unterkunft». Was ist darunter zu verstehen?
Fust: Die Idee dabei ist, dass diejenigen Familien, die Vertriebene beherbergen, dafür eine Entschädigung erhalten.

Beobachter: Im Gegensatz zur Schweiz ist in Albanien die Gastfreundschaft etwas Selbstverständliches. Man gewährt sie, ohne Geld zu erwarten...
Fust: Alles hat seine Grenzen – auch in Albanien. Die Flüchtlinge reisen ja nicht in ein, zwei Monaten wieder ab. Kommt hinzu, dass es bereits Familien gibt, die sich verschulden mussten oder die sogar in die Kriminalität abgerutscht sind, weil sie sich die von ihrer Kultur geforderte Gastfreundschaft gar nicht mehr leisten konnten.

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Beobachter: Statt Geld könnten aber auch Nahrungsmittel abgegeben werden, wie dies für die Vertriebenen vorgesehen ist.
Fust: Das ist nicht überall sinnvoll. Mazedonien beispielsweise sitzt auf seinen landwirtschaftlichen Gütern, weil es sie nicht mehr nach Jugoslawien exportieren kann. Mit «Cash for Shelter» schaffen wir eine «triple-win»-Situation. Den Flüchtlingen ermöglichen wir eine feste Unterkunft. Das Geld, das die Gastfamilie erhält, kann sie für ihre Bedürfnisse einsetzen. Damit wird die Kaufkraft der Bevölkerung gestärkt. Und das wiederum kommt der lokalen Wirtschaft zugut.

Beobachter: Wie reagieren die internationalen Organisationen und die EU auf das Projekt?
Fust: Wenn «Cash for Shelter» funktioniert, will sich die EU finanziell daran beteiligen. Das UNHCR hingegen hat bisher an unserem Konzept keine grosse Freude gehabt. Ich finde es jedoch sinnvoller, auf die Selbständigkeit der Menschen zu bauen und sie in ihrer Würde zu stärken, als sie einfach durchzufüttern. Denn es ist hart, Nahrungspakete als milde Gaben entgegennehmen zu müssen. Um das festzustellen, muss man den Menschen nur in die Augen sehen.

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Beobachter: «Focus» und «Cash for Shelter» – die beiden Initiativen aus Ihrer Küche haben der Schweizer Unterstützungsarbeit im Konfliktgebiet Konturen gegeben.
Fust: Sie beweisen, dass mit guten Ideen auch ein kleines Land etwas bewegen kann. Ich glaube an die Kraft von Argumenten und nicht von militärischen Muskeln.