Auf die Person genau wissen wir, welchen Tribut Heroin, Kokain und Designerdrogen fordern: Die Opfer werden jedes Jahr peinlich genau gezählt, die Zahlen publiziert. Letztes Jahr starben 196 vorwiegend junge Menschen an den Folgen des Drogenkonsums. Auf diese Akribie verzichtet man bei den Opfern von Nikotin und Alkohol. Sie werden bloss geschätzt: Rund 8000 Menschen sterben Jahr für Jahr an übermässigem Zigarettenkonsum 40 Mal mehr als an harten Drogen. Rund 3500 Menschen pro Jahr bezahlen Alkoholmissbrauch mit dem Tod.

Die Zahlen provozieren keinen Aufschrei in der Öffentlichkeit. Weil uns die Raucher und Alkoholabhängigen weniger kosten? Irrtum. Die direkten Schäden des Alkoholmissbrauchs betragen rund drei Milliarden Franken. Fünf Milliarden Franken kostet der übermässige Tabakkonsum. Setzt man das Leid, das Erkrankung und vorzeitiger Tod verursachen, in Zahlen um, kommt man auf zehn Milliarden Franken.

Dagegen belaufen sich die Folgen des Konsums illegaler Drogen auf rund eine Milliarde Franken: 500 bis 600 Millionen Franken kostet allein die Repression, nur 40 bis 50 Millionen Franken bleiben für die Prävention. Doch weder Tote noch Milliardenbeträge bewirken, dass das Risiko des legalen Drogenkonsums realistisch eingeschätzt wird.

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Süchte bekämpfen und zugleich fördern

Eine realistische Gesundheitspolitik müsste in erster Linie auf die beiden grossen Todesrisiken Alkohol und Nikotin ausgerichtet sein. Das ist sie aber nicht. Zwar überspannt ein ganzes Netz von Fürsorge- und Entzugsstellen das Land. Doch der Prävention von legalen Drogen sind engere Grenzen gesetzt als jener der illegalen. Philippe Lehmann, Leiter der Sektion Prävention im Bundesamt für Gesundheit: «Die Widerstände sind beim Alkohol und beim Tabak viel grösser. Als Gegenspieler müssen wir mit der Industrie- und der Handelslobby rechnen. Bei Aids und Drogen gab es keine solchen Lobbys.»

Die Politik fördert den Alkoholismus indirekt sogar noch. Schnäpse aus dem Ausland sind billiger geworden, weil die Zölle gesenkt wurden. Der Konsum ist denn auch gestiegen. Zudem erleichtern die liberalisierten Ladenöffnungszeiten den Zugang zur Flasche.

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Zu den spezifischen Eigenheiten schweizerischer Politik gehört auch, dass Raucherinnen und Raucher den einheimischen Tabakanbau subventionieren, und zwar mit rund drei Rappen pro Zigarettenschachtel. Noch stossender ist, dass bei uns Kinder jeden Alters praktisch ungehindert Zigaretten kaufen können.

«Der Volksgesundheit wäre am besten gedient, wenn die Zigaretten verboten würden», meint Roland Stähli, Präventivbeauftragter des Kantons Zürich. Doch derartige Anstrengungen stehen nicht zur Diskussion: Auch in der Revision des Betäubungsmittelgesetzes, die sich derzeit in der Vernehmlassung befindet, sind Alkohol und Nikotin kein Thema.