Oben auf dem Wellenberg liegt Bäri vor der Alphütte und beisst in Steine. «Er spinnt», sagt der Senn und beobachtet seinen Hund fasziniert. Doch besser, Bäri beisst in Steine. Er könnte ja auch ins Gras beissen. Wegen des Atommülls. Aber der Senn hat keinen Sinn für solche Spässe. «Die andern regen mich noch mehr auf.» Die andern sind alle, die nicht für, sondern gegen ein Langzeitlager unter seinen Füssen sind. Er zerrt an der Schnur, die ihm anstelle des Gurts die Hose oben hält, und schaut über die Alp. Regenwasser schiesst den Hang herab und den Kälbern zwischen den Beinen hindurch. Jetzt jault der Hund. Blutiger Speichel tropft ins Gras. 800 Meter weiter unten, verschwommen im Wolkendunst, liegt Wolfenschiessen. Die Dächer glänzen regennass, links und rechts drücken Bergflanken. Cars rollen ohne zu halten durchs Strassendorf; sie kommen von Engelberg, wo man Englisch versteht. In der Papeterie Lindinger vergilben Postkarten vom «Parkhotel», das einmal hier stand und Pracht verströmte. Das Dancing heisst «Happy Day» und öffnet um 16 Uhr. Bei der 70-jährigen Coiffeuse im Salon «Frohsinn» kostet der Haarschnitt 20 Franken, Lebensgeschichte inklusive. Im Schaufenster des Glockengeschäfts stehen Treicheln mit bestickten Lederbändern. Auf einer heisst es: «Für Mami und Dädi, von Eurem Sohn.»

Hilfe vom Indianerhäuptling
Ein Jahr vor der zweiten Abstimmung über das Atommülllager im Wellenberg halten sich in Wolfenschiessen die Sensationen des Alltags in Grenzen. Seit 1986 beschäftigt das Projekt die Gemeinde, davon zu sehen ist nichts. Noch immer steht der Berg unberührt. Einzig bei der Kapelle Bettelrüti, auf halbem Weg zwischen Alp und Tal, liegen zwei verrostete Vermessungsstangen im Wald. Hier soll eines Tages der Abluftkamin der unterirdischen Anlage aus dem Berg stossen. Aber das weiss nur, wer zufällig davon hört.

Unten an der Hauptstrasse, eine halbe Stunde Fussmarsch Richtung Engelberg, wird der Stollen in den Berg führen. 1995, vor der ersten Abstimmung, hatten die Gegner die Einfahrt markiert. Sie hatten auch das gelbschwarze Zeichen für Radioaktivität angebracht, aber es wurde bald wieder weggerissen. Heute steht da nur dichtes Unterholz. Langläufer rollen auf beräderten Skiern vorbei. Sie schauen weder nach links noch nach rechts.

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Es war eine denkwürdige Abstimmung. Am 25. Juni 1995 lehnte der Kanton Nidwalden mit 9356 zu 8679 Stimmen das Gesuch der Nagra ab, im Wellenberg ein Lager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle zu bauen. Die Gegner hatten sich gegen die Regierung, gegen die allmächtige CVP, gegen den Landrat und die Gemeindebehörden von Wolfenschiessen durchgesetzt. Vielleicht hatte es genützt, dass kurz vor dem Urnengang Rex Tilousi, Stammesvater der Havasupai-Indianer, aus Arizona gekommen war und seine Verbundenheit mit den Betroffenen betont hatte; der Hausberg der Havasupai sollte ebenfalls dem Atomgott geopfert werden.

Dämpfer nach dem Sieg
Die Ereignisse nach dem Sieg kann Pius Frey, Friedensrichter in Wolfenschiessen und Mitglied der AKW, der Arbeitsgruppe Kritisches Wolfenschiessen, jedoch bis heute nicht recht verstehen. Denn ungeachtet des Volkswillens kam aus Bern die Nachricht, das Atommülllager im Wellenberg sei nicht vom Tisch. Frey, bis hinunter zu den Birkenstock-Sandalen in Schwarz gekleidet, lehnt sich zurück und verschränkt die Hände hinter dem Kopf: «Es hiess, es handle sich um eine nationale Aufgabe. Und wir sollten sie übernehmen.»

Nun ist es so weit. Die Genossenschaft für nukleare Entsorgung Wellenberg (GNW) wird ein neues Gesuch einreichen, das dann wieder vors Volk soll. Frey zieht die Augenbrauen hoch. Was soll er tun? Das überarbeitete Konzept ist viel besser, daran gibt es nichts zu rütteln. «Dank uns, den Gegnern. Und dank Moritz Leuenberger – wehe, das Departement Couchepin hätte das Thema bearbeitet!» Aber damit ist auch der Widerstand schwieriger geworden.

Werbung beruhigt
Was die GNW plant, lässt sich nahe beim geplanten Stolleneingang in Ruhe studieren: Hier, am Ufer der Engelberger Aa, hat der Verkehrsverein Wolfenschiessen eine Sitzbank hingestellt. Hier also wird die rote Lok der Schmalspurbahn Luzern–Stans–Engelberg aufs Sondergleis geleitet, nachdem die Container mit dem radioaktiven Abfall quer durchs Land nach Wolfenschiessen gekommen sind. Allerdings kann die Lokomotive nicht einfach in die Flanke des grünen Bergs fahren. Als erstes werden die Dokumente kontrolliert, und ein Mitarbeiter führt Wischtests durch, um radioaktiven Staub auf den Containern aufzuspüren. Erst dann rollen die Behälter in die Eingeweide des Wellenbergs: 1,5 Kilometer tief. Das ist weit weg. Diese Informationen finden sich auf einer Compact Disc des Paul-Haupt-Verlags, erhältlich bei der GNW und in jeder guten Buchhandlung. Überschrift: «Stein und Wasser». Eigentlich als Lehrmittel zum Thema Erdkunde gedacht, nützt die Genossenschaft die CD, um ihre Ideen auszubreiten. Das darf sie, denn sie hat die Scheibe gesponsert und auch «wissenschaftlich begleitet», so heisst es auf dem Umschlag. Trickfilme zeigen, wie die Lok in den Berg fährt und die Container gelagert werden. Alles ist sicher. Wer trotzdem noch Angst hat, hat nichts verstanden.

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Auf der CD stellt die Genossenschaft auch ihr überarbeitetes Lagerkonzept für den Wellenberg vor. Neu ist die Absicht, die gefüllten Kavernen nicht mehr sofort mit Beton zu verschliessen, sondern über mindestens 100 Jahre zugänglich zu halten. Das Lager bleibt somit kontrollierbar, die radioaktiven Abfälle lassen sich überwachen, und die Container können notfalls wieder aus dem Berg herausgeholt werden – eine der zentralsten Forderungen der Gegner. «Das ist wirklich ein Fortschritt», sagt Friedensrichter Pius Frey. «Plötzlich geht, was während Jahren absolut unmöglich war.»

Armin Murer ist Mitglied der GNW-Geschäftsleitung und Bauingenieur. Einquartiert im ersten Stock der Dorfmetzgerei, auf mehreren hundert Quadratmetern Fläche, gibt sich Murer bereits heute zuversichtlich. Im Vortragssaal präsentiert er Schützenvereinen und Schulklassen Folien über das geplante Lager.

Abstimmung auf Nummer sicher
Die Sicherheit, sagt er, «ist das Wichtigste und darf nie ein Problem sein». Natürlich ist sie gewährleistet, denn nie und nimmer können diese radioaktiven «Nuklidli» aus dem Berg hinaus. Auch die wenigen «Wässerli» im Berg drinnen, die diese Nuklide hinausschwemmen könnten, sind keine Gefahr, weil sie im Berg gefangen sind. Überhaupt, das Thema Gefahr beschäftigt vor allem die Frauen, hat Murer inzwischen gelernt. Männer sind ganz anders: «Männer stehen im Berufsleben, sie haben nicht so viele Emotionen.»

Doch diesmal will die GNW ganz sicher gehen. Ein zweites Mal zu verlieren, kann sich die Genossenschaft nicht leisten, das weiss auch Armin Murer. Deshalb ist das Vorhaben nun aufgeteilt. In einem ersten Urnengang soll nur über einen Sondierstollen befunden werden, mit dessen Hilfe das Innere des Bergs erkundet und seine Tauglichkeit für ein Langzeitlager abgeklärt werden kann. Über das eigentliche Lager mit den Kavernen wird erst später abgestimmt. Murer legt seine liebste Folie auf, das Resultat einer Meinungsumfrage kurz nach der Abstimmung von 1995: «60 Prozent hätten bereits damals einem etappierten Vorgehen zugestimmt!»

Der Berg ist unberechenbar
Wenige 100 Meter vom Stolleneingang entfernt, auf dem Hof Münchmatt, wohnt Hanspeter Niederberger. «Fast neben dem Loch.» Seine Augen sind so blau wie das Barchenthemd, grün sind die Hände vom frisch gemähten Gras. Niederberger ist am Füttern, er gehört zu den Gegnern der ersten Stunde. «Ich bin keiner, der nur Nein sagt. Aber keiner weiss, was der Berg in den nächsten paar hundert Jahren tut. Und keiner weiss, wie sich radioaktive Abfälle über so lange Zeit verhalten. Wir haben keine Erfahrung damit!» Der Bauer geht im Kreis, den Blick auf den Boden gerichtet. «Und was ist mit dem Wasser? Wir leben auf einem Trinkwasserreservoir.» Was ist, wenn da irgendetwas passiert? Er bleibt stehen. Musik klingt aus dem Stall.

Gemeinde braucht Geld
Der Weg zurück nach Wolfenschiessen führt entlang der schäumenden Engelberger Aa. Saftiges Gras steht auf den Wiesen. Von den Bergen herab sirren an Transportseilen Milchkannen und Heuballen. Wie war das mit dem Wasser? Guido Portmann, Chef des Nidwaldner Amts für Umweltschutz, sagt dazu Folgendes: Das Tal der Engelberger Aa ist «das Herzstück unserer Wasserversorgung. Das Wasser ist von perfekter Qualität und kann ohne Aufbereitung getrunken werden.»

Leckt das Lager im Wellenberg, können die Nuklide über unterirdische Verbindungen in das Grundwasser gelangen. «Wenn hier etwas passiert, ist nicht nur die Region, sondern die ganze Zentralschweiz betroffen.» Portmann fährt mit dem Finger über die Landkarte des Vierwaldstättersees. Und von der Möglichkeit einer Katastrophe müsse man ausgehen, das erfordere die Verantwortung. «Aber keinesfalls will ich so etwas heraufbeschwören.» Die Erforschung der Grundwasserströme beginnt allerdings erst jetzt, und mit Resultaten sei in drei, vier Jahren zu rechnen. Warum wartet man nicht bis dann mit der nächsten Abstimmung? Die Frage bleibt im Raum stehen. Ein Jahr vor dem neuen Urnengang fehlen dem Leben in Wolfenschiessen nicht nur die Sensationen. Der ewige Regen verscheucht die Touristen, die Gemeinde hat zu wenig Steuergelder und muss den Finanzausgleich beanspruchen. Und «Lothar» hat die Holzpreise so gedrückt, dass die Bauern die verdrehten Stämme lieber an den Berghängen liegen lassen würden. Aber da ist trotzdem diese Herzlichkeit! Dem Gruss auf der Strasse folgt ein Lachen, das so breit ist wie die Zähne der weissen Schneeberge über den Köpfen der Einheimischen. Unverhofft folgt eine Einladung zu Kartoffelsalat und Wurst, die Diskussionen über das Lager erfolgen ohne Zorn (zumindest meistens), und dazu gibt es ein Glas frische Milch.

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Jene Einwohner, die ihre Meinung laut zu sagen trauen, befürworten das Vorhaben mehrheitlich. Die andern, die aufgrund ihrer ablehnenden Haltung um ihre Existenz fürchten müssen, finden nur im Stillen Worte. Garagist und Landmaschinenmechaniker Walter Odermatt: «Irgendwohin müssen wir mit der Ware. Das Projekt ist eine gute Sache.» Gody Näpflin, Milchtransporteur und Mitglied des Gemeinde-Krisenstabs: «Wir haben die Abfälle produziert, jetzt müssen wir sie auch loswerden.» Carl Zanon, als Elektroingenieur einst für die Waffensysteme der Mirage verantwortlich: «Das Projekt ist wie ein faules Rüebli. Auch wenn man es schält, wird es nicht besser.» Martin Zimmermann, Inhaber der Flugschule Titlis: «Es gibt gefährlichere Dinge als das Lager hier. Aber die Kavernen müssen zugänglich bleiben.» Und C.A. wettert: «Das Ganze ist ein dreckiges Geschäft, und niemand fragt danach, wie es unsern Kindern einmal gehen wird.»

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Gutgläubige Behörde
Gegenüber der Pfarrkirche «Maria Geburt», 1777 eingeweiht, steht das Gemeindehaus. Im Sitzungsraum wartet Margrit Kopp. Sie ist die Gemeindepräsidentin, gekleidet in ein lindgrünes Deuxpièces. Neben ihr sitzt Hans Christen, Vizepräsident des Gemeinderats und Bergbauer. An der Wand hängt Jesus am Kreuz.

«Wir sind für den Sondierstollen», sagt Margrit Kopp und macht damit den offiziellen Standpunkt gleich klar. Dass ein Thema noch einmal zur Abstimmung komme, sei «kein Novum», und der Gemeinderat habe «volles Vertrauen in die schweizerischen Sicherheitsstandards». Margrit Kopp hat die Hände gefaltet, und es gibt keinen Grund, an ihrer Überzeugung zu zweifeln.

Sie will das Beste für die Gemeinde. Das heisst neben einem sicheren Lager auch jene Gelder, die die GNW zahlen will: Sechs Millionen soll die Region pro Jahr erhalten. «Wir haben noch einige Pendenzen im Bereich der Infrastruktur.» Es gibt also Geld gegen Gefahr? Margrit Kopp würde das nicht so sagen: «Es ist eine Entschädigung. Wir übernehmen, was andere nicht wollen.»

So sieht das auch Vizepräsident Christen. «Zwei Sattelschlepper, die im Gotthardtunnel aufeinander zusteuern, sind ein ebenso grosses Risiko.» Christen ist überzeugt von der Sicherheit des Bergs: «Der Wellenberg ist wie ein vakuumierter Cervelat. Weil im Innern ein Unterdruck herrscht, kann nichts hinaus; Wasser kann nur hinein.» Christen greift zur Schnupftabakdose und zieht eine Prise hoch.

Quillt das Gestein, droht Gefahr
Wenig später ist am Sitz der Regierung in Stans zu vernehmen, dass der Berg vielleicht doch nicht so sicher ist: Theoretisch kann zwar tatsächlich kein Wasser aus dem Berg. Doch nach einem Wassereinbruch beginnt das Gestein zu quellen, es entsteht Druck auf Hohlräume. Das hat sich Anfang dieses Jahres im Seelisberg gezeigt: Seit Eröffnung des Tunnels hebt sich die Sohle des Tunnels. Jetzt musste die Fahrbahn neu verankert werden, um der starken Bewegung des Bergs entgegenzuwirken.

Was geschieht, wenn der Wellenberg eines Tages die Container mit den radioaktiven Abfällen zusammenzudrücken beginnt? 500 Jahre dauert die Halbwertszeit des grössten Teils des Atommülls, der in den Wellenberg soll. Aber es wird auch Spuren von Plutonium geben – Halbwertszeit vier Milliarden Jahre. Was, wenn der Berg sie herauspresst?

Die Frage geht an die Dorfjugend, die nach Mitternacht vor dem Eingang des Dorfdancings Happy Day steht. Die jungen Frauen wissen nicht so recht, was sie sagen sollen. Bergdruck? Kavernen? Eben sassen sie noch an der Bar. Der DJ legte Alanis Morisette auf, sie warfen die Arme in die Höhe und sangen begeistert mit. Als das Stück zu Ende war, bestellten sie noch eine Runde Red Bull mit irgendetwas drin. Von der Street-Parade war die Rede, aber wer fährt schon so weit? «Nein», sagen sie schliesslich, «eigentlich haben wir keine Meinung.» Das Thema interessiert sie nicht, und überhaupt: «Das ist doch Sache der Erwachsenen.»