An der Winkelriedstrasse im Stadion Altenburg, in dem einst die Nationalliga-A-Mannschaft FC Wettingen gespielt hat, macht sich langsam Moos breit. Hinter dem Tor gibt ein Loch im Eternit-Sichtschutz den Blick auf das Spielfeld frei. Über Kasse eins, Tribüne Nord/Stehplätze prangen dunkle Flecken an der Wand. Äste eines Strauchs hängen in den Eingangsbereich. Der FC Wettingen machte Anfang der 1990er Jahre Konkurs und verschwand von der nationalen Bildfläche. Der Nachfolgeklub Wettingen 93 spielt heute in der zweiten Liga, kommt dort aber nicht mehr über eine durchschnittliche Leistung hinaus und versucht, den Anschluss ans Mittelfeld der Tabelle zu halten.

Dabei trat der FC Wettingen 1989 gar im Uefa-Cup gegen Napoli mit dem damals weltbesten Fussballer, Diego Armando Maradona, an. Auch wenn der Klub für das Spitzenspiel in den Zürcher Letzigrund ausweichen musste, erinnert man sich in Wettingen heute noch daran, als ob es gestern gewesen wäre.

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Heute spielt der FC Wettingen in der zweiten Liga: Stadion Altenburg


Auch der Bahnhof hat schon bessere Zeiten gesehen. Die S-Bahn hält kurz, nur wenige steigen ein, noch weniger aus. Eine Krankenkasse wirbt dafür, die Versicherung jetzt neu aufzugleisen. Das Plakat ist extra langgezogen, damit die Botschaft bei denjenigen ankommt, die durchreisen. Der frisch abgespritzte Boden der Unterführung glänzt noch dunkel. Die Storen des Bahnhofgebäudes sind gegen alle Himmelsrichtungen heruntergelassen. Auf den übrigen Fenstern verdeckt Werbefolie die Sicht ins Innere. Fahrschule C & C Moto Plus, «die Fahrschule mit Pep». Gestört wird die Ruhe nur durch das unaufhörliche Rauschen der Autobahn A1, die in der Nähe im Bareggtunnel verschwindet.

Gut versteckt bei den parkierten Velos der Pendlerinnen und Pendler, informiert eine Tafel: «Wettingen war einer der ersten elektrifizierten Bahnhöfe der Schweiz. Zwischen 1907 und 1909 testete die Maschinenfabrik Oerlikon den elektrischen Bahnbetrieb.» Kein Taxi wartet, kein Reisender ist mit Koffer unterwegs, keiner wird abgeholt. Der nächste Zug fährt in 21 Minuten. Es ist kurz vor Mittag an einem gewöhnlichen Werktag am Bahnhof des grössten Orts im Kanton Aargau.

Jeder Vierte ist Ausländer
19'415 Menschen leben hier, Tendenz steigend. Der Steuerfuss ist attraktiv tief, in den letzten Jahren weiter sinkend, die Hälfte der Bevölkerung katholisch. Jeder vierte Einwohner hat einen ausländischen Pass. Wettingen ist die Deutschschweizer Durchschnittsgemeinde. Zumindest kam die Gemeinde bei den Nationalratswahlen dem eidgenössischen Resultat am nächsten. SVP: 29,5 Prozent, SP: 21,1 Prozent, FDP: 13,0 Prozent, CVP: 16,9 Prozent, Grüne: 8,9 Prozent. Schweizerische Volkspartei und Grüne konnten auch hier zulegen. Sozusagen eine Standardgemeinde, für die sich Heiner Studer als Reiseführer geradezu anbietet. Der 59-jährige Politiker hat nicht nur Zeit seines Lebens in Wettingen gewohnt, er politisiert auch in der Mitte. Bis vor kurzem sass er als Mitglied der Evangelischen Volkspartei im Nationalrat. Diesen Herbst schaffte er die Wiederwahl knapp nicht mehr.

Seit 22 Jahren ist Studer Mitglied des Wettinger Gemeinderats. Inzwischen bekleidet er das Amt des Vizeammanns, das zweithöchste Amt der kommunalen Exekutive. «Kein geschenktes Amt, sondern eine Kampfwahl», betont er. Er reist viel, soeben ist er als Wahlbegleiter aus Venezuela zurückgekehrt, aber seit bald 60 Jahren wohnt er in Wettingen in seinem Elternhaus. Er gönnte sich und seiner Frau nur einen Abstecher in eine Dachwohnung. «Es hat mich nicht um jeden Preis zurückgezogen.» Doch inzwischen lebt er mit seiner norwegischen Ehefrau, die er an einem Kongress für christliche Jungpolitiker kennengelernt hatte, und seinem kenianischen Schwiegersohn gerne hier und identifiziert sich mit der Gemeinde.

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In Wettingen landet man
Kaum einer, der hier wohnt, will sich für Wettingen entschieden haben. Standardargument ist die gute Verkehrslage und die Nähe zu den beiden wichtigsten Arbeitsorten und kulturellen Zentren Zürich und Baden. «Viele erklären beim Neuzuzüger-Apéro, sie hätten eigentlich nicht nach Wettingen ziehen wollen, seien schliesslich aber doch hier gelandet», sagt Heiner Studer. Vor allem sind die Wohnungen günstiger als in den beiden Städten.

Studers Grossvater kam 1915 in den Ort an der Limmat. Er arbeitete wie so viele ein Leben lang als Schlosser für die damalige Brown, Boveri & Cie. Mit der BBC in Baden wuchs auch Wettingen als Schlafstadt für die Arbeiter und Angestellten. Ende der achtziger Jahre kommt dann die grosse Krise. Tausende von Arbeitsplätzen verschwinden bei der BBC, etwas später auch die alten Arbeiterblöcke mit ihren engen Vierzimmerwohnungen. Stehen bleiben nur die solider gebauten Wohnungen der Angestellten wie das sogenannte Beamtenhaus. Aufgerüstet mit weitläufigen Balkonen, behauptet es sich heute zwischen Neubauten. Getrennte Quartiere für Angestellte, Arbeiter oder Ausländer gibt es nicht mehr. Geblieben ist bis heute das italienische Konsulat. «Consolato d’ltalia», zeigt ein weisser Wegweiser auf einen Hinterhof. Eingepfercht zwischen Stellenvermittlungsbüro und einer Verteilerfirma für Direktwerbung, hat sich die italienische Flagge um die Fahnenstange gewickelt. Die Italiener stellen in Wettingen mit über 1000 Personen noch immer die grösste Gruppe der Ausländer.

Wer in den Quartierstrassen zwischen Bahnhof und Stadion unterwegs ist, trägt prall gefüllte Plastikeinkaufstaschen mit sich oder führt einen Hund an der Leine, an der auch gleich das Robidog-Säckchen festgezurrt ist. Keiner schlendert oder flaniert. Mitten im Wohngebiet sind überall Gewerbebetriebe verstreut: eine Änderungsschneiderei, ein Geschäft für «Mietzinssicherheit ohne Depot» und immer wieder Reisebüros für alle, die wegwollen, und Coiffeurgeschäfte für all diejenigen, die ausharren, sich aber wenigstens eine neue Frisur leisten. «Die Infrastrukturkosten sind hier viel günstiger als im Gewerbegebiet, überleben können aber nur Fachgeschäfte», erklärt Studer.

Der Weg vom Bahnhof zum Rathaus führt vorbei am allerersten Kreisel im Kanton Aargau. Studers Vater erhob damals noch Einsprache, weil er fürchtete, als Velofahrer unter die Räder zu kommen. Der Kreisel wurde daraufhin angepasst. Sein Siegeszug war nicht mehr aufzuhalten, nachdem er in Wettingen, zwischen Zentral- und Alberich-Zwyssig-Strasse, funktioniert hatte. Alberich Zwyssig - das war der Pater, der im Wettinger Kloster bis zur Schliessung im Jahr 1841 lebte und die Schweizer Nationalhymne komponierte.

Rund ums Rathaus ist Wettingen vielleicht am meisten Stadt, denn unmittelbar neben dem Kreisel stehen Hochhäuser, 17 Etagen. 108 Briefkästen verteilen sich auf drei Wände. Bürgin und Merkli neben Nocic und Cappelletti. An der Tür ein kopierter Brief: «Es werden erneut Teppiche ausserhalb der Wohnung gewaschen. Dies ist bei uns nicht üblich und wirkt störend.» Doch das städtische Flair rund um das Rathaus ist untypisch. Die Bewohner werden von den Einheimischen denn auch als «Hochhüsler» bezeichnet. Exoten.

26-07-Wettingen02.jpgHochhausbewohner gelten hier als Exoten und heissen «Hochhüsler»: Sicht vom Rathaus auf die Lägern


Sie wohnen gegenüber dem streng symmetrischen Rathaus mit ausladendem, leerem Platz. «Hoi. Habt ihr heute Sitzung?», grüsst Studer einen Bekannten. An der Bushaltestelle «Rathaus» erkennt den Vizeammann dann keiner. Man kann in Wettingen leben wie in einer dörflichen Gemeinschaft oder den Ort völlig anonym als Schlafstadt nutzen. Doch als eigentliche Stadt gilt Wettingen trotz fast 20'000 Einwohnern nicht. Es ist zwar im Städteverband organisiert, doch die Exekutive nennt sich Gemeinde-, nicht Stadtrat. «Wettingen sollte sich Stadt nennen. Denn ein Dorf sind wir definitiv nicht mehr», findet allerdings Studer.

Seit kurzem gönnt sich Wettingen, der Ort ohne eigentliches Zentrum, den Zentrumsplatz. Ein paar Weihnachtsbäumchen stehen verloren auf dem Kopfsteinpflaster. Zum Sitzen hat es ein paar wenige Bänke, auf denen sich Jugendliche gegenseitig langweilen.

«Gefällt lhnen dieser Zentrumsplatz, Herr Studer?»
«Die Frage ist doch: Was hätten wir sonst aus dem Platz machen sollen?»
«Ihnen gefällt er also?»
«Jetzt muss der Handels- und Gewerbeverein den Platz noch beleben.»
«Ist der Platz vielleicht typisch, weil er so spektakulär unspektakulär ist?»
«Dass wir in Wettingen in vielen Dingen im Durchschnitt liegen, kann man als langweilig empfinden, hat aber den grossen Vorteil, dass die Leute sehr tolerant sind», sagt Studer.

Vielleicht ist das eigentliche Zentrum auch die Durchgangsstrasse nach Baden, die Landstrasse. Erst säumen Tankstellen die Einkaufsmeile, später lockt das «Café Bistro 52» mit Kalbsleberli und Rösti zu 14 Franken 50. Die halbe Portion zu 11.50. Der Verkehr ist so dicht, dass sich selbst Raser an das Tempolimit halten müssen. Neu eingezogen im Shoppingcenter «Landstrasse 99» ist der Discounter Aldi, der sich im Rekordtempo in der Schweiz breitgemacht hat. «Hier entsteht eine neue Filiale», verkündet ein Transparent, das hoch über den Köpfen im Wind hin- und herschaukelt. Niemand nimmt davon Notiz. Noch ein Discounter halt. Es scheint, als hätten die Leute auch nicht mehr erwartet, hier in Wettingen.

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