Golubic, das heisst auf deutsch Täubchen. Der Name passt gut zum idyllischen Dorf am Fluss. Haus um Haus reiht sich an der Hauptstrasse, hinter den Steinmauern Gemüsegärten und Obstbäume. Und am Dorfrand Äcker und Felder bis hin zum Ufer der Una. «Hier konnten wir gut und in Frieden leben», sagt der Dorfschreiner Stipe.

Doch das ist längst vorbei. Der Krieg in Bosnien verwandelte Golubic in ein Geisterdorf. Alle Häuser sind zerschossen, rauchgeschwärzte Ruinen ragen in den Himmel, Granaten schlugen mannshohe Löcher in die Mauern. Die Kirsch- und Nussbäume sind zu Skeletten verkohlt. Wo einst Gärten blühten, liegt jetzt knietief Schutt.

Auf Krücken gestützt, steht Nada, Mutter von drei Kindern, vor ihrem zerstörten Haus. Nur die Grundmauern und die Decke der Küche stehen noch. Nada und ihre Familie haben alles verloren. Das Gesicht der gut dreissigjährigen Frau mit den dunklen Augen ist ausgemergelt. Wenn sie an den 16. Juni 1992 denkt, steigt Zorn auf und die immer gleiche Frage: Warum, warum, warum?

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So brutal ist der Krieg
An jenem Dienstag nahmen Einheiten der bosnischen Serben aus ihren Artillerie- und Minenwerferstellungen Golubic unter Feuer. Ihr Kriegsziel: die umzingelte Ebene von Bihac ganz zu erobern.

Schutzlos war das Dorf dem Geschosshagel ausgeliefert. Alle Einwohnerinnen und Einwohner flüchteten Richtung Bihac, mit ihnen auch Nada und ihre Kinder. Sie retteten nur ihr nacktes Leben. Siebzig Dorfbewohnern gelang nicht einmal das; sie überlebten den mörderischen Angriff nicht.

Seit drei Jahren leben Nada und die andern Dorfbewohner in Bihac und Umgebung. Sie fanden bei Verwandten oder in engen Notwohnungen Unterschlupf. Vielen brachte der Krieg auch dort neues Leid. Brüder, Schwäger und Ehemänner kamen bei der Verteidigung der Enklave ums Leben, auf Bihac selber fielen immer wieder Granaten.

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So auch am 31. August 1993, mittags 12.05 Uhr. In einer Strasse von Bihac wartete Nada auf ihren ältesten Buben Gordan. Plötzlich ein Pfeifen und Dröhnen in der Luft, dann ein fürchterliches Krachen. Wie von einer unsichtbaren Faust wurde die Mutter zu Boden geschleudert. Ihr linkes Bein war von Granatsplittern zerfetzt, das rechte schwer verletzt.

In einer Notoperation amputierte der Chirurg des Spitals von Bihac das eine Bein oberhalb des Knies, das andere flickte er, so gut es ging, zusammen. Kriegschirurgie.

Seither humpelt Nada an zwei Krücken. Das Bein mit der notdürftig angepassten Prothese knickt beim Laufen immer wieder auf die Seite. Der noch verbliebene Oberschenkelstumpf ist wundgescheuert. Jeder Schritt ist eine Qual. Nachts liegt Nada oft gepeinigt im Bett. Sie spürt immer noch das vor über zwei Jahren amputierte Bein. Phantomschmerzen.

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Für die leidgeprüfte Frau geht das Leben trotzdem weiter. Vor sechs Monaten kam Anna, die kleine Nachzüglerin, zur Welt. Das gab Nada neuen Lebensmut. Sie weiss: «Wir wollen zurück nach Golubic, dort gehören wir hin.» Ihr Mann nickt. Er ist Bauarbeiter. Wenn nur Geld und Material da wären!

Ein Dorf steht vor dem Nichts
Zurückkehren, aufbauen, ihr Dorf beleben. Das möchten die Menschen von Golubic alle. Als der Beobachter sich an Ort und Stelle umsah, kehrten sie für einige Stunden in ihr zerstörtes Geisterdorf zurück. Sie kamen zu Fuss, auf Pferdewagen, mit Velos und auf Traktoren. Jemand hatte sogar einen Bus organisiert.

Und jetzt warten die Menschen vor ihren Ruinen auf den Caritas-Delegierten Peter Amhof und die beiden Abgesandten des Beobachters. Sie möchten ihre Situation erklären, sagen, dass sie diesen Krieg, der ihnen alles nahm, nicht wollten.

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Ja, vor dem Krieg: Da war Golubic mit seinen 700 Einwohnern in 170 Häusern ein Musterdorf. Wasserversorgung, Elektrizität, Telefon, eine Busverbindung zum fünf Kilometer entfernten Bihac.

Im Dorf gab es einige Werkstätten, drei Lebensmittelläden und zwei kleine Restaurants. Ein Teil der Bewohner arbeitete in der Landwirtschaft, die Mehrzahl war in Betrieben rund um Bihac beschäftigt. «Abends kehrten wir heim, pflegten den Garten und den kleinen Hof. So hatten wir immer genug zu essen, und zwar gesundes Essen aus unserer Erde», sagt Stipe stolz.

Nur eines konnte der Krieg nicht zerstören: die Toleranz und das gute Zusammenleben zwischen den beiden Religionen. «60 Prozent hier sind Muslime, 40 Prozent Katholiken. Wir hatten nie Streit miteinander», betont der 72jährige Muslim Muhare.

Mit seiner grossen Familie steht der alte Mann im Hof des kleinen Bauernbetriebs. Vor dem Krieg hielten sie einige Kühe und Schafe. Die Familie zog Gemüse, Obst, Mais und Weizen. Das reichte für ein bescheidenes Leben. Uberschüsse konnten sie auf dem Markt verkaufen. Jetzt haben sie nichts mehr, auch keine Arbeit. Der Staat kann den Menschen höchstens Uberlebenshilfe bieten: 40 Franken pro Monat für eine Familie, das reicht nicht einmal fürs Allernotwendigste.

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Seit der Flucht lebt Muhares Familie in einer Notwohnung in Bihac. Der Beobachter hat sich dort umgesehen. Zwei kleine Zimmer, eine Küche mit einem rauchenden provisorischen Kochherd. Im Gang ein Korb: Darin sitzt geduldig ein braunes Huhn. Vor dem Korb ein Plastikbecher mit Wasser und ein Futternapf mit Mais. Die Eier der braven Henne sind für den zwölfjährigen Amur reserviert.

Kein Geld für kranken Amur
In der Küche, wo es am wärmsten ist, liegt Amur in seinem Bett. Er ist schwerstbehindert und sieht aus wie ein Fünfjähriger. Sein Gesicht ist bleich, die braunen Augen schauen weit in die Ferne. Amur wippt mit dem Kopf hin und her, mitunter schütteln Krämpfe seinen Körper. Die Familie hat kein Geld, um den Buben gründlich untersuchen zu lassen und eine Therapie einzuleiten.

«Mit Gottes Hilfe wollen wir bald hierher nach Golubic zurückkehren und für uns selber sorgen. Hier ginge es auch dem Kind besser», hofft die Grossmutter.

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Einen Gemüsegarten hat auch Katarina, Mutter von fünf Kindern. Ihr Haus steht auf einer sanften Anhöhe unterhalb der katholischen Kapelle. Es ist von Granaten schwer getroffen. In einem Anbau hatte ihr Mann Slavko, der angesehene Dorfschmied, eine Werkstätte eingerichtet. Das Gebäude ist nur wenig beschädigt, aber alle Maschinen und Werkzeuge sind weg. Und was am schlimmsten ist: Seit Juni 1992 ist Katarinas Mann spurlos verschwunden. «Die Serben hatten damals ihre Linien hier vor dem Dorf», erzählt sie. «Mein Mann glaubte immer an eine friedliche Lösung des Konflikts. Schliesslich hatten früher in Jugoslawien Serben, Kroaten und Muslime friedlich zusammengelebt. Als Zivilist wagte er sich bis zu den Serben vor, um mit ihnen zu reden.» Das war am 12. Juni. Slavko kehrte nie mehr zurück.

Katarina und ihre Kinder wollen so rasch wie möglich nach Golubic heimkehren, auch wenn sie die Hoffnung aufgegeben haben, Slavko lebend wiederzusehen. Wenigstens lebt die Familientradition weiter; ein Sohn lernt Schmied. Beim Wiederaufbau des Dorfes wird die Schmiedewerkstätte gute Dienste leisten. «Hier können wir unser erstes Lager mit Werkzeugen und Material einrichten», hoffen Dorfsprecher Stipe und der Caritas-Delegierte Peter Amhof.

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Auf der Strasse vor dem zerstörten Schulhaus haben sich die Kinder und einige Jugendliche von Golubic versammelt. Sie plaudern, lachen und möchten sich fotografieren lassen. Der triste Anblick des Dorfes kann ihren Optimismus nicht dämpfen.

Einzig der vierzehnjährige Zlatan hält sich scheu im Hintergrund. Er erlitt bei einem Granatangriff auf Bihac schwerste Bauchverletzungen. Granatsplitter haben sein linkes Auge zerstört.

Trotz bitterer Armut halten die Männer und Frauen von Golubic ihre traditionelle Gastfreundschaft hoch. In windgeschützten Ecken, in den Trümmern einer Garage oder im Keller haben sie auf provisorischen Holzöfen Kaffee gekocht. Stipe, der von Haus zu Haus eilt und die Leute aufmuntert, treibt sogar etwas Wurst, Speck und Schinken auf. Ein Dorfbewohner bringt eine Flasche selbstgebrannten Pflaumenschnaps. «Die wurde vor dem Krieg abgefüllt; jetzt stossen wir auf die Zukunft an», sagt er. Die Stimmung lockert sich.

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Eine gute Stunde später löscht die Wirklichkeit jedes Lächeln aus. Auf dem muslimischen Friedhof wird der 21jährige Dragan beerdigt. Zwei Tage vorher war er zusammen mit seinem Vater in den Wald gefahren, um Holz zu holen. Nur eine Handbreit wich der Traktor von der vereisten Spur ab. Eine Mine explodierte. Der junge Mann war sofort tot, sein Vater leicht verletzt.

Vom zerstörten Haus der Familie aus formiert sich die lange Prozession der Dorfbewohner. Gemeinsam folgen Muslime und Christen dem Sarg. Frauen weinen; vor den Ruinen der Moschee beten Christen und Muslime gemeinsam. «Vor Gott sind alle gleich», sagt Stipe. Und das soll auch so bleiben.

Trotz Tod, Zerstörung und Armut: Die allermeisten Einwohner von Golubic glauben an die Zukunft. Stunden nach dem Begräbnis sitzen Christen und Muslime im Schulzimmer eines Quartierschulhauses von Bihac zusammen. Hier besuchen sonst die Kinder von Golubic provisorisch den Unterricht. Die Stimmung ist erwartungsvoll und gespannt. Stipe eröffnet als Dorfsprecher die Versammlung. Haupttraktandum: «Wie und wann können wir unser Dorf wiederaufbauen?»

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Start zum Wiederaufbau
Die Männer und Frauen haben viele Fragen. «Wie sollen wir überhaupt bauen, solange wir kein Geld, keinen Sack Zement, kein Holz und kein Werkzeug haben?» – «Wer kann zuerst ins Dorf zurück?» – «Haben wir überhaupt genügend Kräfte, um das alles zu machen?» In ruhigem Ton stellt Peter Amhof das Wiederaufbauprojekt der Schweizer Caritas vor. Er verspricht nur, was er halten kann: Material für den Aufbau, Holz, Ziegel, Zement, Werkzeug. «Bauen müssen Sie aber selber», sagt Amhof.

Am Schluss der Versammlung ergreift ein alter Mann das Wort. Er dankt der Schweizer Delegation und dem Beobachter für den Besuch im Dorf. Doch dann die bange Frage: «Dürfen wir mit einer Hilfe aus der Schweiz rechnen, oder gibt es einfach eine Reportage über unser Elend hier?»

Der Beobachter ist sicher: Mit Ihrer Hilfe, liebe Leserinnen und Leser, wird die Antwort überwältigend sein.

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