Erst im Gefängnis habe ich gelernt, wie kostbar die Freiheit ist. Darum will ich nie mehr in eine Strafanstalt», sagt Ali M. (Name geändert). Er ist 27, irakischer Kurde, anerkannter Flüchtling und seit 1997 in der Schweiz. Er lernte schnell Deutsch und arbeitete in einer Bäckerei. «Ich hatte aber bald die falschen Freunde», sagt er. «Für den Ausgang und fürs Kiffen wurde das Geld bald knapp.» Die Clique spezialisierte sich darauf, Passanten auszunehmen. Der feingliedrige Ali muss dabei kräftig zugelangt haben. 40 Monate brummte ihm das Basler Strafgericht auf; 27 Monate sass er im «Schällenmätteli» ab.

Im Zuge seiner vorzeitigen Entlassung erhielt er die Auflage, sich bei der Bewährungshilfe zu melden. Bei Ali M. übernahm der Verein Neustart die Betreuung; Linda Gotsmann, eine ausgebildete Psychiatrieschwester, die in ihrem Beruf eine Kaderstelle innehat, kümmerte sich fortan in ihrer Freizeit um Ali M. Die Betreuung durch vollamtliche Sozialarbeiter ist in Basel auch möglich, doch für Personen, die gegenüber staatlichen Institutionen grundsätzliche Vorbehalte haben, eignen sich freiwillige Helferinnen oft besser.

Jeden Tag lauern neue Fallen


Ali M. akzeptierte Linda Gotsmanns Hilfe nicht nur aus Sympathie; er wusste, dass ein Rückfall die Ausweisung zur Folge hätte. Als sie vor anderthalb Jahren mit der Betreuung begann, führte sie alle paar Wochen ein Beratungsgespräch, heute in der Regel einmal pro Monat. In einem halben Jahr läuft die Betreuung aus.

Eine noch intensivere Betreuung wird Pedro S. (Name geändert) in Zürich zuteil. Der 36-jährige Ostschweizer Secondo – ein Hüne von Gestalt – geriet als Türsteher in Zürcher In-Lokalen mit angetrunkenen Gästen in Streitigkeiten – und reagierte verschiedene Male viel zu heftig. Zwanzig Monate verbrachte er in verschiedenen Strafanstalten. «Im Gefängnis habe ich den normalen Umgang mit andern Menschen gelernt. Dreinschlagen bringt nichts», sagt er.

Pedro wohnt im Zürcher Wohnheim für entlassene Strafgefangene des Teams 72. Der Kanton Zürich setzt ausschliesslich auf eine professionelle Betreuung.

Ursula Hellmüller, Sozialpädagogin und Leiterin des Teams 72, sieht ihre Aufgabe ähnlich wie Linda Gotsmann. «Ungelöste Alltagsprobleme begünstigen einen Rückfall in die Kriminalität», erklärt sie. Pedro und Ali liefern die besten Beispiele für die täglichen Fallstricke:

  • Der Verkehr mit Ämtern. Pedro benötigte einen neuen Ausländerausweis, ohne dieses Papier waren Jobsuche und Wohnungssuche aussichtslos. Doch die Verwaltung war nur bereit, einen solchen auszustellen, wenn er über einen festen Wohnsitz verfügte. Die Bewährungshilfe war seine Rettung: Im Wohnheim erhielt er ein Zimmer; Ursula Hellmüller stand ihm beim zu absolvierenden Ämterparcours zur Seite. Heute verfügt er über den Ausweis.


Um seinen Wunschjob Chauffeur ausüben zu können, brauchte Ali einen Führerausweis. Doch aufgrund seiner kriminellen Vergangenheit wird er nur zur Fahrprüfung zugelassen, wenn ihn ein Psychologe als tauglich einstuft. Die Kosten für dieses Gutachten muss er selbst tragen. Ali wusste schlicht nicht, wohin er sich wenden sollte. Bis ihm Linda Gotsmann einen Psychologen vermittelte, der zudem noch Ratenzahlungen akzeptierte.

  • Die Jobsuche. Ali und Pedro benötigten Unterstützung bei der Suche nach einer Arbeitsstelle. Linda Gotsmann und Ursula Hellmüller trainierten mit ihnen Vorstellungsgespräche, übten mit ihnen, Bewerbungen und Lebensläufe zu schreiben. Der Erfolg blieb noch aus, obwohl Pedro rund 60 Bewerbungen verschickt hat.
  • Der Papierkrieg. «Ich musste Ali beibringen, dass man Rechnungen bezahlen muss und Mahnungen nicht wegwerfen darf», erzählt Linda Gotsmann. Das mag banal klingen; Menschen mit sozialen Schwierigkeiten neigen aber oft dazu, unliebsame Nachrichten zu vernichten oder Pflichten aufzuschieben. Auch Pedro hatte in diesem Bereich seine liebe Mühe.
  • Menschliche Probleme. Nach der Entlassung aus der Haft wohnte Ali bei seiner Mutter und seinen Schwestern – wo er gleich noch seine Freundin einquartierte. Die Spannungen blieben nicht aus. Linda Gotsmann gelang es zu vermitteln, als die Lage prekär wurde. Schliesslich fand Ali eine bezahlbare Wohnung – ebenfalls mit Hilfe seiner Bewährungshelferin.


«Er war verschlossen, als er bei uns eintrat», sagt Ursula Hellmüller über Pedro. Nun sei er offener, dialogbereiter und sozialer geworden. Den Tatbeweis dafür liefert er jede Woche: Für Tixi Behindertentransporte verrichtet er Taxidienste – ohne Bezahlung, wohlverstanden.

Von den rund 6500 jährlich Entlassenen werden rund 850 der Bewährungshilfe unterstellt. Die Bewährungshilfe kann nur angeordnet werden, wenn die Inhaftierung mindestens vier Monate dauert. Die Masse der wegen kleiner Diebstähle oder Strassenverkehrsdelikte verurteilten Täter fällt somit nicht darunter. Ein weiteres Kriterium für die Gewährung von Bewährungshilfe: vorzeitige Entlassung. Das wiederum kommt bei Tätern mit sehr schweren Delikten nicht oft vor – es fragt sich natürlich, ob nicht gerade sie eine Nachbetreuung besonders nötig hätten.

«Vollkommen unverantwortlich»


Den meisten Gefängnissen stellt Ursula Hellmüller gute Noten aus; sie würden die Gefangenen im Rahmen ihrer Möglichkeiten auf den Austritt vorbereiten. Nur das Zürcher Flughafengefängnis entlasse nicht selten Insassen ohne jegliche Instruktionen – in einem Fall nach fast zweijähriger Untersuchungshaft. «Das ist vollkommen unverantwortlich», erklärt sie.

Die Organisation der Bewährungshilfe ist von Kanton zu Kanton verschieden; Bern setzt ein Heer von Laienhelfern ein, der Aargau arbeitet mit dem absoluten Minimum an professionellem Personal. Dabei geben die urbanen Zentren das Zwei- bis Dreifache dessen aus, was in ländlichen Kantonen aufgewendet wird.

Tatsache ist, dass allen Anstrengungen zum Trotz die Rückfallrate erschreckend hoch bleibt. Von den rund 6500 pro Jahr entlassenen Straftätern werden innerhalb von sechs Jahren 48 Prozent erneut verurteilt; 31 Prozent davon zu Haftstrafen, 17 Prozent zu Bussen. Für die Opfer der Straftaten – zum Beispiel jene, die von Ali und Pedro niedergeschlagen wurden – ist dies nicht befriedigend. Ebenso wenig für die Steuerzahler, die pro Gefängnistag 300 Franken aufbringen müssen.

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