Dezember 2000. Auf dem Aroser Hörnli weht ein warmer Wind. Der Schnee liegt erst spärlich. Verlassen drehen die Sessel und Gondeln ihre Runden. Erst wenige Skifahrer und Snowboarder haben ihre Bretter aus dem Keller geholt. Doch Alois Rütsche, Verwaltungsrat der Aroser Bergbahnen und Präsident von Arosa Tourismus, ist guten Mutes. «Der Wetterbericht hat Schnee gemeldet, Ende Woche.» Sein Blick schweift von den Skipisten hinunter ins Urdental. Still und weiss liegt es da.

Wenn es nach Rütsche ginge, würden in fünf Jahren zwei Sessellifte das bisher unbebaute Urdental durchqueren. Statt Schneehühnern würden Snöber und Skifahrer die Hänge bevölkern. Das Skigebiet Arosa wäre so mit der Lenzerheide verbunden. «Dann wären wir ein Top-Skigebiet, erste Liga», schwärmt Rütsche. Noch schöner wäre es, wenn auch das kleine Skigebiet Tschiertschen angehängt würde. Eine Pendelbahn und zwei Sesselbahnen durch das bisher ebenfalls unberührte Farurtal könnten es richten. 4000 Hektar Piste an einem Stück. Die Kosten: rund 26 Millionen Franken. Eine Studie stellt der Region im Fall einer Realisierung einen Wertschöpfungszuwachs von 13,5 Millionen Franken pro Jahr in Aussicht. «Stellen Sie sich das vor!» Rütsche lächelt.

Die Bündner sind nicht die Einzigen, die sich eine grosse Zukunft ausmalen. Landauf, landab schmieden Bergbahnbetreiber, Tourismusverantwortliche und Regionalpolitiker Ausbaupläne und entwerfen Projekte: Die Tessiner Bergbahnbetreiber liebäugeln mit einer 40 Millionen teuren Metro, die Bosco/Gurin mit dem italienischen Val Formazza und dem Grossraum Novara/Mailand verbindet. Im Walliser Aletschgebiet bastelt man an der Idee einer Luftseilbahn von der Belalp zur Riederalp. Und in Saas Fee stellt man sich vor, wie es wohl wäre, wenn die Skifahrer durch einen Bergstollen nach Zermatt gelangen könnten.

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Dabei hat ein Drittel der Unternehmungen heute ökonomisch gar keine Existenzberechtigung mehr, ein weiterer Drittel steht auf der Kippe, und nur gerade ein Drittel aller Bahnen ist nach wirtschaftlichen Massstäben wirklich gesund. Das zeigt eine Studie des St. Galler Tourismusprofessors Thomas Bieger. Trotzdem predigen Bergbähnler von Verbier bis St. Moritz den weiteren Ausbau.

Alle wollen hoch hinaus. Kein Berggipfel ist vor Erschliessungsplänen sicher. Das zeigt ein höchst umstrittener Entscheid des Bundesrats vom November 2000: Als letzte Instanz hat er der Luftseilbahn Wiler-Lauchernalp AG grünes Licht gegeben, um auf den bisher unberührten Milibachgletscher am Hockenhorn im Lötschental eine Gondelbahn zu bauen – just an die Grenze einer geschützten Landschaft von nationaler Bedeutung.

Naturschützer äussern Bedenken
Keine Freude an der Expansionswut der Skiregionen haben die Umweltverbände. «Wir erachten den Ausbaudrang der Bergbahnen als eine der grössten Naturbedrohungen im Alpenraum», sagt Raimund Rodewald von der Stiftung für Landschaftsschutz. Besonders die Erschliessung völlig unberührter Berggipfel und Täler ist den Naturschützern ein Dorn im Auge.

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Zum Beispiel das Urden- und das Farurtal. «Bei uns wären nur ganz kleine Eingriffe nötig», behauptet Lorenzo Schmid, Verwaltungsratspräsident der Aroser Bergbahnen. «Im Fall des Urdentals sind es ja nur zwei Lifte.» Doch Planierungen und Landschaftsveränderungen sind wahrscheinlich. Und in einem Brief des Bundesamts für Verkehr an die Projektgruppe steht klipp und klar: «Das Interesse an der Erhaltung dieser wertvollen Landschaften ist höher einzustufen als das Interesse am Zusammenschluss der drei Skigebiete.»

Die Promotoren lassen sich jedoch nicht beirren. Als Nächstes wollen sie alles daransetzen, das Projekt im kantonalen Richtplan zu verankern.

Doch einmal abgesehen von allen Umweltbedenken: Es ist zweifelhaft, ob die geplanten Erweiterungen und Verbindungen in den Alpen tatsächlich den gewünschten wirtschaftlichen Erfolg mit sich bringen. Dass sich Investitionen in Mega-Anlagen auch als Flop entpuppen können, zeigt das Beispiel Tessin: 110 Millionen Franken wurden in den vergangenen Jahren in Skigebiete südlich der Alpen gesteckt. Doch die Hoffnungen der Anlagenbetreiber haben sich nicht erfüllt – im Gegenteil. Die Skistationen schreiben tiefrote Zahlen, und Besserung ist nicht in Sicht.

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Grosse Überkapazitäten
Im letzten Oktober legte die Tessiner Regierung erstmals die desolate Situation der Wintersportanlagen offen. Man sei «sehr besorgt» über die ökonomische Situation diverser Betreiber. Jetzt hat der Kanton dem Pleiteprojekt «Nara 2000 SA» erst mal 750'000 Franken Schulden gestrichen. Weitere Erlasse werden folgen.

Eigentlich war das absehbar. Denn es hat gar nicht mehr Wintertouristen als vor zehn Jahren. Zwar treiben rund 57 Prozent aller Schweizerinnen und Schweizer mindestens einmal pro Jahr Wintersport. Aber die Logiernächte und die Anzahl Skitage stagnieren seit Anfang der Neunziger – oder gehen gar zurück. Doch im gleichen Zeitraum, in dem die Logiernächte um 8,4 Prozent abnahmen, wurden die Kapazitäten der Bergbahnen um 46 Prozent ausgebaut.

Immer grössere Skigebiete, aber immer weniger Touristen: Das kann nicht aufgehen. Kommt hinzu, dass die Konkurrenten nicht mehr nur hinter dem nächsten Berggipfel lauern, sondern auch in der Karibik und auf den Malediven.

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Ausserdem sind viele Gäste und ein Grossteil der Bevölkerung über die Ausbaupläne alles andere als erbaut. Gästebefragungen der letzten Jahre bestätigen ausnahmslos, dass eine intakte Landschaft zu den wichtigsten Ferienbedürfnissen gehört. Eine Meinungsumfrage des Instituts Link vom Herbst 2000 zeigt: Nur 16 Prozent der Schweizer Haushalte finden, dass in der Schweiz mehr Bergbahnen gebaut werden müssen. 70 Prozent halten die existierenden Bahnen für ausreichend.

In Bosco/Gurin haben sich die kritischen Gäste und Einwohner in einer Vereinigung zusammengetan. «Vielleicht nehmen sie uns jetzt endlich ernst», hofft der Guriner Lino Tomamichel. Auch im Raum Lenzerheide/Arosa formiert sich Widerstand. «Tourismus darf nicht nur quantitativ wachsen. Deshalb sind wir gegen eine Verbindung», betont Regula Stieger, Ferienhausbesitzerin und Mitinitiantin des Gästevereins Vivarosa.

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«Die Skigebiete sind gross genug», findet auch Roland Blaesi, Leiter der Schneesportschule Lenzerheide. Als ehemaliger Skirennfahrer in der Schweizer B-Mannschaft weiss er, wovon er spricht. Und der Aroser Hans Danuser doppelt nach: «Unser Trumpf sind unberührte Landschaften. Wenn wir das Urdental erschliessen, geben wir ihn aus den Händen.» Er glaubt, dass die meisten Bewohner skeptisch sind. Doch sich öffentlich dazu äussern wollen nur wenige. «Wer dagegen ist, wird als unechter Aroser oder als Ewiggestriger hingestellt», sagt Danuser.

Was die Leute denken, ist egal
Aber ob die Aroser nun gegenüber einer allfälligen Verbindung mit der Lenzerheide positiv eingestellt sind oder nicht: Rechtlich haben sie rein gar nichts dazu zu sagen. Der Grund: Das Urdental liegt auf dem Territorium der Gemeinde Tschiertschen. Folglich werden die 250 Einwohner des kleinen Walserdorfs über Schneehühner und Vierersessel entscheiden.

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«Natürlich wollen wir die Bevölkerung hinter uns wissen», betont Luzi Tischhauser, Geschäftsführer der Lenzerheider Rothornbahnen. Deshalb werde man demnächst mit Informationsveranstaltungen in den betroffenen Regionen beginnen. Doch wirklich gefragt ist die Meinung der Bevölkerung nicht. Der Aroser Gemeindepräsident Vincenz Vital macht denn auch keinen Hehl daraus. «Wir könnten zwar eine Konsultativabstimmung machen. Aber was, wenn die Leute Nein sagen?» Also lasse er «das mit der Abstimmung» lieber bleiben.

Entscheiden tun stattdessen die Verwaltungsräte der Bahnen, die Verantwortlichen im lokalen Tourismusverein und die Lobbyisten im Gemeinderat. Sie haben meist einfaches Spiel, sind es doch immer dieselben Leute. Wie das Bündner Beispiel schön zeigt: Arosabahn-VR-Präsident Lorenzo Schmid ist auch Gemeinderat, und Gemeindepräsident Vincenz Vital hat einen Verwaltungsratssitz bei den Bahnen. Der Rothornbahn-Geschäftsführer Luzi Tischhauser wiederum sitzt im Gemeinderat von Vaz/Obervaz GR und betätigt sich nebenbei als OK-Präsident des Weltcuprennens auf der Lenzerheide.

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«Es sind ganz wenige, die bestimmen, wann wo was passiert», ärgert sich der Aroser Hans Danuser. Die Verbandelungen gehen weit und sind stark: Schliesslich kennt man sich, hat die gleiche Schulbank gedrückt, oder die eigene Familie kassiert von den Bahnen regelmässig Abgeltungen, weil der Skilift über das familieneigene Land läuft.

Dabei täten die Verantwortlichen in den Berggebieten gut daran, die Bedenken der Bevölkerung ernst zu nehmen. Denn ein Grossteil der Unternehmen sitzt bereits heute – vor den zusätzlichen Millioneninvestitionen – in der Tinte. Sie könnten sich diese Projekte gar nicht leisten. Allein im Kanton Graubünden haben die Bergbahnen in den letzten fünf Jahren insgesamt rund 600 Millionen Franken investiert. Doch inzwischen haben sich viele Banken aus dem Geschäft zurückgezogen und verweigern neue Kredite. Das Geschäft mit den alpinen Transportanlagen ist schlicht zu riskant. Der Verschuldungsgrad ist denn auch gesamtschweizerisch seit 1988 um 16 Prozent gestiegen. Und die Krise macht weder vor Kleinen noch vor Grossen Halt:

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  • Jahrelanges Missmanagement führte die Davoser Parsennbahnen nahezu ins finanzielle Desaster: Der Verlust für das Geschäftsjahr 1999/2000 beläuft sich auf 3,5 Millionen Franken. Im Vorjahr betrug er gar 6,3 Millionen Franken.

  • Ebenfalls hochgradig defizitär sind die Matterhornbahnen. Die Burgergemeinde Zermatt als Hauptaktionärin ist mit 97 Millionen Franken hoch verschuldet und dringend auf neues Geld angewiesen.

  • Die Walliser Bergbahnen Saas Almagell haben vor kurzem ein Gesuch um Nachlassstundung eingereicht.

Warnungen werden ignoriert
So stehen nach den schlechten neunziger Jahren viele Gesellschaften mit leeren Kassen da – und mit kostspieligen Lösungsvorschlägen für die Zukunft. Doch ob diese halten, was sie versprechen, ist höchst umstritten. Das zeigt das Beispiel Arosa/ Lenzerheide: Eine Studie der Umweltverbände kommt zum Schluss, dass Arosa bei der Realisierung des Projekts wirtschaftlich sogar Verluste schreiben würde. Grund: Arosa hat eine mehr als doppelt so hohe Wertschöpfung wie die Lenzerheide. Ein Aroser Gast gibt im Durchschnitt 146 Franken pro Tag aus, einer auf der Lenzerheide nur gerade 68 Franken.

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Die Bergbahnbetreiber schlagen diese Zahlen in den Wind. Sie sind sichtlich irritiert über die Tatsache, dass sich die Naturschützer nicht damit begnügen, die Einmaligkeit des Urdentals zu besingen. «Es ist merkwürdig, dass sich Umweltverbände plötzlich um wirtschaftliche Anliegen kümmern», findet Verwaltungsrat Schmid. Auf den Inhalt der Studie mag er gar nicht erst eingehen. Auch Geschäftsführer Tischhauser träumt lieber von einem Top-Schneesportgebiet von internationaler Bedeutung, als sich mit den Facts zu konfrontieren.

Nur: Anstelle eines weiteren Ausbaus fordern Fachleute schon lange, dass die Schweizer Bergbahnszene endlich ihre Strukturen bereinigt. Im Klartext heisst das: Statt aufzurüsten, sollten einige Bahnen ihren Betrieb einstellen. Tourismusprofessor Bieger schätzt, dass in Zukunft zehn bis zwanzig grosse Schneesport-konzerne die Schweizer Szene dominieren werden. «Vor allem die Kleinen in tieferen Lagen werden es schwer haben, überhaupt noch Investoren zu finden», sagt er. «Wenn diese eine Überlebenschance haben wollen, müssen sie besser zusammenarbeiten und Synergien nutzen.»

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«Es wird Heimatschutz betrieben»
Doch die Entwicklung läuft in die entgegengesetzte Richtung. Viele tun sich schwer mit dem Gedanken, ausgerechnet mit den jahrelang bekämpften Konkurrenten zusammenzuarbeiten. «Es wird Heimatschutz betrieben», stellt der Berner Tourismusprofessor Hansruedi Müller fest.

So werden viele Bähnchen und Lifte aus regionalpolitischen Gründen künstlich am Leben erhalten. Mit weit reichenden Folgen für die Öffentlichkeit. Denn wenn die Bahnkassen leer sind und die Banken zurückhaltend, springen immer öfter Gemeinden in die Bresche. Ein Beispiel: Im Herbst 1999 unterbreitete die Bergbahnen Disentis AG der in der Krise steckenden Bergbahnen Sedrun-Rueras AG ein Fusionsangebot. Doch in Sedrun GR sprach man entrüstet von einem «Übernahmeangebot». Man wies die Offerte zurück und plünderte stattdessen die Gemeindekasse. Das ist kein Einzelfall.

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Happige kantonale Subventionen
Nicht nur die Gemeinden, auch die Kantone und der Bund subventionieren die Winteranlagen kräftig mit. Der Kanton Tessin hat über das Tourismusförderungsgesetz in den letzten fünf Jahren 50 Millionen Franken investiert, der Kanton Freiburg 20 Millionen und das Wallis 17 Millionen Franken. Dazu kommen dank dem Investitionshilfegesetz (IHG) Gelder des Bundes. In Bosco/Gurin beispielsweise übernahmen Bund und Kanton 70 Prozent der Gesamtkosten. Auch die eben bewilligte und höchst umstrittene Gletscherbahn auf das Hockenhorn darf sich auf IHG-Gelder freuen.

Die Kombination von Subventionen, Emotionen und Erweiterungsplänen führt dazu, dass der Bund inzwischen sogar Beschneiungsanlagen mitfinanziert. «Das ist schlecht», sagt Thomas Bieger. «Subventionen verzerren den Wettbewerb und verhindern die nötige Strukturbereinigung.»

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Derweil laufen die Aufrüstungspläne in Arosa und auf der Lenzerheide munter weiter. Auch das Mini-Skigebiet Tschiertschen versucht, als Juniorpartner tapfer mitzuhalten. Für mehrere Millionen Franken will die Gemeinde ihren 37-jährigen Schlepplift ersetzen; Subventionen von Bund und Kanton sind schon einmal zugesagt. Einen anderen Weg sieht Gemeindepräsident Johannes Truog nicht: «Von was sollen wir hier hinten dann leben?»

Ski Heil.

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Bieger, Thomas und Caspar, Patrick: «Untersuchung der regionalwirtschaftlichen und touritischen Effekte der geplanten Skigebietsverbindung Arosa-Lenzerheide-Tshiertschen», Unstitut für Öffentliche Dienstleistungen und Tourisus IDT-HSG, Universität St. Gallen, April 2000