Die Zuger Rechtsanwältin Yvonne Furler ist fassungslos: «Die Geschehnisse sind eindeutig, doch die Zuständigen verschliessen seit vielen Monaten Augen und Ohren.» Die Kritik gilt der Leitung des Wohnheims Sonnhalde wie auch der Stiftung Maihof, unter deren Aufsicht die Sonnhalde geführt wird. Und mit «eindeutig» spricht Furler wiederholt gewaltsame Übergriffe eines psychisch kranken Heimbewohners auf wehrlose Mitbewohner und auf weibliche Pflegepersonen an – darunter ihre Mandantin Anna Meier (Name geändert).

Im Sommer 2006 schlug der damals 35-jährige Beat Zehnder (Name geändert) erstmals zu, als ihm die 44-jährige Anna Meier beim Duschen helfen wollte. Eine weitere Betreuerin verletzte er kurz darauf so schwer, dass sie mehrere Monate arbeitsunfähig war. Zehnder verteilte auch Ohrfeigen und Nackenhiebe an schwer behinderte Bewohner und ging im Frühling 2007 erneut auf Anna Meier los: «Er schlug sie gegen den Kopf und schleuderte sie gegen die Wand», so Furler. Meier verlor das Bewusstsein, verbrachte vier Wochen in der Rehaklinik Rheinfelden, war über Monate arbeitsunfähig.

Kündigung statt Tagschicht

Ihre Angst war so gross, dass sie nicht mehr als Nachtwache tätig sein konnte. Die Klinik bekam darauf von der Stiftung Maihof die Zusicherung, Anna Meier im Tagdienst einzustellen. Nach zwei Wochen erhielt sie allerdings die Kündigung – es sei keine entsprechende Stelle mehr offen. An ihrem neuen Arbeitsort verdient die Mutter dreier Kinder seither deutlich weniger.

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Vieles ist für Anwältin Furler unbegreiflich. Zum Beispiel dass die Institution, in der Beat Zehnder vor der Sonnhalde bis im Frühling 2006 wohnte, ihn einen Selbstverteidigungskurs absolvieren liess. Oder die Tatsache, dass die Versicherung der Sonnhalde eine angemessene Haftung ablehnt, da Meier gemäss einer Weisung Zehnder am Abend nicht mehr habe fernsehen lassen dürfen.

«Das ist absurd», so Furler und erklärt die Hintergründe: Die 14 Betreuten leben auf zwei Stockwerken. Ist die Nachtwache auf der einen Etage beschäftigt, ist die Sicherheit auf der anderen Etage nur schwer zu gewährleisten. Nachdem es sich gezeigt hatte, dass Fernsehen Zehnder beruhigt, erlaubte ihm dies Anna Meier während ihrer Abwesenheit. Der Vorwurf der Stiftung trifft ins Leere, weil am Tag vor dem Angriff auf Anna Meier eine neue Weisung erlassen wurde, wonach Zehnder bei Gefahr in sein Zimmer zu schicken sei, «z.B. mit Fernsehen, wenn die Gruppe unbeaufsichtigt ist». Um 22 Uhr, seiner Bettzeit, musste er das TV-Kabel herausgeben. Das wurde Anna Meier zum Verhängnis: Als sie ihn dazu aufforderte, ging er auf sie los.

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«Nicht nur wurden Weisungen laufend handschriftlich geändert und nicht allen zugänglich gemacht, sondern die Opfer werden zudem zu Tätern gemacht», sagt Yvonne Furler. So wird ihrer Mandantin weiter vorgeworfen, entgegen erlassenen Weisungen allein zu Beat Zehnder gegangen zu sein – «unsinnig», so Furler, da bis zum heutigen Tag eine Nachtwache allein vor Ort sei.

Trotz Rückfallgefahr geschieht nichts

Das beunruhigt sie umso mehr, als ein nachträglich erstelltes psychiatrisches Gutachten Beat Zehnder nicht nur als geistig behindert und psychisch krank einstuft, sondern ihm zudem eine «relevante Rückfallgefahr für Gewaltdelikte» und ausserdem auch «die Gefahr der Begehung von Sexualdelikten gegenüber Kindern» attestiert. Die Sonnhalde beherbergt hausintern auch einen Kindergarten und eine Spielgruppe. Die wiederholten Hinweise der Anwältin, Zehnder sei am falschen Ort platziert, sind bisher auf taube Ohren gestossen.

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Auch sonst hat keiner der bisherigen Schritte Erfolg gezeigt: weder das Einbeziehen des Schlichters des Kantons Zug noch das Einreichen von Privatstraf- und Zivilklage gegen Beat Zehnder wegen «vorsätzlicher schwerer Körperverletzung». Nun hat sich Rechtsanwältin Furler entschieden, bei der Direktion des Innern aufsichtsrechtliche Beschwerde gegen die Stiftung Maihof einzureichen. Deren Geschäftsleiter und Stiftungsrat Jürg Jetzer will aufgrund des laufenden Verfahrens keine Stellung nehmen.
Doch bläst ihm kühler Wind entgegen: So wurden Anna Meier auf anonymem Weg wiederholt interne Dokumente zugestellt, die laut ihrer Anwältin zeigen, dass die Stiftung Maihof in Meiers Fall und auch in anderen «ihre Fürsorgepflichten den Angestellten und Bewohnern gegenüber massiv verletzt hat». Die Papiere liegen inzwischen auch den Strafverfolgungsbehörden und der Direktion des Innern vor.

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