«Nicht komplett verbaut» ist ein recht grosses Wort für den heutigen Zustand der Nuoler Bucht. Seit Jahrzehnten stehen dort die Kiesaufbereitungsanlage und das Betonwerk der Kibag AG. Baumaschinen fahren herum, es ist staubig, das Förderband rattert. Es bringt tonnenweise Kies an den See, der in grossen Gruben am benachbarten Buechberg abgebaut und von Nuolen aus verschifft wird. Die Abbaukonzession lief schon 1999 aus, wurde aber von den Gemeinden Wangen und Tuggen immer wieder provisorisch verlängert. Vor zwei Jahren gewährten die Gemeinden der Kibag gar eine Verlängerung bis 2020. Eine Bedingung in jenem Vertrag ist jedoch, dass Kiesaufbereitungsanlage und Betonwerk bis Ende 2014 geräumt sein müssen.

Aus Wasser wird Bauland

«Das würde eine einmalige Gelegenheit bieten, das Ufer umfassend zu renaturieren und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen», schwärmt Ripa-inculta-Initiant Ruoss. Davon aber will die Kibag nichts wissen. Und bei den Wangner Behörden erhält das Unternehmen jede Art von Unterstützung, notfalls auch bei Wünschen und Plänen, die dem Gesetz widersprechen.

Etwa dem Gewässerschutzgesetz. Gemäss diesem sind Seeaufschüttungen, wie sie für die Überbauung geplant sind, gar nicht erlaubt. Ausnahme: bei «standortgebundenen Bauten in überbauten Gebieten» und «wenn eine Flachwasserzone verbessert» wird. Da neue Wohnhäuser nicht standortgebunden sind, argumentiert die Kibag mit Flachwasserzonen, mit denen sie in der kleinen Bucht ökologische Nischen für Pflanzen und Tiere schaffen will. Vor allem aber betrachtet das Kiesunternehmen die Nuoler Bucht gar nicht als Teil des Sees. «Die Bucht war früher Riedland und ist auch als solches parzelliert», argumentiert Guido Ernst, Regionalleiter der Kibag in Nuolen. Alte Schwarzweissaufnahmen zeigen jedoch: Das Wasser, das Land sein soll, war schon in den dreissiger Jahren eindeutig als Bucht zu erkennen. Auch ein Blick in den Katasterplan belegt, dass die Nuoler Bucht schon seit Jahrzehnten als Teil des Sees gilt: Über die Hälfte der Fläche, auf der die Überbauung zu stehen kommen soll, ist als Wasser vermerkt – und wurde dem Wangner Stimmvolk trotzdem zur Einzonung als Bauland empfohlen.

In der Nuoler und der angrenzenden Hunziker Bucht müssten für das Projekt mehrere Schilfgürtel gerodet werden. Das jedoch ist gemäss dem Natur- und Heimatschutzgesetz explizit verboten: «Die Ufervegetation darf weder gerodet noch überschüttet noch auf andere Weise zum Absterben gebracht werden», heisst es in Artikel 21. Man werde jedoch «wesentlich mehr Schilf anpflanzen, als gerodet werden muss», verspricht Ernst. Überhaupt, betont er, liege der Schutz der Umwelt der Kibag ganz besonders am Herzen. Der Golfplatz gleich oberhalb der geplanten Luxusappartements etwa gehöre zu den «fünf ökologischsten in Europa». Auch Frösche schützt die Kibag, mit Froschzäunen und grossen Tafeln: «Wir quaken immer noch, dank Kibag».

Bei einem Punkt hört der Umweltschutz aber für das Kiesunternehmen auf: wenn die Gegner fordern, dass der Umweltverträglichkeitsbericht (UVB) durch eine «ökologische Zustandsanalyse» ergänzt wird, um den heutigen Zustand von Flora und Fauna in der Bucht und die Auswirkungen der Überbauung aufzuzeigen. Man könne darin «keinen Sinn erblicken», erklärt die Kibag in einem Brief und verweigert dem von Ripa inculta vorgesehenen Experten den Zutritt zum Firmengelände. Eine solche Analyse sei «im Gesetz nicht vorgesehen und erwiese sich auch als systemwidrig», schreibt die Kibag und fordert den Verein auf, «das Verfahren ad acta zu legen».

Daran denkt Ripa inculta jedoch nicht. Das Spendenbarometer für die Finanzierung der Analyse steht auf der Website bei rund 40'000 Franken – genug, um die Studie bei der Fachstelle Gewässermanagement der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Auftrag zu geben. Da die Kibag die Begehung des Geländes ablehnt, soll die neue Expertise nun von Booten aus durchgeführt werden. Für den designierten Studienleiter, den grünliberalen Nationalrat und Professor Thomas Weibel, ist eine Aktualisierung der ökologischen Unterlagen dringend notwendig, um das Projekt objektiv beurteilen zu können. Die ursprüngliche Fassung stammt von 1999, die letzte Aufdatierung von 2006: «Ein Umweltverträglichkeitsbericht muss sich am Zustand unmittelbar vor Baubeginn orientieren und diesen möglichst vollständig erfassen», sagt Weibel. «Das ist beim Projekt ‹Nuolen See› nicht der Fall.» Er kritisiert etwa, dass verschiedene Karten und Artenlisten zu Flora und Fauna in der Bucht «schon 1999 nicht mehr taufrisch gewesen sind». Andere Angaben, etwa zum Amphibien- und Reptilienbestand, fehlten im UVB der Kibag gänzlich.

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Kies verladen neben den Gutbetuchten?

Keinen Platz fanden im ursprünglichen Bericht auch Aussagen über die Auswirkungen des Kiesverladehafens. Dieser dürfte der Kibag noch in mancherlei Hinsicht zu denken geben. Bis mindestens 2020, schätzt Betriebsleiter Guido Ernst, wird es den Hafen in der Bucht noch brauchen. Der Vertrag zwischen dem Unternehmen und den Gemeinden sieht vor, dass 60 Prozent des nicht vor Ort gebrauchten Kieses auf dem Seeweg abtransportiert werden müssen – und ein Verladehafen direkt neben teuren Wohnungen ist nun einmal schwer vorstellbar, selbst wenn, wie Ernst betont, «maximal während ein bis zwei Stunden pro Tag» Kies verladen werde.

Die Pläne für alternative Standorte, die im Mai in den «Obersee Nachrichten» publiziert wurden, seien «nur erste Ideen», betont Ernst. Ideen allerdings, die die Gegner von «Nuolen See» in ihrer Absicht bestärken, das Projekt zu verhindern: Um die Ruhe im neuen Wohnquartier nicht zu stören, würde der neue Verladehafen weiter weg gebaut – entweder als weit in den See ragende Halbinsel oder gleich neben einem geschützten Schilfgürtel.

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Quelle: Ripa Inculta