Die geheime Mission von SP-Bundesrat Pierre Graber begann im Sommer 1970 auf einer Toilette des Bundeshauses. Dort soll sich der damalige Aussenminister in einer Pause das erste Mal mit Jean Ziegler über Brisantes ausgetauscht haben, berichtet die NZZ. Ziegler sollte via seine Kontakte mit der Spitze der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) auf Tuchfühlung gehen.

In einem Genfer Hotel schlossen dann der Bundesanwalt, der Geheimdienstchef sowie vermutlich Aussenminister Graber persönlich mit dem PLO-Chefdiplomaten Farouk Kaddoumi ein «Stillhalteabkommen». Die Schweiz sollte fortan von Terrorakten verschont bleiben. Im Gegenzug half man der PLO, in Genf ein politisches Büro zu eröffnen. Offenbar sicherte die Schweiz auch zu, die Strafunter­suchung gegen die Hintermänner des Bombenanschlags auf die Swissair vom 21. Februar 1970 versanden zu lassen – wohl weil ein naher Verwandter des PLO-Chefdiplomaten im Zentrum stand.

Swissair «nur zufällig» Opfer

46 Jahre später will der Bundesrat nun die Beziehungen zur PLO der siebziger Jahre verwaltungsintern aufarbeiten. Doch um den Absturz zu klären, müsste die Schweiz auch die damalige Rolle Israels untersuchen. Dokumente, die dem Beobachter vorliegen, deuten dar­auf hin, dass Israel den Haupttäter des Anschlags im Fokus hatte und womöglich sogar über einen drohenden Anschlag im Bild war. Aktenkundig ist: Einer der ersten Hinweise zum mutmasslichen Attentäter Sufian Kaddoumi stammte von der israelischen Botschaft. In einer Depesche wurden den Ermittlern drei Informanten präsentiert, die Auskunft geben könnten – zwei Araber und eine Deutsche. An­geboten wurde den Ermittlern auch gleich ein «Lichtbild» von Kaddoumi.

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Anschlag auf Swissair-Flug 330 in Würenlingen: Chronik der Ereignisse

Der Beobachter hat schon mehrfach über die Hintergründe des Attentats von Würenlingen berichtet.
 

  • 12.10.2010 – Mantel des Schweigens
    Ein bisher geheimes Dokument, das die Bundesanwaltschaft dem Beobachter aushändigen musste, wirft ein neues Licht auf das Swissair-Attentat von 1970, bei dem 47 Menschen starben. zum Artikel

     
  • 21.12.2010 – Geheimakte Würenlingen
    Die Hintermänner des Swissair-Attentats von 1970 hatten womöglich auch beim Lockerbie-Anschlag ihre Finger im Spiel. Darauf deutet ein geheimes Protokoll hin. zum Artikel

     
  • 05.06.2012 – Lockerbie: Steckte Libyen dahinter?
    Das wohl wichtigste Beweisstück, das zur Verurteilung eines libyschen Geheimdienstlers führte, war wahrscheinlich gefälscht. zum Artikel

     
  • 02.07.2012 – Den Bombenbauer ignorierten sie 
    Die Bundes­anwaltschaft merkte jahrzehntelang nicht, dass ein berüchtigter palästinensischer Bomben­bauer seine Finger im Spiel hatte. zum Artikel

     
  • 18.01.2016 – Geheimer Deal mit der PLO 
    46 Jahre nach dem Attentat von Würenlingen wird klar, warum die Terroristen nie vor Gericht kamen: Die Schweiz hatte mit Palästinensern einen geheimen Deal geschlossen. zum Artikel

     
  • 13.09.2016 – Was genau wusste das FBI? 
    1970 fand der grösste ­Terroranschlag in der Schweiz statt. Jetzt taucht ein Bericht des FBI auf. ­Brisant: Eine der Spuren führt nach Zürich. zum Artikel

     
  • 19.09.2017 – Der Bombenbauer bekam ein Visum 
    Der grösste Terroranschlag der Schweiz bleibt ein Rätsel. Jetzt zeigt sich: Der Geheimdienst verdächtigte einen berüchtigten Bombenbauer – griff aber nicht zu. zum Artikel

     
  • 16.08.2018 – Der Absturz bleibt ungeklärt 
    Der Terroranschlag auf eine Maschine der Swissair im Jahr 1970 wird nicht neu untersucht. zum Artikel

     
  • 14.02.2020 – «Ich will endlich wissen, was passiert ist»
    Die Behörden sollen ihre Archive öffnen, fordert Ruedi Berlinger. Sein Vater war Pilot der Swissair-Maschine, die vor 50 Jahren über Würenlingen AG explodierte. zum Artikel

Ein weiteres Indiz, dass die Israeli womöglich mit einem Anschlag auf ein Flugzeug rechneten, zeigt die Rekonstruktion des Wegs, den die Paketpost genommen hatte. Das Paket, das Kaddoumi in München aufgab, hätte eigentlich mit der El Al nach Tel Aviv spediert werden sollen. Doch aus nie geklärten Gründen wurde der planmässige Flug abgesagt, die Post landete bei der Swissair. Die deutschen Ermittler kamen damals zum Schluss, der Bombenanschlag habe nur zufällig diese getroffen.

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Zudem lässt ein Dokument aus den Unterlagen des Bundeskriminalamts aufhorchen. In einem «Vermerk» berichtete das Bundeskriminalamt, der Flug London–München–Tel Aviv sei über Köln/Bonn umgeleitet worden: «Etwa 10 Tage vor dem 21. 2. 1970 ist auf Veranlassung des Hauptbüros der El Al in Tel Aviv die Route für diesen Flug […] geändert worden, weil eine Reisegruppe von etwa 100 Personen in Köln/Bonn zusteigen wollte.» Ob die Reisegruppe tatsächlich existierte oder nur ein Vorwand war, den Flug abzusagen, wurde nie überprüft. Der deutsche Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar, der 2013 in einem Buch die terroristischen Aktionen palästinensischer Extremisten aufarbeitete, sagt daher: «Falls Israel tatsächlich besorgniserregende Hinweise auf bevorstehende palästinensische Terroraktionen gehabt haben könnte, muss man sich fragen, weshalb die ­anderen Airlines nicht vor einem Anschlag gewarnt worden waren.»

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Israel wollte den Täter schnappen

Israel hatte Kaddoumi offenbar auch nach dem Anschlag im Visier. Der damals federführende Schweizer Polizeikommissär sagte 2012 dem Beobachter: «Die Israeli offerierten uns, die Attentäter zu schnappen und der Schweiz auszuliefern. Aber die Bundesanwaltschaft hatte offenbar Angst oder kein Interesse.» Dass die Schweiz einen Deal mit der PLO aushandelte, hat der Polizist nicht mehr erfahren – er ist inzwischen verstorben.