Am 21. Februar 1970 riss eine Bombe 47 Menschen an Bord einer Swissair-Maschine nach Tel Aviv in den Tod. Die Attentäter – Palästinenser – waren schnell ermittelt, aber sie kamen nie vor Gericht. Mehrfach schrieb der Beobachter, die Bundesanwaltschaft habe nie ernsthaft versucht, die Attentäter zur Rechenschaft zu ziehen. Nun liefert der Journalist Marcel Gyr mit seinem Buch «Schweizer Terrorjahre. Das geheime Abkommen mit der PLO» das wohl entscheidende Puzzleteil für die Hintergründe des grössten Anschlags in der Schweiz. Die Schweiz hatte auf höchster Ebene mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) einen geheimen Deal geschlossen.

Der Kontakt lief über Jean Ziegler

Gyr zeichnet nach, wie der damalige SP-Bundesrat Pierre Graber im Herbst 1970 – dank Unterstützung des streitbaren Genfer Soziologen und langjährigen SP-Nationalrats Jean Ziegler – ein Treffen mit Farouk Kaddoumi einfädelte, dem langjährigen Chefdiplomaten von PLO-Chef Yassir Arafat. Dem Treffen vorangegangen waren dramatische Wochen.

Die PLO hatte nach dem Bombenanschlag von Würenlingen drei Flugzeuge in die jordanische Wüste bei Zerqa entführt, darunter eine Swissair DC-8. Über 400 Geiseln befanden sich in der Hand der Terroristen, als im Bundeshaus der Krisenstab tagte. Die Palästinenser pressten damals von der Schweiz jene drei verurteilten Terroristen frei, die 1969 auf dem Flughafen Kloten eine israelische El-Al-Maschine angriffen hatten.

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Gyrs Buch liest sich wie ein Krimi, wenn er etwa beschreibt, wie Bundesanwalt Hans Walder und Geheimdienstchef André Amstein im September 1970 in einem Genfer Hotel den PLO-Vertreter Kaddoumi trafen – auf Initiative von Aussenminister Graber, aber ohne Wissen des Gesamtbundesrats. Graber war am Treffen vermutlich ebenfalls dabei. Aktenkundig ist das nicht, aber der heute 84-jährige Farouk Kaddoumi und Jean Ziegler bestätigen dem Autor Gyr das Treffen. Ziegler, der am Treffen nicht teilnahm, hatte den Deal über seine Kontakte bei den Palästinensern eingefädelt.

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«Von seinem Hotelzimmer aus nahm Kaddoumi telefonischen Kontakt mit den Entführern von Zerqa auf und drängte sie zu einer gütlichen Lösung», schreibt Gyr. Am Treffen soll das «bis heute geheim gehaltene Stillhalteabkommen» besiegelt worden sein. Kaddoumi garantierte für die PLO, dass keine weiteren Anschläge auf Schweizer Ziele verübt würden. Im Gegenzug unterstützte die Schweiz die PLO dabei, bei der Uno in Genf ein Büro zu eröffnen. Gyr: «Die Schweiz diente der PLO als Steigbügelhalterin, um die Organisation auf internationalem Parkett salonfähig zu machen.»

Den letzten Beweis, dass das versandete Verfahren Teil des Deals war, bleibt Autor Gyr zwar schuldig. Aber er zieht plausible Schlüsse: Denn wer sich vorstellt, wie sich Bundesanwalt Walder heimlich mit PLO-Unterhändler Kaddoumi trifft und zeitgleich Anklage gegen die Urheber von Würenlingen erheben sollte – darunter Sufian Kaddoumi, angeblich ein Cousin des Unterhändlers –, kann sich zusammenreimen, weshalb sie nie vor Gericht gestellt wurden.

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Buchtipp

Marcel Gyr: «Schweizer Terrorjahre. Das geheime Abkommen mit der PLO»; Verlag NZZ, 2016, 184 Seiten, CHF 37.90. 

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